Aimee Mann – Mental Illness

von am 11. April 2017 in Album

Aimee Mann – Mental Illness

Aimee Mann hat die fünf Jahre dauernde Plattenpause seit dem grundsolide langweilenden Charmer ideal genutzt, um sich mit Mental Illness auf eine ihrer Kernkompetenzen zu besinnen: Kleinode wunderschön berührender Melancholie, die ihrem Image so konventionell wie effektiv in die Hände spielen.

Mann selbst geht sogar noch weiter und erklärt ihr mittlerweile neuntes Studiowerk gar zu ihrer „saddest, slowest and most acoustic“ Veröffentlichung überhaupt – und untertreibt damit nicht. Mental Illnesses braucht selten mehr als Mann und ihre so intime wie unnahbar über den Dingen schwebende Stimme. Dazu sparsam angeschlagene Akustikgitarrenakkorde vor einer unheimlich dezent arbeitenden Rhythmusabteilung, Marke: Besen anstelle von Sticks. Sowie behutsame Streicher, die subtil im Hintergrund aufbranden und leise Akzente setzen.
Immer treiben die 39 Minuten so mit aller Ruhe an erhaben das Lächeln ins Gesicht zaubernden Melodien vorbei, begegnen Texten voller trauriger Figuren, gebrochener Personen und filigran tröstender Weisheiten: Mann bietet die Schulter zum ausheulen und festhalten an. Mal steht sie dazu als kluge Beobachterin außen vor, mal ist sie unmittelbar von den großen und kleinen Auswirkungen der menschlichen und emotionalen Mental Illness betroffen. Immer hört man sie dabei zeitlos über den schmalen Grat aus aufmunterndem Trost und zu Tode betrübender Wahrhaftigkeit schwelgen, zwischen ätherischem Singer-Songwriter-Folk, elegant 70er affinem Soft Rock und bezaubernd privatem Kammerpop.

Schöner als im Gänsehaut-Niedergang Philly Sings ist das Mann vielleicht noch nie gelungen. Zumindest aber nicht seit ihrem unsterblichen Bachelor No. 2 or, the Last Remains of the Dodo, auf dem die Melancholie eventuell sogar noch weniger fragil war als hier. Schwebt das Unheil doch endlich wieder mit einer so wohligen, ergreifenden Würde über jeder scheinbar noch so (un)erfüllten, exzentrischen Existenz am Scheideweg aus „parties“ und „prayer„.
He picks a girl he can live without“ singt Mann eine der erdrückendsten (weil mit so simplen Mitteln die Diskrepanz aus Miteinander und Einsamkeit beschreibend) Textzeilen Ihrer Karriere, wie nebenbei vor schunkelnder Unaufdringlichkeit im andächtigen Walzer funkelnd. Mann stellt sich eben nicht selbst in den Mittelpunkt ihrer Songs, gibt niemandem das Gefühl alleine zu sein. Die Streicher schmiegen da zärtlich in das Geschehen, sind aber so unendlich  bittersüß. Nehmen einen in die Hand – doch nur, um in den Abgrund zu schweifen. „Philly thinks, and when he thinks he can’t feel anymore/ Philly drinks, and when he drinks, all the drunks hit the floor/ Philly sinks, and when he sinks you go down/ And when you do, you both drown.
Plötzlich erscheint die destruktive Depression da wie die lauschigste Geborgenheit, der Schmerz grazil und wärmend.

Das zärtliche Mental Illness bewegt sich generell in diesem wenige Ausreißer nach oben oder unten forcierenden Spannungsfeld, variiert neben den schlauen, vielschichtigen Texten die Klasse seines balladesk-getragenen Songwritings anhand feiner dynamischer Nuancen um eine gewisse Gleichförmigkeit, kontemplativ und mit sich selbst im Reinen.
Durch das elegische Goose Snow Cone tänzeln also weihnachtliche Schellen, der betörend aufmachende Marsch von Stuck in the Past installiert die gesäuselten Harmonie-Backgroundgesänge der Platte. In Lies of Summer kommen das Schlagzeug und der Bass ausnahmsweise ein wenig weiter in den Vordergrund, bleiben wie alles hier aber scheu. Patient Zero klingt deswegen wie ein entwaffnender Oldschool-Shins-Ohrwurm mit verspielten Streichern, und das entwaffnenden Good for Me fußt auf einem nachdenklich angeschlagenen Klavier. Die atmosphärisch offene Dichte und kummervoll getrübte Stimmung suchen sich jedoch auch hier dennoch klammheimlich immer wieder vor allem den kleinen optimitischen Funken, um in den Bann zu ziehen, streicheln die verlorenen Seelen auf einer stets so vertraut und vertraulich wirkenden Ebene, spenden gerade in ihrer Verletzlichkeit Milderung und Hoffnung.
Im abschließenden Poor Judge wagen die Arrangements sogar beinahe doch noch den Sprung zu feierlichen Geste, toben sich aber mit zurückhaltender Hymnik aus, während Mann über die ambivalente Benennung ihres stärksten Albums seit über einem Jahrzehnt verstohlen schmunzelt: Ja, das angenehme Mental Illness drückt einem seinen programmatischen Titel schelmisch altklug ins Gesicht und ist derart melancholisch, wehmütig und gedankenvoll geworden, wie es eigentlich nur das pure Klischee vom Images der 56 Jährigen verlangen kann. Und ja, das ist gerade deswegen auch einfach wunderschön berührend.

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