Bell Witch – Mirror Reaper

von am 25. Oktober 2017 in Album, Heavy Rotation

Bell Witch – Mirror Reaper

Selten zuvor hätte sich ein Album aufgrund seiner Veranlagung und Institution derart wortwörtlich der Klassifizierung Funeral Doom angeboten wie Mirror Reaper. Doch Bell Witch ziehen ihr zutiefst melancholisches Requiem aus dem heavy walzenden Metal immer weiter in sphärisch trauernde Ambientwelten voll stiller Agonie.

Mirror Reaper zu hören heißt sicherlich auch, die tragische Hintergrundgeschichte seiner Entstehung vor Augen zu haben: 2016 verstarb (der zu diesem Zeitpunkt unlängst aus dem Bandgefüge von Bell Witch ausgeschiedene, sich auf seine Arbeit mit Morose konzentrierende) Drummer und Co-Sänger Adrian Guerra unerwartet im Alter von nur 36 Jahren– justament, nachdem Bell Witch mit Four Phantoms ein herausragendes Genrewerk in all seiner konzeptionellen Pracht veröffentlicht hatten und auf dem vorläufigen Zenit ihrer Karriere angekommen waren – auch an dieser Stelle fand sich das zweite Album des Duos aus Seattle weit vorne in der Jahresabrechnung wieder und hinterließ rund um den einhergehenden Adventskalender-Auftritt von Bell Witch zudem einen enorm entgegenkommenden, freundlichen und bodenständigen Eindruck der Band.

Während Neo-Drummer Jesse Shreibman (der den Stil von Guerra gefühlvoll übernimmt, adaptiert und erweitert – „Adrian had a very distinctive vocal and drum style that took some time for me to adjust to when it came to playing the songs off of Four Phantoms and Longing. On Mirror Reaper, I tried to keep a similar percussion style to the previous recordings, while adding my own style and signatures to make sure someone could listen to the old and new material back to back without it feeling jarring.“) und Dylan Desmond jedwede Trauerarbeit mehr oder minder in der Öffentlichkeit leisten mussten, stand ihre Band vor einer ungewissen Zukunft.
I found it near impossible to mourn with so much attention“ erinnert sich Desmond,  „his death definitely changed the way we looked at what we were doing at the time„. Diese Erfahrungen in einer adäquate Platte zu verarbeiten, sollte sich insofern als purer, erschöpfender Kraftakt erweisen, eine Herausforderung. „If we’re going to go on, it had to be something remarkable„, so Desmond. „We wanted to make sure to honor him the best we could, all while making sure we were doing something unique from the previous recordings„.
Am Ende dieses Prozesses steht Mirror Reaper: Ein knapp eineinhalb stündiger, Raum und Zeitgefühl auflösender Songmonolith, homogen wachsend und in sich geschlossen, aufgeteilt auf die beiden Suiten As Above (48 Minuten) und So Below (36 Minuten). Alleine diese Erscheinungsform macht das Drittwerk von Bell Witch dann auch bereits zum nonkonformistischen Leviathan, der keine falschen Kompromisse einzugehen bereit ist. „It was suggested to us that an 84-minute song may shrink the audience that will listen to the song. We understand that, but nothing about this song was written for someone who can’t listen to it.

In dieser Ausgangslage ist Mirror Reaper also per se kein Album, dem man vollkommen unvoreingenommen begegnen kann, und keines, das sich nebenbei konsumieren lässt. Wie die jüngeren Swans-Platten oder das legendäre Dopesmoker ist Mirror Reaper zu monumental, fordernd und speziell, als dass man es tatsächlich oft und regelmäßig hören kann oder will – und ja, ein paar marginale Kürzungen und rein theoretisch mögliche Trackmarks in As Above hätten den Wiederhörwert erhöhen können.
Jedoch geht es Mirror Reaper eben tatsächlich niemals nicht darum, potentielle Einstiegshilfen zu ermöglichen und dem Hörer unbedingt entgegenzukommen. „To split the piece up would do it a disservice. It was obvious to us that it was one piece. We discussed designating movements to make the listening process easier, but decided against that also. We don’t feel that the music is trying to convey anything easy.
Dafür ist der Ausflug in diesen Klangkosmos bei jedem Mal aufs Neue eine faszinierende, auslaugende, aber auch zutiefst belohnende Odyssee in die respektvolle Katharsis eines niemals tatsächlich aggressiv zu Werke gehendenen Universums der Melancholie. Die elaborierte Länge ist beinahe niemals ein prätentiöses Stilmittel zum Selbstzweck, sondern schlichtweg die nötige Ausdrucksform, um das Songwriting aus der schier endlos scheinenden Trauer wachsen zu lassen. Jeder Aufbau wirkt organisch, ein Entscheidung und Passage ergibt die nächste. Die Band folgt ihren Emotionen weitestgehend ohne Bruchstellen und entfernt sich damit auch bewusst immer weiter von der Heavyness und Härte vergangener Tage. Der melodische, unverkennbar klingende Bass dirigiert die Komposition, das Schlagzeug antizipiert, die Stimung definiert die Bewegung. Mirror Reaper ist deswegen letztendlich so wenig traditioneller Funeral Doom, wie Wider than the Sky (2016) im herkömmlichen Sinn Doom ist – auf eine gewisse Weise ist den beiden Platten aber ein ähnliche, weil so sehnsüchtige und unerfüllte Schönheit zu eigeun.

Unheilvoll und abgrundtief traurig breitet sich As Above über seinen betrübt sinnierenden Bass aus, schlägt seine Wurzeln nach knapp drei Minuten mit harter, stoischer Überlegtheit aus: Die wuchtigen Drums poltern, begleiten die Harmonien aber, wollen kein Tempo machen, sondern brüten eher. Die Melodie hat etwas von einem bis zur Unkenntlichkeit entschleunigten Rains of Castamere; bedrohlich, massiv und heroisch. Langsam fließt ein Synthie in die Walze, fächert sich orgelschwer auf, und die sakrale Stimmung gewinnt durch die röchelnden Growls. Ein besessener, schwergängiger Sog, dickflüssig und malträtierend.
Nach knapp zehn Minuten klärt die Masse beschwörend auf, Bell Witch sind im Bauch ihrer Kathedrale angekommen, schleppen sich durch eine leidende Messe, variieren die Bassskulpturen, rund um die flackernden Luster herrscht Finsternis. Die spartanischen Elemente beginnen in die Höhe zu streben, so erhebend und hymnisch. As Above darf hier ein wenig durchatmen, findet zu seiner Mitte, einer intimen Ein- und Rückkehr zu den anfänglichen Motiven. Die atmosphärische Dichte, das Ambiente und Breitenwirkung der vielschichtig texturierten Landschaft ist imposant, kriecht ehrfurchtgebietend unter die Haut, schließt die Augen und lässt unwillkürlich durch eine originäre Klangwelt treiben.
Erst nach 25 Minuten kriechen mystische Gesänge in den leisen Korpus zurück, der die andersweltartige Schwere von frühen Godspeed You! Black Emporer-Postrock-Elegien inne hat, bevor Bell Witch As Above heftig detonieren lassen, flehen und greinen, keifen und fauchen: der Mirror Reaper rumort hier mit droniger Garstigkeit, kann zupacken und böse werden, fängt dann jedoch in verzweifelnder Eleganz an zu gleiten. Der Song öffnet sich also für einen Pallbearer‚esken Pathos und eine edle Hymnik, bremst sich zähflüssiger in eine bestialische Grandezza und monströse Verzweiflung. Bell Witch etablieren hier die Gangart der restlichen Komposition, agieren auf auslaugende Art ergreifend und während die Orgel den Sound deutlicher dominiert, schleppt sich As Above zu einem rauh gegrowlten Part, um den herum sich ein Slow Mo-Rifff türmt.

So Below übernimmt hier als entschleunigt-ätherische Nachdenklichkeit mit Klargegesang, klingt eher wie eine der entrückten Balladen von Toby Driver und Kayo Dot: Verletzlich, fragil und minimalistisch. Harscher wird Mirror Reaper nicht mehr werden, allerdings umso versöhnlicher.
Es steht der Band ausgezeichnet, wie sie sich in die Weichheit der Melodie legt, während die Produktion von Billy Anderson rundherum fein nuancierte Akzente setzt, immer wieder zarte Beckenschläge aufbranden lässt oder die Tiefe des Sounds imaginativ verdichtet. Bell Witch sind merklich zum Kern ihrer Trauerarbeit vorgedrungen, schwelgen und treiben, beruhigen sich. Da ist keine Wut, nur subtile Agonie, stille Verzweiflung und eine in sich gekehrte Zerbrechlichkeit, die an der Hand nimmt und in Sphären führt, die das absolut atemberaubende Artwork von Mariusz Lewandowski bereits andeutet.
Mehrstimmige Harmonien rund um die verzaubernde Stimme von Erik Moggridge gleiten in ein Orgelmeer,
lösen sich mit traumwandelnder Ambient-Ästhetik in dem transzendentalen Mahlstrom auf. Vielleicht schließen Bell Witch über diesen weitläufig Abgang sogar Frieden mit ihren inneren Dämonen und dem Ableben von Guerra, dem sie das größte Denkmal zu diesem Zeitpunkt der Platte bereits gesetzt haben: Am kulminierenden Schnittpunkt As Above und So Below benutzen Desmond und Shreibman Aufnahmen aus dem Archiv und schüren quasi mit einem  posthumen Beitrag von Guerra den emotionalen Höhepunkt eines überwältigendes musikalischen Tributs.

Dieser ist jedoch vor allem auch deswegen derart überragend geraten, weil Mirror Reaper genug kreative Substanz umsetzt, um auch von seiner tragischen Entstehungsgeschichte und konzeptuellen Veranlagung gelöst ein Meisterwerk über den Genregrenzen darszustellen. Diese 84 Minuten sind dunkel, erlösend und episch; auf majestätische Art niederschmetternd und mit zermalmend tiefgründiger Zärtlichkeit hypnotisch. Dabei vergelten Bell Witch jedwede in ihr Opus Magnum investierte Aufmerksamkeit allerdings auch mit einer über das Vermächtnis von Guerra hinauswachsenden Erfahrung.
Mirror Reaper zu hören bedeutet eben nicht ausnahmslos, die tragische Hintergrundgeschichte von As Above und So Below permanent vor Augen geführt zu bekommen, sondern viel eher, von einer am persönlichen Verlust gewachsenen Band ein einzigartiges Reich jenseits des Funeral Dooms geöffnet zu bekommen.
One might sense multiple endings upon first listen, but in truth they are beginnings“ sagt Desmond und meint insofern vielleicht keine Platte für jede Gelegenheit – aber eine für die Ewigkeit.

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