Beach House – Thank Your Lucky Stars

von am 21. Oktober 2015 in Album

Beach House – Thank Your Lucky Stars

Victoria Legrand und Alex Scally haben es satt, dass sich ihre Studioalben in der Vergangenheit stets mit Leaks herumschlagen mussten, die die offiziellen Erscheinungsdaten großzügig unterliefen. ‚Thank Your Lucky Stars‚ kommt deswegen nicht einmal zwei Monate nach der Vorgängerplatte ohne große Vorlaufzeit – nur neun Tage vor dem Release angekündigt – praktisch aus dem Nichts daher.

Von einem restverwertenden Griff zur Ausschusswarenmottenkiste wollen Beach House dabei jedoch nichts wissen: „this is not a companion to ‚Depression Cherry‚, or a surprise, or b-sides“ sagen sie über die in den selben Sessions entstandenen, nun nachgereichten 9 Songs.
Stimmt! Der Charakter des sechsten Studioalbums des gemischtgeschlechtlichen Duos aus Baltimore unterscheidet sich merklich von seinem Vorgänger: Die Stimmung ist optimistischer, leichter, lichter, unbeschwerter. ‚Thank Your Lucky Stars‚ arbeitet dazu dezenter und auch minimalistischer mit seinen Dreampop-Bauplänen, bietet seinen Songs mehr Raum für eine gewisse Grundnaivität und ist damit näher dran an den ersten beiden Studioalben, insofern auch merklich Gitarrenlastiger – ‚All Your Yeahs‚ gönnt sich im Finale gar eine losgelöste Soloeinlage.

Die thematisch bedingte Trennung des vorhandenen Materials macht also nicht nur Sinn, um den verletzten Stolz zu kitten – oder zumindest in irgendeiner Weise wieder einmal mit einem Überraschungsmoment aufwarten zu können. Hat ‚Thank Your Lucky Stars‚ unter verschobenen Erwartungshaltungen doch von vornherein mit zumindest zwei gravierenden Problemen zu kämpfen. Erstens ist der Sättigungsgrad für neue Beach House-Songs nach ‚Depression Cherry‚ zumindest für dieses Jahr an sich bereits erreicht worden, weil Legrand und Scally ihr Trademark-Songwriting zweitens eben auch nicht auf dem Niveau von ‚Bloom‚ oder ‚Teen Dream‚ weiterführen und hier nach wie vor mit leichten Ermüdungserscheinungen zu kämpfen haben. Im Grunde sind auch alle hier aufgefahrenen Kompositionen „nur“ Amalgame bekannter Melodien und Herangehensweisen, beinahe Versatzstücke alter Songs.
Tatsächliche Überraschungen muss man praktisch also selbst dann nicht erwarten, wenn in ‚Rough Song‚ ein beinahe gen Hip Hop dahergesungener Refrain auftaucht. Weil der gefühltermaßen unzählige Male exakt gleich gehörte Drumbeat sagt: Es ist egal. Diesmal aber eben vor allem im guten Sinne: Verortet sich ‚Thank Your Lucky Stars‚ dank seiner Vertrautheit auf den Erstkontakt noch in der völligen Egalität, vereinahmen die Gegebenheiten die nur bedingt optimistisch verankerten Aussichten nach und nach, indem die Platte relativ beiläufig zu einer mehr als zufriedenstellenden Erweiterung des Beach House’schen Songpools plätschert, Sympathien auf unaufdringliche Weise zurückfordert.

Die aufgebaute Atmosphäre ist fesselnder, anschmiegsamer und lädt wenig greifbar zum sich darin verlieren ein. Plötzlich erscheint wieder vieles liebenswerter, gespenstischer, verwunschener – man schöpft nach dem dunklen ‚Depression Cherry‚ nur zu gerne wieder Hoffnung und atmet befreit durch: ‚Thank Your Lucky Stars‚ funktioniert weniger forciert, sondern spielerisch unbeschwert aus den Synthie-spielenden Handgelenken getröpfelt, bedient die Stärken der Band adäquater, ohne zu Ermüden.
Bezeichnend für die aktuelle Verfassung von Beach House an sich und für ‚Thank Your Lucky Stars‚ im Detail ist deswegen, dass auf eine kaum Eindruck hinterlassende Fingerübung wie ‚Common Girl‚ absolut nahtlos eine ätherische Wolke der Schönheit namens ‚The Traveller‚ folgt, deren meisterhafte Balance aus melancholischer Schwere und leichtlaufender Mühelosigkeit optimal auf den Punkt bringt, was Beach House in diesem Metier schlichtweg besser können, als nahezu alle anderen Dreampop Bands da draußen.

Bisweilen auftretende Leerlaufphasen in den 41 Minuten wiegt dies weitestgehend auf, dann und wann beschwört das Album gar eine regelrecht nostalgische Magie: ‚Somewhere Tonight‚ hat eine ähnlich feenhafte Eleganz wie die aktuelle Lana del Rey-Platte ‚Honeymoon‚, das überragende ‚Elegy to the Void‚  stellt dann ganz gemächlich aufgebaut sogar alle Weichen für eine der bisher größten, majestätischsten und bezauberndsten Machtdemonstrationen der Band, biegt dann aber irgendwann unter Gebühr ein wenig in die Beliebigkeit und fadet bequem aus.
Das vor allem hinten raus extrem souverän auftrumpfende  ‚Thank Your Lucky Stars‚ macht eben keineswegs alles richtig, korrigiert die Beach House-Bilanz des Jahres 2015 aber mit einer betörenden Schwerelosigkeit nach oben. Viel wichtiger für die Rezeption der weiteren Zukunft der Band aber: Das Album ignoriert mit einem beinahe unmerklichen, bittersüß ausgestreuten Suchtpotential irgendwann gar den theoretisch bereits vorhandenen Sättingungsgrad an derart gepolten Songs (vielleicht lag diese Wahrnehmung also doch einzig an der zugrunde liegenden Qualität von ‚Depression Cherry‘?) und suggeriert eine vor einem Monat noch kaum für möglich gehaltene Einstellung. Neuerlicher Nachschub aus dem Hause Beach House kann eigentlich wieder nicht früh genug kommen.

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