Die Alben des Jahres 2017: 10 bis 01

von am 8. Januar 2018 in Jahrescharts 2017

Die Alben des Jahres 2017: 10 bis 01

Honorable Mentions | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 2120 – 11 | 10 – 01 |

1o.
Fleet Foxes

Crack-Up

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Nach einer langen Auszeit, die hauptsächlich dazu genutzt wurde, etwas Vernünftiges zu lernen, ist Robin Pecknold mit seinen Fleet Foxes als veränderte Band zurückgekehrt. Prätentiöser ist man geworden: Ihr Sound ist immer noch verwurzelt in den üppigen, bärtigen Harmonien und durchhängenden Klängen, die ihre ersten beiden Alben zu Coffeeshop-Dauerbrennern gemacht haben, aber sie haben ihre Progambitionen gesteigert – Tracks vermischen sich und wollen entwirrt werden, Songtitel verdutzen mit undurchsichtiger Interpunktion, und mitreißende, schrullig produzierte Melodien wandern an lakonische Orte, weg von der Heimeligkeit des Lagerfeuers.
Und es ist großartig. Ganz gleich, wie viele Striche und Klammern Robin Pecknold in seine Songtitel einfügt, oder wie viele japanische Berge und mittelalterliche britische Monster hinter seinen Texten auftauchen, eine Fleet Foxes-Platte wird immer wie Fleet Foxes klingen – wehmütig, weise und nicht willig, so lange stillzusitzen, bis wieder Romantik einkehrt.

Protomartyr - Relatives in Descent09.
Protomartyr

Relatives in Descent

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It’s very easy to be angry at mankind, and what’s great about it is you have to attack yourself“ sagt Joe Casey und hat das bisher beste (dynamischste, dramatischste, vielschichtigste, instrumental zwingengste!) Album der aktuell wohl besten Postpunk-Kombo zwischen den Polen Art- und Noise-Rock inhaltlich zu einem wahren Rundumschlag gemacht – mit dem fragwürdigen Wunder Mensch im Auge des Sturms. Alleine schon der unpackbare Opener A Private Understanding („It’s kind of a store house for a lot of lyrics I had for a long time„) bedient sich unter anderem bei The Anatomy of Melancholy, erinnert sich an Epiphanien von Elvis (inklusive Stalin und Jesus) sowie unter den Tisch gekehrte Wasservergiftungen in Flint  und gönnt sich mit seinen vile trumpets zudem zeitaktuell politischen Spielraum.
Im weiteren Verlauf flaniert Casey durch den Alptraum Detroit und blickt dem eigenen Vermächtnis desilusioniert in die Augen, hört den Windsor Hum und gibt sich entlang unzähliger literarischer Referenzen belesen. Ja, Protomartyr intelektualisieren immer noch gerne. Aber sie brechen den allgegenwärtigen Zynsmus nunmehr auch immer lockerer mit dem Funken Humor auf.
You say your name is Laszlo/ I don’t think that is true / Because I know a Laszlo/ And he doesn’t sound half as smart as you“ heißt es im energischen The Chuckler. Ursprünglich eine Insider-Attacke auf die Weisheiten von Drummer Alex Leonard. „All Laszlos are dumb.” erinnert sich Casey an die Ursprünge der Lyrics. “It’s my personal belief, and I go through life believing that.” Und weiter: “That was a lyric that we had to change, because I was initially making fun of Alex. But it’s too common of a name. Now we can’t play Hungary, because hundreds of Laszlos in the audience will get angry.” Auf Umwegen attackieren hier sogar die Pointen sich selbst.

Converge - The Dusk in Us08.
Converge

The Dusk in Us

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Keine andere Hardcore-Band hat sich so anmutig zu etwas Größerem und Besserem entwickelt wie ConvergeSeit dem genredefinierenden Jane Doe machen es die Bostoner eigentlich kaum unter Perfekt. Das erste Album der Band seit fünf Jahren (und neuntes insgesamt), The Dusk in Us, bietet all die Wildheit und den Hunger der Blütezeit des Quartetts in den späten neunziger Jahren bloß mit Dramatik auf Anschlag. Hätte man bereits meinen können, dass All We Love We Leave Behind das gesetzte Alterswerk von Jacob Bannon und Co. eingeleitet hätte, überzeugt The Dusk in Us mit einer furiosen Rückwärtsbesinnung, nicht nur auf die metallischeren Tage der ausgehender 2000er Jahre.
Geschenkt, dass der vielleicht beste Track der Sessions es gar nicht auf das Album geschafft hat, definitiver noch als vielleicht jedes andere Album seit You Fail Me ist The Dusk in Us mehr als die Summe seiner Teile. Ein unfassbarer Grower bereits nach Hördurchgang 1, der keinen Übermut pflegt, sondern sich für seine Katharsis ohne feststellbare Längen Zeit lässt, kompakt und knackig drangsaliert.
So scharf, dringend und selbstreflektiv wie eh und je ist The Dusk in Us vielleicht quintessentiell Converge und den Hauch erwachsener und homogener als vor fünf Jahren noch.

Power Trip - Nightmare Logic07.
Power Trip

Nightmare Logic

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Mit Nightmare Logic wird der Albtraum greifbar. Geschrieben 2016 während der Vorwahlen in ihrem Heimatstaat Texas und veröffentlicht Anfang 2017, als alle gerade damit beschäftigt waren, zu realisieren, was für ein Wahnsinniger der neue US-Präsident ist, deckeln Power Trip ihre Wut, Verwirrung und Verzweiflung perfekt in 32 Minuten quälenden Thrash Metal der Marke Slayer.
Aber nicht missverstehen: Hier geht es nicht um Retro-Anbiederung. Power Trip haben ihre aufrichtige, obsessive Liebe zu frühem Thrash, aber auch Cro-MagsProng und Black Flag in einen überkochenden Topf moderner Metal-Meisterschaft gegossen. Und es wäre eine Schande, Nightmare Logic ausschließlich im Zusammenhang mit der Wut im Bauch (und Hinterkopf) zu hören, die zweifellos der Katalysator für diese Abfahrt war: Nightmare Logic macht viel mehr Spaß als es unter solchen Umständen dürfte. Ein 8-Song-Wirbelwind aus Gangshouts, heulenden Gitarrensoli und sofort mitrgöhlbaren Hymnen – zur Perfektion aufgeräumt vom neuen Genre-Messias Arthur Rizk. Ein tatsächlich zeitloser Thrash-Klassiker, der zufällig zum Höhepunkt des amerikanischen Zorns auf der Matte stand.

Primitive Man - Caustic06.
Primitive Man

Caustic

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You know, as a teacher, I have to be positive with children like 8 to 10 hours a day. So the rest of that time, when we’re writing songs, I am like the most fucking negative, mad person you can be“ erklärt Primitive Man-Vorstand Ethan McCarthy als wohl fröhlichster Lehrer der Welt. „I’m making harsh noise live, I’m so fucked up in my mind, you know? I want to make already extreme music more extreme because, to me, that is the fucking ground zero of the harshest. That’s it.
Stimm schon, that’s it. Aber eben auch pures Understatement. Denn Caustic, das Zweitwerk der Denver’schen Pestbeule Primitive Man, setzt nicht nur unerbittlich den Weg fort, den Scorn 2013 aus dem Schatten legendärer Vorgängerbands wie Clinging to the Trees of a Forest Fire bereits aufzeigte, sondern potentiert dabei jeden Funken Hass im Doom zur Folter und gebärdet sich dabei derart heavy, aggressiv und schmerzhaft, dass es eine absolute Überwindung (oder zumindesteine gesunde Portion Sadismus) kostet, sich dieser beharrlichen 77 minütigen Tortur überhaupt freiweillig (und wiederholt) auszuliefern. Wo Ausführlichkeit über das seine tektonische Masse nur nuanciert verschiebendem Songwriting zum terrorisierenden Stilmittel wird, führt nur ein langer Atem zum Ziel. Und dieser entlohnt brutalst. Am Ende steht schließlich eine nihilistische Katharsis in erschöpfender, vielleicht sogar beispielloser Radikalität.

Pallbearer - Heartless05.
Pallbearer

Heartless

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Pallbearer waren noch nie eine gewöhnliche Doom-Band, und auf ihrem dritten modernen Klassiker in Folge vollenden sie meisterlich, was mit dem Kleinod Fear and Fury 2016 bereits angedeutet wurde. In einem Befreiungsschlag von einem unendlich fokussiertem Album weichen sie auf Heartless noch weiter von ihren Sludge-Wurzeln ab – offenbaren sie gar als Mittel zum Zweck – und lehnen sich härter an schimmernde Gitarren, sehnsüchtige Vocals, deprimierte Prog-Atmosphären und Haken schlagende Classic-Rockismen an, als es gesund sein sollte.
Und ja, das war anfangs verwunderlich, fremd sogar, aber die Freude, die man in Heartless finden kann, ist ebenso immens wie sein Sound, und entfaltet sich langsam wie Trockeneis über sieben lange und ausgedehnte Epen. Am Ende steht eine wunderschöne Melancholie: Gitarren klirren und klingeln und schlingen sich umeinander, Stimmen überlagern sich in erhabener Harmonie, Arrangements schwellen nach Ebbe und Flut zu gigantischen Proportionen an. Wenn überhaupt, fühlen sich die klassischen, knochenerschütternden verzerrten Akkorde oft an, als wären sie da, um die Musik zu unterstreichen statt zu definieren.
Pallbearer haben ihren Doom vor fast vier Jahren zur Perfektion entwickelt und maßen sich mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums an, ihn als fliegenden Teppich gen Rock-Himmel zu zweckentfremden. Selten wurde im 21. Jahrhundert eine Genre-Kruste – so wunderbar sie auch herausgebacken war – anmutiger aufgebrochen, als es Pallbearer getan haben. Heartless ist ein mitreißendes und tieftrauriges Werk, das jede Anerkennung verdient.

Ulver - The Assassination of Julius Caesar04.
Ulver

The Assassination of Julius Caesar

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Mit Kristoffer Rygg als einzigem ständigen Mitglied haben Ulver bereits Zeit als orchestrale Folk-Gruppe, als Jazz-Techno-Act, als minimalistisches Film-Soundtrack-Projekt, als improvisierendes Prog Rock-Kollektiv, eine 60s-Garage-Rock-Cover-Band und ein Ambient-Drone-Ensemble verbracht. Und eine Black-Metal-Sache war da noch. Niemand bei klarem Verstand kann vorhersehen, wohin die Reise als nächstes geht.
Dennoch, fast ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung, sind diese berechenbar unberechenbaren Typen durchaus in der Lage selbst Hardcore-Fans mit einem Album wie The Assassination of Julius Caesar zu schockieren. Ein Pop-Album. DAS Pop-Album. Der Depeche-Mode-Bounce der Vorab-Single Nemoralia war kein Einzelfall: Ulver haben den vermeintlichen Mantel der Anmaßung abgeworfen, um eine üppige, unzynische Pop-Platte zu produzieren. Es gibt hier keinen subversiven Blickwinkel, keinen sardonischen Unterton, nur 44 Minuten lang vertraute, betont zugängliche elektronische Tracks. Jeder Ton klingt bestimmt und formvollendet, nicht nach Veränderung der Veränderung willen. Alles ist absolut organisch und natürlich – als hätten Ulver bereits jahrzehntelang so einladend an dieser gleichermaßen treibenden wie elegischen Synthiepop-Gangart gefeilt.
Wohin die Reise also auch als nächstes geht, die wunderschönen Dark-Pop-Songs auf The Assassination of Julius Ceasar (sowie dem kaum weniger verführerischen Appendix Sic Transit Gloria Mundi) sollten fairerweise ständiger Gast in den rotweinseligen Playlists dieser Welt sein, und die Wertschätzung für dieses kleine Meisterwerk immer weiter wachsen.

Tchornobog - Tchornobog03.
Tchornobog

Tchornobog

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Was treiben eigentlich Esoteric seit über einer halben Dekade? Das bisher letzte Lebenszeichen der in ihrer Form unerreicht bleibenden Doom-Pioniere aus Birmingham datiert mittlerweile jedenfalls aus dem Jahr 2011, so bald wird sich daran wohl nichts ändern. Zumal Mastermind Greg Chandler zuletzt ja auch andere Beschäftigungsfelder gefunden hat: Mit seiner neuen Band Lychgate oder als Produzent – und als omnipräsenter Gast auf dem schlichtweg überragenden Einstand von Tchornobog.
Chandler agiert hier wie es symptomatisch für das Debüt-Konzeptwerk des 22 Jährigen Wunderknaben und Dauerveröffentlichers Markov Soroka ist: Die UK-Legende scheint überall und nirgendwo zu brüllen (tatsächlich treibt er in den Suiten I: The Vomiting Tchornobog (Slithering Gods of Cognitive Dissonance) sowie III: Non-existence’s Warmth (Infinite Natality Psychosis) sein Unwesen), während sich rund um ihn die Strukturen öffnen und der kompositorische Wechselbalg Tchornobog von einer beeindruckend eigenwilligen Atmosphäre zusammengehalten wird. Die Genzen zwischen den vier Kompositionsmonolithen verschwimmen da, Blastbeats und Gekeife suchen die mal rasende, dann wieder schleppende Symbiose mit hirnwütig um die Monotonie rotierenden Gitarrenspuren, immer aber lassen aufblitzenden Melodien Reibungspunkte nach klaren Plänen wachsen, sie führen ein unwirkliches Leben in einem chaotisch scheinenden Soundgewand von verrauschter klangästhetischer Intensität.
Mit stilistischen Vorbildern wie Pseudogod, disEMBOWELEMENT, Ruins of Beverast oder Svartidauði  im Rücken hat Soroka hier einen herrlich überambitioniert verschlingenden Moloch von einem nur oberflächlich unfokussiert scheinenden Album aufgenommen, das seine Ideen und Strukturen mit jedem Durchgang klarer definiert. Immer wieder atmet ein regelrecht jazziges Bläser-Ambiente durch den Sog der Platte, lässt eine abartig verführerische Schönheit immer wieder über den Death und Black Metal hinausgehen, und krönt die spöttische Kategorisierung Caverncave als assimilierende Kunstform.
Publicitywirksam mythisch soll das formvollendete Tchornobog bereits seit Sorokas Jugendtagen geköchelt haben – was man dem Endprodukt im Vergleich zu seinen anderen Plattformen auch anhört. Dass das Projekt auch deswegen massive Abneigung evoziert und doch über Szenekreise hinaus durch die Decke gegangen ist, scheint nur der gerechte Lohn für diesen megalomanischen Berseker – dass der Metal-Brutkasten Soroka bereits an seiner nächsten neuen Plattform arbeitet, sollte trotzdem klar sein. Und Chandler? Der legt mit Esoteric derzeit passenderweise zumindest The Death of Ignorance neu auf.

Brand New - Science Fiction02.
Brand New

Science Fiction

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Bis vor wenigen Wochen hätte an dieser Stelle ein regelrecht unreflektierendes Jubelpamphlet stehen können, nein müssen: Das kaum noch für möglich gehaltenen Comeback nach acht Jahren seit Daisy haben Brand New schließlich mit 12 packenden, emotional mitreißend intensiven, vielleicht sogar nahezu makellosen Songs gekrönt, anhand derer der prolongierte Schwanengesang Science Fiction als Triumphzug mit enigmatischer Aura in die Annalen des jüngeren Alternative Rock eingehen hätte können.

Und doch findet man sich mittlerweile auf einem ambivalenten Minenfeld wieder: Man kann Science Fiction kaum mehr begegnen, ohne die Sexual Misconduct-Geschehnisse um Frontmann Jesse Lacey im Hinterkopf zu haben. Ein Umstand, der ratlos entlässt.
Denn: Ist es gerade bei einer Band mit klarem kreativen Sprachrohr wie Brand New überhaupt möglich, Kunst vom Künstler (bzw. auch von etwaigen zeitlichen Kontexten) zu trennen? Und möchte/ sollte/ kann man dies nicht – ist es dann richtig, Science Fiction (in Jahresrückbetrachtungen oder ähnlichem) grundsätzlich außen vor zu lassen, all die Geschehnisse rund um Lacey damit auch ein Stück weit unter den Tisch zu kehren? Oder bedarf es dafür (mitunter schwammiger) Argumentationen? Ist dieser Umgang drei Vierteln der generell stigmatisierten Band gegenüber fair? Oder einfach nur den Opfern gegenüber moralisch richtig? Ist es im Umkehrschluss hingegen notwendig, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man Science Fiction nichtsdestotrotz weiterhin für seine musikalischen Vorzüge feiert?

Allesamt Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss – und auf die es in der Komplexität der Thematik keine einfachen Antworten geben kann, wie natürlich auch nichts Laceys Verhalten entschuldigen darf.
Brand New keine Plattform mehr bieten zu wollen ist absolut nachvollziehbar. Science Fiction an diese Stelle zu hieven jedoch ebenso, da sich an der zur Veröffentlichung der Platte formulierten persönlichen Einschätzung zum Album an sich nichts geändert hat, man mehr noch in der Musik längst von seinen Urhebern losgelöste Identifikationspunkte assoziiert und seine eigenen Geschichten in die Texte interpretiert. Das macht den Grat zwischen Meisterwerk und Mahnmal freilich nicht weniger schmal.

 

01.
Bell Witch

Mirror Reaper

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Wenige Dinge lassen die eigene Perspektive Richtung Ewigkeit schweifen, wie der Tod eines nahestehenden Menschen. Ein Umstand, der im Jahr 2017 nicht nur einmal zu einem bemerkenswerten musikalischen Output geführt hat.
Auch wegen der ausführlich anderorts breitgeschlagenen Mythologie hinter Mirror Reaper ist das dritte Album von Bell Witch eine der expressivsten und markantesten Metal-Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit. Zugegeben, Adjektive, denen nur wenige Alben dann auch musikalisch gerecht werden, vor allem, wenn sie nur mit Schlagzeug, Bass und Gesang auskommen. Dennoch hat bereits Four Phantoms diese Versprechen gehalten und sich auch als eines dieser seltenen Alben herausgestellt, deren emotionale Reise niemals durch wiederholtes Hören in ihrer Intensität abnimmt.
Mirror Reaper könnte auch ohne die tragischen Umstände als Versuch von Bell Witch betrachtet werden, ein kolossaleres Werk als Four Phantoms (2015)zu schaffen. Der Klang des Albums ist sehr ähnlich, ebenso wie die Instrumentalisierung. Nur die Struktur lotet Grenzen neu aus. Mirror Reaper ist ein einzelnes 84-Minuten-Lied. Wenn sich das hier lang anfühlt, wie sieht’s dann mit der Ewigkeit aus?

Der Ausflug in diesen Klangkosmos ist bei jedem Mal eine aufs Neue faszinierende, auslaugende, aber auch lohnenswerte Odyssee in die respektvolle Katharsis eines niemals wirklich aggressiv zu Werke gehendenen Universums der Melancholie. Die elaborierte Länge ist kein prätentiöses Stilmittel zum Selbstzweck, sondern schlichtweg die nötige Ausdrucksform, um das Songwriting aus der schier endlos scheinenden Trauer wachsen zu lassen. Jeder Aufbau wirkt organisch, eine Entscheidung und Passage ergibt die nächste – der homogenste und gänsehauterregenste Moment auf Mirror Reaper lässt gar einen alten Freund in die Kasteiung einstimmen. Die Band folgt ihren Emotionen ohne Bruchstellen und entfernt sich damit auch bewusst immer weiter von der Schwere und Härte vergangener Tage.
Unmittelbarer, als es andere Funeral-Doom-Platten könnten, vermittelt Mirror Reaper die Reflexion des Lebens und des Todes, den Sensenmann als ein Faksimile des Kreislaufs des Seins. Wie bei allem, was Bell Witch betrifft, ist eine solche Erkenntnis nicht auf eine Art und Weise angelegt, die sich auf dem Schmerz oder Schrecken des Verlusts ausruht, sondern vielmehr in eine tiefere, aber nicht weniger heilsame Meditation über den Lauf der Zeit mündet. Da ist kein stiller Mahlstrom der diese Flammen löscht.

 

Honorable Mentions | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 |20 – 11 | 10 – 01 |

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