Coldplay – Kaleidoscope EP

von am 21. Juli 2017 in EP

Coldplay – Kaleidoscope EP

Knapp eineinhalb Jahre nach dem in der Beliebigkeit verschwundenen Offenbahrungseid A Head Full of Dreams legen Coldplay ein Kurzformat vor, dessen zerissene Qualität sich wohl irgendwo bereits in seiner merkwürdigen Veröffentlichungsgeschichte widerspiegelt: Zweimal wurden der Release der Kaleidoscope EP verschoben, obgleich mehr oder minder ohnedies bereits vier der fünf Tracks als Singles vorausgeschickt worden waren.

Nachdem die dreizehnte EP der Briten nun doch vorliegt, entlassen Chris Martin und Co. nach 25 Minuten Spielzeit mit dem Gefühl, dass Coldplay womöglich an einem Punkt  in ihrer Karriere angekommen sein könnten, der die Band zwischen Dienstleider-Verpflichtungen und nostalgischen Neigungen spaltet. Zumindest aber sind die Erkenntnisse aus der Kaleidoscope EP durch die Ausrichtung und den kruden Spielfluss inmitten qualitativer Hoffnungsschimmer und unnötigem Füllmaterial ambivalent.
Letztendlich steht hier nämlich kein rundes Aufräumen von angestautem Material, wie es etwa der rundum hübsche Viva la Vida or Death and All His Friends-Appendix Prospekt’s March war, sondern eher eine durch die Erwartungshaltung eines Millionenpublikums definierte Stadion-Standpunktverortung mit latentem Hang zum Verweis auf alte Großtaten – und damit ein unkonsequenter Anriss der immer noch vorhandenen kreativen Möglichkeiten von Coldplay: Die Briten servieren mit der adäquat betitelten Kaleidoscope EP ein im Kern weitestgehend überraschend vielversprechendes, im Gesamten dann aber zu unhomogenes Sammelsurium der Perspektiven.

Mit krautigem Rhythmus und flimmerndem Shoegaze-Ambiente treiben Coldplay auf dem eröffnenden All I Can Think About Is You stilistisch gar in Radiohead’sche Gefilde. Piano und Gitarren träumen um den hallversetzten Martin und die stoische Bass/Schlagzeug-Hypnose, die melancholische Sehnsucht geht schließlich in einer vielleicht zu formelhaften, aber stimmungsvollen Clocks-Schablone auf, sorgt für einen eleganten Climax – endlich zeichnet die Band auch wieder erhabene Szenen für die Arena, die im Fluss der Kaleidoscope EP allerdings ins Leere laufen. Das folgende Miracles (Someone Special) bricht die aufgebaute Spannung nämlich als funky angetauchter Middle of The Road-Gefälligkeits-Pop, bleibt beliebig, austauschbar und so farblos wie das textlich schwache Big Sean-Feature.
Zumindest ist der nett anzuhörende Langweiler weniger unsympathisch, als nahezu alles auf A Head Full of Dreams, da sich Coldplay hier wieder etwas besser im Umgang mit Understatement verstehen. Dennoch wäre es homogener gewesen, Miracles (Someone Special) auszusparen und unmittelbar in A L I E N S überzugehen.

Die Rückkehr zu Co-Songwriter und Produzent Brian Eno bringt schließlich einen politischen Song mit stringent-dringlich zitternder Rhythmusarbeit, suchender Elektronik und frei schwebenden Arrangements: Ein ätherisches Highlight mit kraftvollen Konturen, toller Dynamik und gefälligen Streichern, das den idealen Höhepunkt zwischen All I Can Think About Is You und dem abschließenden Hypnotised (eine schön aufmachende, entspannt glimmernde Klavierballade mit 80er Flair – generisch zwar, aber doch gefühlvoll konstruiert) geboten hätte.
Stattdessen gibt es dazwischen noch Something Just Like This (Tokyo Remix). Und so sehr der Totalausfall des Gipfeltreffens von Coldplay mit den EDM-Dumpfbacken der Chainsmokers ohnedies bereits in die Tonne zu kloppen ist – der aufgefahrene Tokyo Remix (eine Liveversion von Budokan) ist mit seinem eindimensionalen  Vorschlaghammer-Beat und der tumben „Und-jetzt-Alle!“-Stimmung aus tausenden Kehlen noch einmal penetranter geraten und verhunzt die Kaleidoscope EP aus künstlerischer Sicht ohne jedweden Mehrwert, geißelt mutmaßlich alleine für die Verkaufskraft des Kurzformates.
Vor allem aber festigt sie den Eindruck, dass Coldplay hier, beschränkt auf die drei (tatsächlich erfreulich guten) Songs eine überraschend starke, weil auch kohärente EP vorlegen hätten können, die vielleicht nicht sonderlich authentisch, aber zumindest sehr geschickt die beinahe vergessene Klasse des Quartetts aufwärmen hätte könnte – würde sich die Band nur nicht so sehr dem Massenpublikum verpflichtet fühlen (müssen).

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