Die Alben des Jahres: 40 bis 31

von am 26. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

Liars - WIXIW40. Liars – ‚WIXIW‘

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WIXIW‚ ist einfach erklärt, nichts weiter als ein Platzhaltername für Bandintern verschickte Sounddateien. Wish You klingt da gleich viel schöner, mysteriöser – so wie die Liars auf ihrem sechsten Album es sein möchten, sind. So in sich geschlossen und abgeklärt wie schon seit ihrem Meisterwerk ‚Drum’s Not Dead‚ nicht mehr gehen die Wahl-Berliner hier an die Sache heran, liebäugeln nur augenscheinlich mit dem Tanzboden, kanalisieren mit einem der Songs des Jahres ‚No.1 Against The Rush‚ viel mehr Radiohead durch den Emotionslosigkeits-Fleischwolf gedreht. Wenige Songs des Albums stehen da hinten an, mal pluckert die Akustikgitarre, mal pumpt der Titeltrack, über allem jedoch steht der kalte Blick von einer mittlerweile getrost als Avantgarde-Veteranen zu bezeichnenden Band, die den Hörern nichts mehr beweisen muss.

Ty Segall Band – Slaughterhouse39. Ty Segall Band – ‚Slaughterhouse‘

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Authentischer im Fundus der Stooges und allem, was sich unter Fuzz-Gitarren und Feedbackorgien irgendwie als Garage- Punk oder Rock einstufen lassen würde hat dieses Jahr wohl niemand als Ty Segall. Auf jeden Fall hat es niemand häufiger getan als er, ist ‚Slaughterhouse‚ doch nur der vor Blut und Schweiß triefende Gipfel seiner niemals nostalgischen, sondern immer gnadenlos in die Vollen gehenden Retrospektive, die 2012 allerlei Soloausflüge und Kollaborationen parat hatte. Die Pegel schnellen stets schnurstracks in den roten Bereich, da heult Segall unbarmherzig von seiner tollwütigen Band angetrieben den Mond an. Für zehn Songs benötigt die Meute keine 28 Minuten, weil manche Attacken hier in unter 100 Sekunden durch die Ziellinie hetzen – den abschließenden ‚Fuzz War‚ erweisen die Rabauken jedoch standesgemäß über zehn Minuten die bestialische Ehre.

38. Graveyard – ‚Lights Out‘

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Lights Out‚ macht wenig – bis genau genommen nichts – anders als der unbetitelte Graveyard Einstand von 2008 und schon gar nicht im Vergleich zum direkten Vorläufer ‚Hisingen Blues‚. Damit fehlt dem dritten Album der Schweden vielleicht das erschlagende Überraschungsmoment (und zugegebenermaßen auch der letzte Kniff, um ‚Hisingen Blues‚ auf Augenhöhe begegnen zu können), dass die vier Traditionalisten 2011 praktisch aus dem Nichts als adäquateste Erben von Led Zeppelin, Black Sabbath und Co. auswies. Für ‚Lights Out‚ ist das trotzdem kein Manko. Weil Graveyard  abermals keinen  schlechten Song zustande gebracht haben, darüber hinaus glänzen; mit Stücken wie ‚Goliath‚ unkomplizierte Hits am Fließband servieren und dank ‚Slow Motion Countdown‚ sogar die epische Breitwandballade für sich entdeckt haben.

Evoken - Atra Mors37. Evoken – ‚Atra Mors‘

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Geschlagene fünf Jahre ließ sich die Funeral Doom Institution Evoken für ein vollwertiges Album Zeit. Zeit, die nun Angesichts der zähflüssigen Todeswalze ‚Atra Mors‚ geradezu bedeutungslos erscheint. Tonnenschwere Riffs schleppen sich in meditativer Härte und Erbarmungslosigkeit über bestialische Growlpassagen und schwelgende Synthielandschaften. Evoken verlangen immer noch nach intensiver Beschäftigung, die volle Stunde Spielzeit zu verfolgen kommt einer bewusstseinserweiterten Kraftanstrengung gleich – für Band wie für Fans. Das verstörende Pestkonzept walzt sich unnachgiebig in Richtung Genre- und Band-Klassiker, dass ausgerechnet das aktuell vielleicht wichtigste Metal-Label Profound Lore ‚Atra Mors‘ veröffentlicht, passt da nur wie die Faust aufs Auge.

Title Fight - Floral Green36. Title Fight – ‚Floral Green‘

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Die Senkrechtstarter von Title Fight entfernen sich auf ihrem zweiten Album eine ganze Ecke vom Walter Schreifels-affinen Hardcore ihres juvenilen Debütalbums ‚Shed‚ und orientieren sich im zweiten Anlauf stärker an allen Ecken des Indierocks, des Grunge und servieren eben auch wieder: knackigen Punkhymnen ala Jawbreaker oder Knapsack. Diese fächern Title Fight zwischen den offenkundigen Vorbildern in rasantem Übermut auf, der sprudelnde Spielwitz der jungen Band möchte am liebsten in die Fußstapfen dutzender prägenden Bands der 90er treten. Und doch schürfen Title Fight diesmal noch stärker ihren eigenen Charakter aus dem Amalgam der Einflüsse, schmeißen mit impulsiven Hits und Ohrwürmern nur so um sich und zeigen damit noch fulminanter als je zuvor, wie spielend leicht Geschichtsunterricht und Aufbruchstimmung Hand in Hand gehen können.

The Men - Open Your Heart35. The Men – ‚Open Your Heart‘

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Open Your Heart‚ ist nicht mehr der unmittelbare Noise-Rock der ersten beiden The Men-Alben, selbst wenn das endgültige Durchbruchs-Werk der Brooklyner Kombo das ungestüme Feuer der Anfangstage stets in sich trägt. Kanalisiert wird dies diesmal jedoch in unterschiedlichsten Formen: als räudiger Garage-Punk (‚Animal‚), zurückgelehnter Country (‚Country Song‚), ausufernder Psych-Rock (‚Oscillation‚), gemütlichen Pop (‚Candy‚) und soviel mehr. Grenzen anerkennen The Men hier keine mehr, zumindest nicht im eigenen Eifer ein Feuerwerk nach dem anderen quer durch alle Genres zu zünden. Das beste daran ist aber, dass ‚Open Your Heart‚ trotz seiner Vielfalt ein von vorne bis hinten stimmiges Album geworden ist, ein homogener Staffellauf durch die musikalische Sozialisierung der Band, geradewegs in eine vielversprechende Zukunft. Da applaudieren nicht nur die Buzzcocks am Seitenrand für den dreisten Titelsong.

The Mars Volta - Noctourniquet34. The Mars Volta – ‚Noctourniquet‘

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Dem sechsten The Mars Volta Album ging ein Kampf voraus, an dem die Band – oder zumindest das kreative Band zwischen den kongenialen Langzeitfreunden Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala – letztendlich oder zumindest vorerst zerbrach. Erstmals gab Banddiktator Rodriguez-Lopez weitreichende Kompetenzen an seinen Sangespartner ab, was zur längsten Bandpause in der Geschichte der At the Drive-In-Nachfolger ausgerechnet auch zu jener Zeit führte, als At the Drive-In wieder für einige Konzerte zusammenfanden. Rundum scheint Rodriguez-Lopez aber Frieden mit seiner Vergangenheit gefunden zu haben: während Bixler-Zavala mit Model-Gattinund Scientology-Banner auf roten Teppichen aufmarschiert um sich von der Arbeit an seinem Solodebüt abzulenken, liegt der Fokus des mageren Alleskönners Rodriguez-Lopez nun klar auf seiner neuen Band Bosnian Rainbows. Die ersten Songs dabei bereits besser als nur  vielversprechend – und dass, obwohl The Mars Volta mit ihrer berauschenden Schwanengesang-Neuerfindung als schräge Mischung aus „Future Punk“ und kompliziertem Pop die Latte abermals extrem hoch gelegt haben.

Japandroids - Celebration Rock33. Japandroids – ‚Celebration Rock‘

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Japandroids funktionieren eigentlich nach dem Schema F der Rockmusik, wären in einer besseren Welt die Stooges, die Guns’n’Roses, die Faith No More unserer Zeit. Das (und vor allem ‚The House That Heaven Built‚) haut auf Platte schon alles ausgezeichnet hin, ist guter alter verschwitzter Arbeiterrock mit Witz und einer gehörigen Portion Gescheppere. Über ihre instrumentalen Limitierungen hinweg explodieren die Japandroids nicht weniger als auf dem exzellenten Debut ohne Pause vor sich her, zünden eine catchy call and response Bombe nach der nächsten und auch inhaltlich werden keine Gefangenen gemacht – Weiber, Saufen, Leben, Lieben, Himmel oder Hölle. Kennt man ja, nur: live hebt sich das ganze jedoch nochmal in andere Sphären. Wie sehr sich die Spielfreude des Duos unter Livebedingungen nochmal mit sich selbst multipliziert ist erstens schwer zu glauben und hat zweitens eigentlich nicht viel mit dieser Auflistung hier zu tun, aber mal im Ernst: man sehe sich die beiden mal live an. Und kaufe dann dieses Album hier. Ist sehr gut.

Code Orange Kids - Love is Love // Return to Dust32. Code Orange Kids – ‚Love Is Love//Return to Dust‘

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Kurz bevor das in den Staaten bereits mordsmäßig eingeschlagen habende Debütalbum der jungen Bande aus Pittsburgh weltweit veröffentlicht wird, schlägt das Schicksal in Form diebischer Krimineller zu: Code Orange Kids werden in New Orleans bestohlen, Equipment im Wert von über 10.000 Dollar verschwindet, dazu die gesamten Einnahmen der laufenden Tour. Die zierliche Brüllwürfeldame Reba Meyers und ihre Jungs machen, was man Angesichts einer Naturgewalt wie ‚Love is Love // Return to Dust‚ tun mu -, dem Titel folgend wie entgegenwirkend: sie bringen ihren unberechenbaren Hardcore mit den stets überraschenden Wendungen und Spannungsänderungen mit geliehenen Instrumenten weiterhin auf die Bühne, lassen sich nicht unterkriegen, beginnen ganz von vorne. Vielleicht ist alleine dadurch sicher gestellt, dass das Quartett auch im zweiten Anlauf einen derart schmutzigen  Klumpen Wut und Hass auf Tonträger bannen können wird.

Kendrick lamar - Good Kid, M.A.A.D City31. Kendrick Lamar – ‚good kid, m.A.A.d city‘

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Was wurde Kendrick Lamar im Vorfeld mit Lorbeeren überhäuft, die einen beinahe irren Erwartungsdruck auf das offizielle Debütalbum des 25 jährigen gelegt haben. Offenbar kein Thema für Lamar, der auf ‚good kid, m.A.A.d City“ nicht nur eine schwindelerregende Masse an Produzenten und Gaststars auffährt (und mindestens ebenso viele gleich wieder unter den Tisch kehrt), sondern den Erwartungsdruck auch nahezu spielend stemmen kann: mit einem Konzeptwerk über seine Heimat Compton samt geschmeidiger Coming of Age-Texten (auch jenseits der prolligen Klischeegrenze) und großem Tratra, dem hier eben auch Taten folgen. Anders gesagt: Kendrick Lamar hat abgeliefert, was alle Welt von ihm erwartet hat – das beste Mainstream Hip Hop Album 2012.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01

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