Billy Talent – Dead Silence

von am 9. September 2012 in Album

Billy Talent – Dead Silence

Billy Talent ziehen titeltechnisch einen Schlußstrich unter die durchnummerierte Tradition ihrer ersten drei Alben, fusionieren deren markante Ausrichtungen jedoch zu jenem Album, das wohl schon ‚Billy Talent III‚ hätte werden sollen: erwachsen gewordener, aber letztendlich wenig spannender Teenie-Rock mit Ohrwurm-Garantie.

Dass die Kanadier nach überstandener Schreibblockaden (Kowalewicz, D’Sa) und Herz-OP (Solowoniuk) wieder etwas mehr Schmackes in ihre zuletzt erschreckend dröge rockenden Alternative-Bubblegum-Punkrock pumpen würden, zeichnete sich ja schon anhand des vorab vom Stapel gelassenen, im Eingangsbereich unverhohlen an The Trooper‚ angelehnten  ‚Viking Death March‚ ab. Allerdings auch, dass man die Begeisterung für schwerer bretternde Riffs nicht wieder vollends zugunsten der wild springenden Tugenden der ersten beiden Alben aufgegeben hat. Mehr noch singt das anknüpfende ‚Surprise Surprise‚ samt kurzem Dicke-Hose-Solo ein Lied von der Soundgarden-Begeisterung der Band womit abseits des aus dem Rahmen fallen Finten-Intros ‚Lonely Road To Absolution‚ nach drei Songs die Richtung für ‚Dead Silence‚ vorgegeben ist: Billy Talent haben während der klassischen drei Jahren Studiopause zwischen ihren Alben daran gearbeitet, die Tugenden von ‚Billy Talent I‚ und ‚Billy Talent II‚ mit der Grundidee von ‚Billy Talent III‚ anzureichern.

Dead Silence‚ versucht so einen Reifeprozess abzubilden, der die Band diesmal jedoch nicht zu weit von jenen Hörerschichten entfernen sollen, die vor sechs Jahren zu ‚Red Flag‚ das erste Mal den Kopf zum Fenster härterer Musik hineingesteckt haben und zur vielleicht ambitionierten Umbruchstimmung, aber behäbig inszenierten Songwriting von ‚Rusted From Rain‚ und Co. verstört eingeschlafen sind. Insofern schafft ‚Dead Silence‚ den geschickteren Spagat zwischen alt und (eigentlich gar nicht) neu, zwischen dem Melken von veränderungsunwilligen Anhängern und jenen, die seit 2006 älter geworden sind. Die juvenile Power ist wieder auf die Tonträger des Quartetts zurückgekehrt, viel wichtiger aber noch: das Händchen für Ohrwürmer und die Erwartungshaltungen bedienende Hits ebenso. Die Textplattitüden quietschende Trademark Stimme von Kowalewicz sichert da praktisch im Alleingang den Wiedererkennungswert – wer der Band immer schon einen gewissen nervenden Faktor attestiert hat, darf ‚Dead Silence‚ praktisch ungehört verunglimpfen – das dängelnde Gitarrenspiel D’Sa’s verankert sich zwischen Powerchords und typisch perlenden Melodien noch stärker im Rock, will aber eigentlich sogar noch härter sein als zuletzt – freilich nicht in letzter Konsequenz. Das Image der Band als Soundtracklieferant für revoltierende Pubertierende ist spätestens hiermit zementiert. Klingen Billy Talent doch mehr denn je wie eine Band, die nur zu gerne aus selbstgestrickten Rastern ausbrechen würde, für diesen Zweck jedoch ausschließlich etablierte (wenig spannende, weil mittlerweile auch totgehörte) Maßnahmen zu setzen.

Das blaugepauste ‚Crooked Minds‚ kopiert so ohne schlechtes Gewissen eine Melodie als Intro, mit der gefühltermaßen jeder zweite Billy Talent-Song beginnt, ehe man sich stakkatohaft zu hymnischen Refrains aufschwingt. ‚Stand Up And Run‚ ist die das Tempo rausnehmende gefühlvolle Halbballade für volle Stadien, im Schlepptau ‚Swallowed Up By the Ocean‚ -mit von Coldplay ausgemisteten, billig klingenden E-Piano samt ‚Clocks‚-Beat und viel zu viel Ritalin im Blut. ‚Runnin‘ Across the Tracks‚ flirtet wie vieles hier vermehrt mit Metal, erschöpft sich jedoch in seinen Wiederholungen, das quierlig am Basslauf pumpende ‚Love Was Still Around‚ rattert gegen schaumgebremsten Punkrock, führt damit wie beinahe jede Sekunde auf ‚Dead Silence‚ vor Augen: Billy Talent haben begriffen, dass ihre Platten ohne die transkribierte Live-Energie ihrer Auftritte kaum funktionieren und schalten deswegen wieder ein paar Gänge nach oben und deswegen immer Vollgas geben zu müssen oder wirklich packende Songs abzuliefer. Damit landen sie irgendwo zwischen „erwachsen“ gewordenem Selbstplagiat und theoretische getätigtem Schritt nach vorne bei angenehm plätschernder Rockmusik.  Ihr dennoch unheimlich vorhersehbar bleibendes Songwriting bleibt darunter nämlich trotz aller Absichten jedoch erschreckend festgefahren und in seiner bemühten Anstrengung, es allen Hörerschichten kalkuliert recht machen zu wollen auch wenig befriedigend. ‚Dead Silence‚ kriegt nach ‚Billy Talent III‚ zwar die Kurve und  wird damit den eingefleischten Fanscharen der Band neben Glücksmomenten und neuen Lieblingssongs auch das eine oder andere Wiedersehen in den Chartlisten des konsenstauglichen alternativen Mainstreams bescheren. Alle anderen dürfen sich ernsthaft fragen, ob man tatsächlich schlicht und einfach zu alt werden kann, um Billy Talent ernsthaft gut finden zu können.

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