Die Alben des Jahres: 10 bis 01

von am 26. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

10. Frank Ocean – ‚channel ORANGE‘

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Das simultan zur Albumveröffentlichung in die Welt geschrieene Outing hinsichtlich Frank Oceans Bisexualität ist bereits jetzt nur mehr als eine kleine Fußnote an ‚channel ORANGE‚ – jenem Werk, das gefühlvollen R&B und Schmuse-Soul vollkommen ungefragt in die Wahrnehmung all jener katapultiere, die ob geschmacklosen Massenabfertigung in diesem Genre seit mindestens D’Angelo’s ‚Voodoo‚ nichts als Hohn für derartig unironisch Gefühlvolles über hatten. Die Sozialisierung im rüpelhaften Indie-Hip-Hop des Odd Future-Kollektives spielt hier keine so gewichtige Rolle für den grenzenüberchreitenden Status Quo dieses Albums, als die durch die Bank strahlenden Songs: Frank Ocean legt in sie sein ganzes Herzblut, leidet, schmachtet und beflügelt klug gebaute Kompositionen (die von D’Angelo über Prince bis André 3000 zahlreiche Fixsterne umkreisen), die seine anmutige Stimme zu einem ureigenen, geschmeidigen Seelenstriptease ausgebaut hat. Ja wirklich: nach dieser Platte ist es nicht mehr unangenehm, sich als Hörer zeitgenössischer amerikanischer Soulmusik zu outen.

Messer - Im Schwindel09. Messer – ‚Im Schwindel‘

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Im Schwindel‚ ist ein Gesamtkunstwerk. Das beginnt schon beim so anstandslos stimmigen Artwork. Dann ist da natürlich die Musik: dieser so unfassbar zwingende Rausch aus allem, was man zwischen Post-Punk und Kraut-Rock nur goldrichtig und stimmig machen kann. Aber nicht zuletzt (und natürlich irgendwo: vor allem) diese Texte: poetisch, packend, nachdenklich – so schlau, wie abstrakt und konkret. So plakativ würde er manches hier heute nicht mehr schreiben, sagte Sänger Hendrik Otremba unlängst. Da könnte man entgegnen, dass man aber vieles hier aber auch in Jahren noch genauso innig mitgröhlen wollen wird mögen („“Ich will nur einen Raum mit einem Plattenspieler/ Eine Matratze und ein Buch und ihr seht mich nie wieder!”“). Viel wichtiger aber ist in diesem Kontext ohnedies die Frage: wenn die Beteiligten selbst offenbar nach dem besten deutschsprachigen Album der letzten Jahre noch Verbesserungspotential sehen – in welche  Sphären  soll denn für die vier Münsteraner hiernach der Zenit liegen? Zutrauen tut man ihnen nun freilich alles.

Swans - The Seer08. Swans – ‚The Seer‘

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Nachdem sich mit dem Pseudo-Comeback ‚My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky‚ für Swans-Verhältnisse sachte vorgetastet wurde, und die totale Rückkehr vorsichtig durchfinanziert war, war es dann ein paar Monate vor dem veranschlagten Weltuntergangstermin soweit. In epischen Ausmaßen leiden sich Berufspessimist Michael Gira, Band und Gäste durch das aus allen Nähten platzende Doppelalbum, und stellen dabei fast so etwas wie ein quintessenzielles Best-Of auf die Beine. Beinahe alles was den Backkatalog dieser Ausnahmeband, vom Anfang der Achtziger als lärmende Industrial-Noiser bis zu den postrockigen Rundumschlägen in biblischen Ausmaßen vor dem vorläufigen Split ausmacht, Predigten, Country-Bastarde, Slowcore, Drones, Yeah Yeah Yeahs, Sonic Youth, Liebe, Tod und Teufel. Alles drauf, alles kohärent. Und selbst nach mehrmaligen Hören meint man alles und doch gar nichts verstanden zu haben. Das ideale Album um in das in Quantität und Qualität überwältigende Schaffen der Swans einzusteigen oder damit abzuschließen. Selten schreit ein Werk derartig nach Opus Magnum wie Swans‚ ‚The Seer‚, und noch seltener wird jeder Moment auf einer Platte diesem Begriff auch gerecht.

07. OM – ‚Advaitic Songs‘

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OM haben es als Erben der Band aus der sie hervorgegangen sind nicht gerade leicht. Der Name Sleep, Synonym für Pioniere des benebelten Stoner Dooms, schwebt ständig wie ein Damoklesschwert über der Band von Al Cisneros und Emil Amos, dabei deutet bei OM schon rein äußerlich auf alles hin was bei ihnen so viel anders, so viel mehr als bei den Vorgängern läuft. Ganz abgesehen davon dass sich die angestrebte Transzendenz wohl mit bewusstseinserweiternden Mittelchen einfacher erreichen lässt: hier geht es immer schon um die Philosophie des Übersinnlichen, dessen was man mit dem Ohr vielleicht nicht hören kann. Der Haken zum spüren ist da schnell geschlagen, und schon ist man bei dröhnenden Bassverstärkern und hypnotischen Mantras angelangt – die eindeutigen Erkennungsmerkmale für die in der Tradition der neueren Earth stehenden – und das sei hier noch einmal unterstrichen – Ex-Metaler. Und diese wurden nun nach mehreren bemerkenswerten Anläufen auf ‚Advaitic Songs‚ endgültig gemeistert und lassen einen schwebend leichten Monolithen zwischen meditativen Mönchs-Chorälen und variantenreichem Tieffrequenzspiel entstehen, dem man mit Freude dabei zuhört, wie jeglicher Kiffer-Konservatismus mit Leichtigkeit abgestreift wird. Das Repeat-Album des Jahres.

Converge - All We Love We Leave Behind06. Converge – ‚All We Love We Leave Behind‘

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Eine Band die niemanden mehr etwas beweisen muss, das unbestrittene Aushängeschild eines ganzen Genres darstellt, sucht sich die Herausforderungen eben in der konzeptionellen Ausrichtung ihrer Werke. Wo das in einer ganzen Reihe von famosen Alben nicht negativ auffallende ‚Axe To Fall‚ eine perfekt durchkomponierte Hardcore-Party darstellte, auf der jeder mal ran darf, verkroch man sich für den Nachfolger nun förmlich in ein Kämmerlein, und knatterte einen Kotzbrocken nach dem anderen ein, ganz ohne Einfluss von außen. Converge pur, roh, dynamisch und brutal. Mit der anscheinend nicht mehr zu wachsen aufhören wollenden technischen Versiertheit wird stellenweise und vor allem anfangs fast geprahlt, man kratzt öfter als zuvor am Metal – und trotzdem steckt hier so viel Ehrlichkeit und mit dem Zurückschalten der Gänge exponentiell wachsendes, songschreiberisches Talent dahinter, dass über das Stammpublikum hinaus Zuhörer erreicht, begeistert werden können. Und dieses Grenzen einreißen ohne Ausverkauf ist der seit über zwanzig Jahren aktiven hardest working Hardcore-Band um Jacob Bannon wohl am höchsten anzurechnen.

05. Alt-J – ‚An Awesome Wave‘

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Genauso verzweifelt, wie einen der Bandname – eigentlich  ja , aber wer soll das schon aussprechen, also lieber die entsprechende Tastenkombination Alt-J! – der jungen Kombo aus Leeds im Versuch diesen zu artikulieren hinterlässt, so groß ist das Fragezeichen hinter dem, was dieses Quartett  musikalisch eigentlich genau macht. Da schimmern nicht nur aus den ausgefallenen Rhythmusarbeiten überall elektronische Ansätze durch, mal ist das Indierock, mal Afrobeat, mal Art, mal schon beinahe Rap. Als hätte die Anticon-Crew die Beta Band, Django Django, Fleet Foxes, Radiohead und duzende weitere in eine Kammer gesperrt und auf Teufel und Beat komm raus durchgewürfelt. Letztendlich ist es natürlich vollkommen unnötig nach Indikatoren für die Ursprünge dieser so unheimlich originär klingenden Band zu suchen: weil Alt-J klangtechnisch eben alleine auf weiter Flur stehen. Diese Nischen-Vorreiterrolle füllen sie mit Jetzt-schon-Klassikern wie ‚Tessellate‚, ‚Breezeblock‚ oder ‚Matilda‚ nur zu bravorös und nach (mit Hidden Track) 14 Songs stehen Alt-J nicht nur als die hippste Band des Jahres da, sondern auch als jene, die die meisten Indie-Hits auf einem Album untergebracht haben.

Pig Destroyer - Book Burner04. Pig Destroyer – ‚Book Burner‘

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Auch auf dem fünften vernünftigen Album in knapp fünfzehn Jahren und nach Personalveränderung an der Schießbude können die Könige des Grindcores Pig Destroyer trotz der immensen Erwartungshaltung wohl nicht enttäuschen. Obwohl ‚Book Burner‚ äußerlich einen Schritt nach vorne und zwei zurück vermuten lässt, begeistert JR Hayes immer noch mit einer der markerschütterndsten und die wunderbarsten Texte des Genres schmetternden Stimme, Scott Hull als Gitarrenzampano könnte wohl auch Standmixergeräusche zu catchy sägenden Thrashriffs uminterpretieren, und Adam Jarvis prügelt sich durch jede noch so anspruchsvolle Stop and go-Passage mit der Präzision eines Drumcomputers. Die produktionstechnische Gewalt des Vorgängers ‚Phantom Limb‚ wurde auf wunderbarste mit der an Progressivität armen Brachialität eines ‚Terrifyer’s oder dessen Vorgängern kombiniert, und so finden Pig Destroyer auf ‚Book Burner‚ nicht nur in ihrer Quintessenz statt, sondern fixieren mit dem Beweis das sich Brutalität und Kreativität nicht ausschließen ihren Standpunkt als beste existierende Grindkombo.

The Menzingers – On the Impossible Past03. The Menzingers – ‚On the Impossible Past‘

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Natürlich ist ‚On the Impossible Past‚ in erster Linie das beste Punkrock-Album des Jahres geworden, genau genommen wahrscheinlich sogar das beste seit zumindest ‚Sink or Swim‚. Insgeheim ist es aber noch weitaus mehr: die vielleicht optimale Konsensplatte des Genres (ohne dafür Kompromisse eingehen zu müssen) jüngeren Ursprungs und darüber hinaus das ideale Annäherungwerk für Menschen, die ansonsten wenig mit Punkrock anfangen können. Weil The Menzingers hier eben 13 Hits (ausnahmslos!) und annähernd ebenso viele nostalgische Lieblingslieder für die Ewigkeit geschrieben haben, die nicht nur wegen der auffälligen Midtempo-Lastigkeit Vergleiche zum großen ‚White Light, White Heat, White Trash‚ aufkommen lassen, sondern weil hier schlicht universal auf unzähligen Ebenen funktionierendes Songwriting am Werk ist. Der Qualitätssprung, den die vier Freunde aus Scranton hier hinlegen ist genau genommen nicht so eklatant groß wie jener zwischen ‚A Lesson in the Abuse of Information Technology‚ (2007) und ‚Chamberlain Waits‚ (2010) – dafür hat dieser geradeaus in die Makellosigkeit geführt.

Pallbearer - Sorrow and Extinction02. Pallbearer – ‚Sorrow & Extinction‘

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Der gefeierten Doomband aus Arkansas, die obwohl sie schon mit ihrer Demo aus 2009 aufhören ließen relativ überraschend auf den Plan trat, gelingt mit ihrem Debut etwas, wofür selbst Genregrößen mehrere Alben und Jahre Anlaufzeit benötigen. ‚Sorrow & Extinction‚ vermittelt vom ersten Ton des getragen epischen ‚Foreigner‚ das Gefühl es mit einem Klassiker zu tun zu haben, als wären jahrelang im Genre tätige alte Hasen da an den Instrumenten und hätten endlich nach viel Mühe ihr definitives Meisterwerk auf Platte gepresst. Brett Campbell am Mikrofon kanalisiert einen jungen Ozzy Osbourne genauso wie einen Patrick Walker an der Gitarre. Die fünf getragenen, majestätischen Songs geben sich die gänsehautträchtigen Melodie-Klinken wie zu besten Saint Vitus-Zeiten in die Hand, keine Veröffentlichung dieses Jahres, das an hochqualitativen Doom-Platten nicht arm war, ja der letzten Jahre atmeten aus jeder Pore derart klassischen Doom wie es ‚Sorrow & Extinction‚ macht, wofür vielleicht auch der reichlich verspätete Moment spricht, an dem man endlich schwarzes Wachs aus dem kitschig aufgemachten Karton auf den Plattenteller legen konnte, und es sich einfach richtig anfühlte. Hier spielt sich im Kopfkino gleichzeitig Der Herr der Ringe und ein verschwitztes Danzig-Konzert in Zeitlupe ab, Lee Dorian liefert sich einen The Sword-Kampf mit dem Sensenmann. Pallbearer unterscheidet von den abermillionen, großteils talentierten anderen Doombands tatsächlich so etwas wie Magie.

Fiona Apple - The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do01. Fiona Apple – ‚The Idler Wheel…‘

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Viel braucht es bei flüchtiger Betrachtung nicht für das eindeutige Album des Jahres: nach über sieben Jahren Pause und den frustrierenden Erfahrungen rund um ‚Extraordinary Machine‚ hat Fiona Apple mit Produzent, Multi-Instrumentalist und Tour-Schlagzeuger Charley Drayton ein fragiles Pop-Wunderwerk gezimmert, dass sich zu 90 Prozent auf zerbrechliche Pianolandschaften, leises Schlagzeugspiel und natürlich die so schicksalsgebeutelte Stimme der 35 jährigen New Yorkerin reduziert. Der Teufel schlummert freilich im Detail: in den erschütternden Songtexten über den betörenden Melodien, in den stets so durchdachten Produktionsfinessen, in der sorgsam konstruierten Atmosphäre, in der alles überragenden Dichte des fehlerfreien Songwritings. Aus jeder einzelnen Pore trieft der Weltschmerz der depressionsgebeutelten, formvollendeten Künstlerin Fiona Apple, niemals aber affektiert oder theatralisch, viel eher bleibt das Gefühl zurück, sich voveuristisch am härtesten, auslaugensten Seelenstriptease des Jahres beteiligt zu haben. Die kratzbürstige Schönheit ‚The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do‚ klingt dabei wie nichts, was Fiona Apple bisher geschaffen hat, es klingt aus dem Fenster gelehnt sogar wie nichts, was die eigentlich artverwandte Riege um Tori Amos, Kate Bush und Co. jemals schaffen könnten: 42 Minuten, die mehr Hardcore sind, als das Gros der Hardcore-Veröffentlichungen da draußen. Hier geben sich verstörende Intimitäten und weltumarmende Zugänglichkeit die Hand bis es brutalst schmerzt. Fiona Apple hat für ihr viertes Album in über sechzehn Jahren jedes Gramm Herzblut aus ihrem schmächtigen Körper gekotzt und damit nicht nur ihr bisher bestes Werk erschaffen, sondern auch einen beispiellosen Monolithen für 2012 – und darüber hinaus.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01

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