Daughter – Music from Before the Storm

von am 8. September 2017 in Soundtrack

Daughter – Music from Before the Storm

Daughter untermalen mit Music from Before the Storm das gleichnamige Life is Strange-Prequel mit einer Melange aus zartschmelzendem Electropop-Versatzstücken und stimmungsvoll flimmerndem Postrock.

Schon das in Episoden kommende, am Raum und Zeitgefüge drehende Coming of Age-Original von 2015 war maßgeblich durch seinen fein selektierten Indie-Soundtrack geprägt – der herzerwärmende Folk/Pop von Daughter hätte sich nur zu gut neben Bright Eyes, Foals, Syd Matters und Alt-J gemacht.
Dass das britische Trio nun gleich den vollständigen Score zum Nachfolger (und geistigen Vorgänger) initialisieren darf, erscheint insofern als stimmige Wahl, die nun über 47 Minuten auch dementsprechend aufgeht. Indem sich Daughter vollends auf die Welt von Life is Strange einlassen und ihren Sound bis zu einem gewissen Grad sogar für die fiktionalen Geschehnisse adaptieren, schneidert die Band ihr ohnedies schon so melancholisches Songwriting nach Maß auf die sinnsuchende Welt der Teenager um Chloe Price, Rachel Amber und Max Caulfield: Music from before the Storm transportiert einen erhebende Schwermut, schwelgt mit zauberhafter Nachdenklichkeit durch eine Dramatik, die zu jeder Sekunde einen gleichermaßen pathetischen wie nahbaren Existentialismus tröstend untermalen will.

Daughter denken dafür Ansätze älterer Songs wie Lifeforms zu einem Gutteil konsequent weiter, lösen Schemen auf und lassen handfesten Pop auf Music from Before the Storm nur noch in Asnahmefällen stattfinden: Burn it Down ist etwa als das semihittaugliche, aber nicht repräsentative Aushängeschild des Albums erstaunlich konventioneller Indierock mit plakativen Teenage Angst-Lyrics, shoegazend und elektronisch unterwandert; A Hole in the Earth bezaubert als entwaffnendes Folk-Kleinod, das langsam das Cinemascope sucht, während Sängerin Elena Tonra einmal mehr als emotionale Seelenbalsamiererin der Extraklasse strahlt; All I Wanted ist dagegen auf beruhigende Gitarrenminiaturen gebaut, die sich den obligatorischen Ausbruch zum Glück verkneifen können und damit praktisch alles richtig machen, was London Grammar auf Truth is a Beautiful Thing nicht gelingen wollte. In Summe also drei Grazien, an die man auch auf If You Leave und Not to Disappear sein Herz verlieren hätte können.
Ansonsten lösen Daughter ihr Songwriting jedoch als zumeist instrumental gehaltener, am Postrock von Explosions in the Sky oder 65daysofstatic geschulte Klangmalereien auf, gerade auch die jüngeren, syntethischeren Mogwai-Platten sind absolut stilprägend für den Sound von Music from Before the Storm – wenn auch in konsumfreundlichere Happen verarbeitet: Die Gitarren perlen mit allen Genrekniffen zwischen Reverb und Tremolo, der Bass grummelt massiv mit wuchtigem Schub, das Schlagzeug darf effektbeladen in die Elektronik flirten und der Gesang von Tonra bleibt als zusätzliches Instrument zumeist feenhaft ätherisch, summt und haucht lautmalerisch.

Die Songs (in Ausnahmefällen wie Improve oder Voices auch nur den Vibe weiterführende Skizzen oder Fragmente) arbeiten strukturell gesehen dafür zwar letztendlich alle mehr oder minder nach dem selben Prinzip: Daughter führen fragile Motive zaghaft, intim und verletzlich ein, verdichten die Installationen nach und nach, blähen die Nummern immer dramatischer aufgehend aus der Schüchternheit in die bestimmte rauftretende Breite – und was erst wenig greifbar scheint, bekommt plötzlich stärker nachgezeichnete Konturen, während die gespenstisch verwehten Vocals prominenter nach vorne treten können.
Jedoch funktioniert der elegische, eklektische Reigen auch ohne nennenswerte Eigenständigkeit und mit ihrer dezenten Vorhersehbarkeit absolut wunderbar. Music from Before the Storm entwickelt schließlich eine einnehmende Sogwirkung, die derartige Schönheitsfehler nahezu vergessen macht. Sentimental und nostalgisch begleiten Daughter durch ihre intuitiv tauchenden Ambient-Soundscapes, die mit traumwandelnder Geschlossenheit in einer Blase abseits des Alltags zu wirken scheinen. Das zieht an, ohne aufdringlich zu werden, erschafft eine über die beliebige Hintergrundbeschallung hinauswachsende dichte Atmosphäre und erzeugt wahlweise zum Flair des Spiels passende Stimmungsbilder oder nimmt eben für sich selbst stehend ein: Daughter streicheln das Gedankenkino mit umsorgendem Schönklang, variieren die so sehr in sich geschlossene Reise allerdings immer wieder durch kleine Nuancen, um nicht zu sehr der Gefälligkeit zu verfallen.

Es gibt also Mosaikstücke wie das liebliche Glass, das wie ein neugierig-optimistischischer Sonnenaufgang funkelt oder die gedankenschwer tröpfelnde Pianonummer Flaws, die eine leise Dramatik mit märchenhafter Anmut pflegt und dennoch Druck aufbaut. Im ruhig stampfenden Hope führt Tonra die Fäden der anschwellenden Streicherelegie mit immanenten Sigur Ròs-Ambiente zu einer subtilen Feierlichkeit, während Dreams of William als latenter Leisetreter richtig energisch aufplatzt und zum verspulten Klangsalat mit betörenden Streicheleinheiten mutiert. Das marschierende Departure oder The Right Way Around stellen dagegen die Rhythmusarbeit und präsent streunende Drums in die Auslage, hinter denen sich vielschichtige Texturen auftun.
Das schöpft entlang seiner mitunter noch zu stereotypen Gangart vielleicht nicht immer restlos das in Aussicht gestellte Potential ab, jedoch scheinen Daughter am Klangkosmos von Music from Before the Storm trotz einiger Kinderkrankheiten in der Stilexpansion merklich gewachsen zu sein. Weswegen der (vorerst nur digital erhältliche) Score allen Parteien in die Karten spielt, vor allem aber schon jetzt neugierig macht, wie sich die Arbeiten hieran am regulären dritten Studioalbum des Londoner Trios auswirken werden.

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