Dreamcar – Dreamcar

von am 16. Juni 2017 in Album

Dreamcar – Dreamcar

Pop im slicken Tron-Look: Die unwahrscheinliche Supergroup Dreamcar entfaltet ihren Sound nicht unbedingt zwischen den stilistischen Polen von No Doubt und AFI, klingt dann aber doch wie der logische gemeinsame Nenner der beiden hierfür die Mitglieder stiftenden Szenebands.

Nach Bekanntwerden der Besetzung hinter Dreamcar war man schnell darum bemüht für klare Fronten zu sorgen. Alleine schon, was den anvisierten Sound angeht. Freilich hätten die nun versammelten 39 Minuten des selbstbetitelten Debütalbums von Davey Havok, Tom Dumont, Tony Kanal und Adrian Young auch so schnell mit falschen Erwartungshaltungen aufgeräumt – ohne sich deswegen assoziativ vollends von No Doubt und AFI zu lösen.
Tatsächlich greifen Dreamcar durchaus Versatzstücke und Ansätze auf, die sich auch bei ihren jeweiligen Stammbands finden lassen, folgen diesen aber mit einer fast schon cheesy ausformulierten Konsequenz und zelebrieren ihren retrofuturistischen Nostalgieschub mit einer überraschend unangestrengten Frische.

Soll heißen: Havok singt bei Dreamcar tatsächlich nicht für No Doubt, sondern spielt mit den Jungs von Gwen Stefani jenen bisweilen im bewusst kitschigen Wave verankerten Synthpop, den Duran Duran etwa immer noch versuchen und den Daryl Palumbo mit Head Automatica so nicht mehr machen will – dessen Spurenelemente sich dafür aber zuletzt wieder verstärkt in den Keyboard-Texturen von AFI (The Blood Album) finden ließen.
Da ist nämlich eine zutiefst in den 80ern verankerte Schwüle und neongrell einladende Düsternis, die Havok selbst mit dem Anachronismus namens Blakq Audio zum bisweilen geschmacklos arbeitenden Ästhetik-Vehikel überhöht hat. Ein wenig so, als würden The Killers nicht mehr nur Las Vegas, sondern eine zurechtgestylte Hipster-Parallelwelt bespielen; als hätte Brandon Flowers einen bunten New Romantic-Photoshop-Goth entdeckt, der mehr noch als von Havok’s Charisma, dem variablen Groove der Rhythmussektion oder der modischen Atmosphäre des Produktes von einem immanenten Händchen für schmissige Melodien, hartnäckige Hooks und kurzweilige Semi-Hits lebt.

Gerade eingangs laufen Dreamcar damit zur Hochform auf und liefern ein Songwriting als Paradebeispiel von Effektivität. Der nach vorne gehende Opener After I Confessed zielt mit flippigen Synthies, funkelnden Gitarren und poliert-pochenden Drums in die Schneise der ansteckendsten The BraveryEinzeltat; pulsiert eigentlich nervös, doch lässt die Zuckerglasur der Produktionsoptik den Song regelrecht edel zurechtdesignt wirken. Das folgende Kill for Candy mit seinem nautischen Bass ist sogar ein noch zwingenderer Hit.
Auch wenn bis auf wenige Ausnahmen der Rest der Platte im Schatten dieser Highlights stehen wird, bleiben Dreamcar danach bis auf weiteres auf einem annähernd ähnlichen Niveau zutiefst catchy: Mal luftiger (Born to Lie), mal stimmungsvoller dängelnd (Ever Lonely), dann unbekümmert schunkelnd polternd und schlichtweg liebenswert poppig an The Cure oder The Smiths angelehnt (All of the Dead Girls). Im stampfenden On the Charts dominiert gar ein gurgelnder Funk-Bass, der Dreamcar ungeniert in die Discoabteilung der nächstbesten Yacht tanzen lässt. Auf Sicht bleibt Kanal vielleicht ganz allgemein ohnedies das geheime Trumpfass der Kombo, der mit seinem hibbeligen Spiel auch das gen Roxy Music gniedelnd-saxofonierende The Assailant als unkomplizierten Zeitvertreib etabliert.

Mann kann während des Konsums dieser schnell zündenden Kleinode verdammt viel Spaß mit Dreamcar haben, ohne danach noch viel Gedanken an diese erstaunlich unprätentiös funktionierenden Ohrwürmern zu verschwenden.
Leider geht dem toll harmonierenden Quartett nach dem seine überschaubare Halbwertszeit ignorierenden potentiellen Single-Fließband im letzten Viertel der Platte dann allerdings doch noch ein wenig die Luft aus und Dreamcar plätschern ihren Sound bedienend zu gefällig in den Hintergrund. Dort tut dieses nichtsdestotrotz über den Erwartungen liegende Debüt freilich immer noch niemandem weh, vertändelt seine eigentlichen Stärken aber zwischen zuviel Füllmaterial und lässt das Gefühl aufkommen, dass dieses Liebkind aller Beteiligten vielleicht schon vor Ablauf des ersten Langspielers alles Relevante gesagt haben könnte.
Eine Achillesferse, die Dreamcar auf Sicht zwar unter Wert verkaufen könnte, die aber wohl nicht nur für Genre-Fans die Frage zulässig erscheinen lässt, wie es mit dieser schlüssig funktionierenden Band wohl weitergehen könnte.

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