Bison – You Are Not the Ocean You Are the Patient

von am 12. Juli 2017 in Album

Bison – You Are Not the Ocean You Are the Patient

Bison ziehen den Sargnagel aus dem vermeintlichen Schwanengesang und erkunden eine neue Ernsthaftigkeit des Seins: You Are Not the Ocean You Are the Patient bringt eine Zeit der Umbrüche für das urgewaltige Metal-Quartett aus Vancouver furios zu Ende.

Viel hat sich getan, seit die Kanadier nach ihrem 2011er Kraftakt Lovelessness gefühltermaßen in der Versenkung verschwanden: Über die einen gedanklichen Neuanfang markierende One Thousand Needles-EP 2014 hat sich die Band nicht nur von ihrem Stammlabel Metal Blade getrennt, sondern auch von dem sperrigen B.C.-Namenszusatz. Dazu haben Bison mit Ex-3 Inches of Blood-Gitarrist Shane Clark seit knapp 2 Jahren den Posten am bedrohlich röhrenden Tieftöner umbesetzt und bei Robin Staples‘ The Ocean-Hafen Pelagic Records eine neue Heimat gefunden.
Markante Einschnitte in einer von Wachstumsschmerzen gezeichneten Biographie, die als Konsequenz der Rückschläge und Umbrüche der vergangenen Jahre nun ihren vorläufigen Höhepunkt in You Are Not the Ocean You Are the Patient findet. Einer Platte, die gleichzeitig ein destillierendes Amalgam der bisherigen Bandphasen darstellt, wie es den Bison-Sound noch weiter denkt und ausformuliert.

Früher bin ich nach der Arbeit fast täglich mit dem Fahrrad in unseren schäbigen Proberaum gefahren, habe mich volllaufen lassen und vielleicht ein paar Riffs mit dem Smartphone aufgenommen“ bringt Bandkopf James Farwell den veränderten Status Quo von Bison auf den Punkt. Erleichtert, sich nicht mehr um möglichst plakative Albumcover sorgen zu müssen, sondern You Are Not the Ocean You Are the Patient mit dem nötigen Understatement in ein düsteres Artwork zu tauchen, das den wenig optimistischen Grundton der Platte nahtlos einfängt und die Entwicklung der Band auch optisch sichtbar macht.
Freilich: Derb und ungemütlich brachial kann das immer noch werden, wenn Bison an den Grundfesten des Sludge rütteln – aber eben nie mehr stumpf. Die Intensität ist gestiegen, die Wucht dabei jedoch differenzierter geworden, die Brutalität überlegter. You Are Not the Ocean You Are the Patient spannt seine Tragweite wie selbstverständlich von doomigen Nachdenklichkeiten bis hin zum gnadenlos drückendes Gekloppe, randaliert mit einer animalischen Ungezähmtheit durch die niederschmetternd knackig-rohe Produktion von Jesse Gander.

Der Fokus der Band ist aus dieser Ausgangslage heraus stilistisch breiter gefächert, darüber hinaus aber schlichtweg präziser agierend. Gleich Until the Earth is Empty attackiert böse und dreckig, ist ein tonnenschwer in Schüben kommender Riffmoloch mit schleppendem Tritt aufs Gaspedal. Das hat etwas von der angriffslustigen Hysterie von Earthbound, das duale Gebrüll von Farwell und Gitarrenkumpel Dan And verscheucht jedoch endgültig jeden Anflug jener bierseligen Ungezwungenheit, die die Band einst umgeben hat: Wen Mastodon spätestens mit Crack the Skye verloren haben, könnte hiermit unmittelbar an Bord sein.
Anti War steigert das Tempo sogar noch weiter, explodiert mit fieser Kante und einer herrlich aggressiven Hardcore Punk-Attitüde, malträtiert seine hypnotische Härte hinten raus gar mit einem Thrash Solo und einem potentiellen Gang Vocal-Überfall. Darf man da etwa sogar an Power Trip im Gewand früher Baroness denken? Kaum auszumalen jedenfalls, wie zerstörerisch dieser Mahlstrom erst live zünden wird. Um wieviel zwingender Bison ihre Energien mittlerweile auch so auf Tonträger übertragen, ist einstweilen hingegen über 39 mitreißende Minuten permanent spürbar.

Am besten wird You Are Not the Ocean You Are the Patient allerdings immer dann, wenn der Finger nicht mehr nur in bereits bekannte Wunden presst. Das unberechenbare Raiigin etwa kurbelt bis zu seinem infernal fauchenden Finale inmitten jener Phase der Platte, die am eindruckvollsten vor Ohren führt, wie sehr die Band im letzten halben Jahrzehnt gewachsen ist. Tantrum brodelt mit monströser Heavyness und viel Groove, destilliert etwas zutiefst sehnsüchtiges im rauen Organ von Farwell. Eine Verzweiflung, die immer wieder mit rasender Wut eines Dampfhamers niedergeknüppelt und zähflüssig aufs neue angerührt wird: Langsam öffnen sich Bison deutlicher dem Post Metal, führen Cello und Flöte in das Klangbild und malmem mit der Schönheit einer wütenden Stampede.
Das geduldige Water Becomes Fire träumt später sogar gleich mit einer postrockigen Elegie in Sphären, die Bison bisher schlichtweg verwehrt waren: Zwischen Russian Circles, YOB und Pallbearer entschleunigt das Quartett seinen Metal mit einer atmosphärischen Dichte hin zu den Hohheitsgefilden von Neurosis und schichtet einen eklektischen Reifeprozess zum regelrecht versöhnlichen Schlusspunkt. Wenn hier nach knapp sieben Minuten eine (vielleicht etwas zu abrupt und unspektakulär um die ultimative finale Ekstase ausbrennende) Oase inmitten der Finsternis erreicht ist, entlässt You Are Not the Ocean You Are the Patient endgültig mit dem Bewusstsein, dass Bison ihr Potential gerade auch deswegen imposanter denn je nutzen, weil sie sich mit ihrer fünften Platte freigespielt haben.

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