Dead Cross – Dead Cross

von am 7. September 2017 in Album

Dead Cross – Dead Cross

Mike Patton sagt über das selbstbetitelte Debütalbum seiner neuen Allstarband Dead Cross: „Ich glaube, ich habe noch nie eine so direkte Platte gemacht„. Das mag im Kontext des restlichen Bewegungsradius des ewigen Exoten durchaus Sinn ergeben. Allerdings sorgt alleine der Ausnahmesänger letztendlich selbst dann natürlich doch dafür, dass sich die versammelten 28 Minuten  keineswegs in rein konventionellen Bahnen bewegen.

To me, it is a traditional hardcore record. It is very pointed, direct and visceral. Like, I wasn’t going to play keyboards, add samples or any kind of orchestration. It was like, ‚Yo, just go for it.‘ In some ways, it reminded me of stuff that we had collectively all grown up with and loved when we were like teenagers — bands like the Accüsed, Deep Wound or Siege, stuff that was just brutal, uncompromising and right to the point„.
Und weiter: „Keine meiner anderen Bands klingt wie Dead Cross, so direkt und wortwörtlich.“ Recht hat er, der Patton. Und doch würzt er die Schlachtplatte eben doch auch wieder gehörig mit klassischen Manierismen, die jede Nostalgie durch eine Extraportion eigenwilliger Theatralik torpediert. „Das war mein entscheidender Beitrag zu diesem Projekt: ihm durch Melodien eine weitere Dimension zu geben„.

Was Patton damit meint, zeigen Szenen wie Obedience School, das mit seinem so banalen wie hocheffektiven Riffing an sich wenig exotisch wäre, gesanglich aber von simple Shouts zum psychotischen Geschrei wechselt, dann wieder hymnischen aufgehend den Pathos genehmigt und als beschwörende Rezitation mit atmosphärischen Backingchören endet. Oder das hysterische Shillelagh, dass erfolgreich den Plan skizziert, die Beach Boys in einen Dead Kennedys-Hardcore-Pit zu versetzen – und Pattons überdrehte Texte kanalisiert: „I took a pee and it came out red/I took a dump and it came out dead„. Das eröffnende Seizure and Desist bollert dagegen wie ein Duracell-Häschen auf Speed, ruft die stimmliche Bandbreite des Sängers imposant ab und sorgt mit der penetranten Hook („The paperwork explosion„) im Refrain trotzdem für den ersten von vielen relativen Ohrwürmern. Denn so wüst Dead Cross auch auftreten, so sehr reißt das Quartett die Gehörgänge dann eben nicht ausnahmslos ein, sondern bietet genügend Auftrittsfläche.
Schließlich ist das Songwriting der Band an sich ist selbst in den durchsichtigsten Momenten mindestens überdurchschnittlich solide – genau genommen ist es das gravierendste Manko von klassischer ausgelegten Hardcoresongs wie Idiopathic, dass sie für sich genommen Spaß machen, aber gegen die Highlights der Platte eben doch merklich abfallen, wenn Dead Cross ihr Potential noch unberechenbarer und extrem dynamisch fokussieren, ihre mitreißende Intensität variabel fokussieren.

Dennoch ist es erst Patton, der Dead Cross wirklich mit dem gewohnt extravaganten Einsatz seines Organs prägt, gurkelt, greint, kreischt, brüllt und elaboriert dramatisiert – er legt es dadurch natürlich auch darauf an zu polarisieren, Ambivalenz zu schaffen. Weswegen am Ende dieser knappen halben Stunde immer ein wenig die Frage im Raum steht, wie Dead Cross auf Albumlänge mit dem weniger exaltieren Stammsänger Gabe Serbian geklungen hätten, der nach getaner Arbeit im Herbst 2016 ausstieg, um sich auf deine Familie zu konzentrieren – woraufhin Ersatzmann Patton überhaupt erst ins Spiel gebracht wurde, um gemeinsam mit Initiator Dave Lombardo („Meine Stärke ist es, harte und brutale Musik zu spielen“ – und Dead Cross ist das ideale Ventil dafür) sowie den alten Kumpels Michael Crain (Retox) und Szene-Ikone Justin Pearson (ebenfalls Retox, aber eben auch The Locust, Head Wound City und unzählige andere Bands aus dem San Diego-Umfeld von Three One G) zu randalieren.

Wohl weniger „Provocative in comedic way„, sondern als Kollektiv in sich geschlossener; vielleicht stilistisch austauschbarer, aber in gewisser Weise personell stimmiger, wenn man so will. Denn wie bitterernst es dem Trio mit Dead Cross hinter dem immer wieder zu persiflierenden Nonsense-Gesten freifenden Patton ist, daran besteht zu keiner Sekunde ein Zweifel.
Wie dringend Dave Lombardo ohne Slayer, Fantômas und vor allem auch nach dem Wegbrechen von Philm ein Ventil für aufgestaute Aggressionen braucht, ist permanent spürbar: sein Spiel ist rasend schnell und atemberaubend dringlich, strotzt vor Energie und treibt jeden Song in unbändiger Tobsucht voran. Keine Ahnung, wann Lombardo zuletzt derart frisch, hungrig und ambitioniert klang.
Die Gitarre hyperventiliert dazu passend: schneidend, brutal, unberechenbar. Zu welchen turbulenten Abrissbirnen, die trotzdem auf einer nackenbrechend griffigen Grundlage funktionieren, Crain fähig ist, hat er ja bereits bei Retox gezeigt – mit Dead Cross folgt er diesen Fähigkeiten ideal. Und Pearson? Harmoniert ideal mit Lombardo, treibt den Sound so zweckdienlich wie versiert groovend nach vorne und lässt höchstens eigene Hysterie-Ausbrüche am Mikro vermissen.

Mit solch dringlicher Energie im Rücken kochen Dead Cross instrumental einen reißende Fleischwolf zwischen finsteren Thrash-Attacken und nihilistischem Punk-Gemetzel – in dem die Performance des Bandkontext-Nachzüglers und bunten Hundes Patton keinen direkten Fremdkörper darstellt (dafür funktioniert der Zusammenschluss schlichtweg mit jedem Durchgang besser, stimmiger und zwingender), aber eben noch nicht restlos homogen in das Gesamtgefüge assimiliert scheint – phasenweise wie ein symbiotisches Feature, dass die Wut der Band mit einem irritierenden Humor konterkariert, ohne dafür die Grenze zur Parodie zu übertreten.
Für diese zweischneidige Diskrepanz entlohnen allerdings nicht nur die dadurch gewonnenen Alleinstellungsmerkmale von Dead Cross, sondern vor allem die Qualität der Songs an sich: Divine Faith rockt breitbeinig auf der Überholspur, tackert und heult, ein zweckdienlicher Sprint. Grave Slave malträtiert Stimmbänder kurz vor der Explosion angespannt, erhebend anpeitscht. Gerade auch wegen der kompakt berstenden, geräumigen, aber dennoch zielstrebigen Produktion von Ross Robinson lassen sich zu derartigen Kotzbrocken die eigenen vier Wände ansatzlos zerlegen. Am großartigsten gerät neben dem mysteriös ausgebremsten Bauhaus Cover Bela Lugosi’s Dead aber gerade die überragende Schlussphase der Platte.

Gag Reflex löst seine aufgebauten Spannungen in einem gespenstisch flimmernden Teil, drosselt das Tempo zur Walze, zum Ringelspiel mit Synthie-Locust-Kante, und verdeutlicht, dass Dead Cross vielleicht sogar dann am besten sind, wenn sie ihr tollwütiges Gebräu am deutlichsten variieren. Passend dazu rührt das finale Church of the Motherfuckers einen hypnotischen Mahlstrom an, der die Synergien der Band imposant zusammenführt.
Gut zu wissen also, dass alle Beteiligten auf eine Fortführung des Projekts pochen. Zumal auch alle Anzeichen darauf hindeuten, dass Dead Cross sich als Kollektiv momentan ohnedies noch enger zusammenschweißen.
Wo Lombardo und Patton sich im Vorfeld nämlich noch (trotz der permanenten, abstrakt bleibender Lyric-Zielscheibe auf all die religiösen und sozialpolitische Missstände dieser Welt) als absolute Polithasser deklarierten, während die gewohnt klar positionierten Aktivisten Pearson und Crain gleich zu Beginn der Tour in Handschellen lagen, stehen Dead Cross mittlerweile schon mal gemeinsam (und ziemlich medienwirksam) mit Jello Biafra auf der Bühne, um gegen Trump zu wettern. Da ist also doch zusammengekommen, was zusammengehört – mag es auch ein wenig Eingewöhnungszeit fordern. Insofern mutet Dead Cross auf Tonträger auch erst einmal „nur“ wie das Warmlaufen der mitunter überzeugendsten Patton-Spielwiese seit langer Zeit dar.

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