Chris Cornell – Higher Truth

von am 13. Oktober 2015 in Album

Chris Cornell – Higher Truth

Chris Cornell schwimmt nach dem in die dicke Hose gegangenen Timbaland-Trip ‚Scream‚ zurück, sogar bis in unbekannte Gefilde: Spartanisch in Szene gesetzt funktioniert das harmlose Lovesong-Kompendium ‚Higher Ground‚ als intimer Acoustic-Pop auf einer liebenswürdigen Ebene, die noch keine Platte des Soundgarden-Frontmannes ausgestrahlt hat.

Nur wer einmal weit draußen war, weiß es zu schätzen, wieder das Ufer unter den Füßen zu spüren“ sagt Chris Cornell und trifft damit einen gar nicht so kleinen Nagel auf den Kopf, warum man ‚Higher Ground‚ als Fan grundsätzlich wohlwollend begegnet. Die deutlich simplere Herangehensweise von ‚Higher Truth‚ steht seinem Songwriting aber auch einfach besser: Mit ‚Superunknown‚-Mixer Brendan O’Brien als Produzent und primären Co-Musiker hat Cornell ein weitergehend reduziertes, zumindest zurückgenommenes Album eingespielt, reichhaltig  ausstaffiert und instrumentiert zwar, aber immer akustisch entschlackt klingend, das sich vor allem auf zarte Gitarren und die immer noch so jugendliche Ausmahmestimme des 51 Jährigen verlässt – sich also auf ähnliche Stärken beruft, die bereits ‚Songbook‚ beschworen hat.

Nichtsdestotrotz hat ‚Scream‚ an einigen für die Dynamik strategisch wichtigen Punkten Spuren hinterlassen: „Most of the songs with drums are either loops that I made electronically or that Brendan basically recorded just playing a little drum kit he had. We just made loops, layered things and played some percussion stuff.“ Das im Kontext durchaus irritierend fett auftretende ‚Our Time In The Universe‚ gibt so mit Bollywood-tänzelndem Rhythmus und latentem Orientflair den stampfenden Rausschmeißer inklusive einem Refrain mit dem Hang zur großer Chart-Geste; die programmierten R&B-Beats stemmen in der Miniatur ‚Murderer Of Blue Skies‚ eine enorm ohrwurmfreundliche Ballade für Romantic-Blockbuster-Abspänne, dessen E-Gitarrensolo man noch rechtfertigen kann, die biependen Computersounds sind dann aber reine Willkür (mehr dazu später).
Das mit geschmeidigen Soul-Gospelchören arbeitende ‚Before We Disappear‘ ist ähnlich gallig, trimmt aber dennoch nahezu alle unangenehmen Trendanbiederungen, die ‚Scream‚ so geschmacklos wirken ließen und macht als wohldosiertere Interpretation der selben Absichten mit anderen Mitteln nicht nur praktisch vieles (aber keineswegs alles) richtig, wa Cornell 2009 noch misslang, sondern fördert auch mit viel Melodiegefühl die bisher wahrscheinlich persönlichste Platte der Legende aus Seattle zutage. „How hard can it be/To share your love with me?/How hard can it be/To rise with me each morning?“ singt Cornell zum vollkommen entspannt funkenden Mitternachts-Bass, legt sein Gefühlsleben nicht nur hier mit einer ungekannten Direktheit offen, trägt sein Heart in a sleeve – was zwar immer wieder zu überkandidelten Sentimentalitäten und plump formulierten Innenansichten führt, dem Schaffen des Soundgarden-Sängers aber tatsächlich eine angenehm intime und private Ebene hinzufügt.

Mit einer wirklich ergreifenden Tiefenwirkung zu berühren gelingt ‚Higher Truth‚ dann allerdings nur selten: nur wenige Songs wie der überragende Opener ‚Nearly Forgot My Broken Heart‚ (schwillt von einer potentiellen Eddie Vedder-mit-Mandoline-Übung mit immer reichhalter werdendem Instrumentarium langsam zu einer wahren The Who-Rocknummer an) und das folgende ‚Dead Wishes‚ (ein unschuldig fröhlich gezupfter Blues lehnt sich unbeschwert sich in seine betörende Harmonien) retten ihr volles Potential über die Ziellinie, zu oft verlieren sich die ausnahmslos guten, stets gut ins Ohr gehenden Kompositionen in der ärgerlich glattgebürsteten Produktion von einem O’Brien.
Only These Words‚ gibt etwa ohne sein Potential abzuschöpfen kaum mehr als die flotte Liebenswürdigkeit mit Weihnachtsflair, auch das liebliche ‚Through The Window‚ plätschert in seinem eigenen Sud ohne die nötigen Akzente gesetzt bekommen zu haben betörend durch den Hintergrund, das aber zudem mindestens 3 Minuten zu lange. Der Titelsong wird als Pianoballade zur kantenlos plätschernden Popnummer mit Orgelgrundierung, inspirationslos aufgeblasen in die Breite gehend wie eine der belangloseren OasisGesten. Das vielversprechende Herzausschütten von ‚Josephine‚ mutiert dann gar zum mit Streichern zugekleisterten Kitsch.
Überhaupt scheint ‚Higher Truth‚ hinsichtlich der Arrangements trotz eines festgefahrenen Modus Operandi (in einen minimalistischen Beginn tröpfeln nach und nach immer mehr Elemente) paradoxerweise  ermüdend unentschlossen: ‚Worried Moon‚ kulminiert in einem Refrain, der wie die ausgewaschene Weichspülervariante eines potentiellen Soundgarden-Songs klingt, wirkt schon an sich gepresst und erzwungen klein gehalten, die plötzlich auftauchende Mundharmonika klingt dann aber ausnahmslos, als wären Cornell und O’Brien über einer längst fertigen Platte gehockt und hätten noch Baukasten-Elemente eingefügt.
Siehe etwa auch die spontan bratzende Gitarre in der an sich herrlich nostalgisch daherkommenden Einkehr ‚Circling‚. Die mutet dann auch bagatellisierend an, als hätte Cornell nicht vollstes Vertrauen darauf, sein Songwriting in letzter Konsequenz in der angestrebten nackten Direktheit zu präsentieren. In Sorge, dass die Inszenierung der Platte Langeweile bescheren könnte, graben O’Brien und Cornell ihr so aber auch einen Gutteil an Tiefe zugunsten einer servierfertigen Hochglanz-Bekömmlichkeit ab, die ‚Higher Truth‚ nichtsdestotrotz zu einer enorm soliden, kurzweiligen, angenehm zu konsumierenden Beiläufigkeit werden lässt. Wie gut diese Platte aber tatsächlich hätte werden können, darüber sollte man lieber nicht nachdenken.

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1 Trackback

  • Wolfmother - Victorious - HeavyPop.at - […] durchgehen könnte und andererseits auch vorführt, dass Brendan O’Brien wie schon auf ‚Higher Truth‚ einfach sein Gespür für die…

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