Echo Lake – Wild Peace

von am 19. Juli 2012 in Album

Echo Lake – Wild Peace

Ätherisch sehnsüchtiger Synthiepop, der die The Jesus and Mary Chain-Schule durchlaufen hat: Echo Lake aus London heißen, wie sie klingen oder klingen wie sie heißen.

Bei den jungen Engländern ist das wie die Frage mit dem Huhn und dem Ei – was war früher da; hier: Sound oder Bandname? – und letztendlich ist es auch bei Echo Lake im Grunde genommen egal. Was hier zehn Mal zählt, sind repetitiv schiebende Keyboardmotive und kristallisiert flirrende Synthieflächen, scharfkantig perlende Gitarrenmuster und offene Akkorde mit einem Ausblick soweit das Auge reicht, obwohl begraben unter tausend wattierten Schichten Reverb, nicht beengt, sondern wohlig weich behütet. Irgendwo dazwischen lenkt Linda Jarvis mit ihrer unwirklich feenhaften Stimme die Kompositionen ohne sie domestizieren zu müssen, lässt gleiten, was gleiten will und driftet bei Wohlwollen in die selbe Richtung, folgt dem Hall, Texte verschwimmen im Sound, fördern die Atmosphäre, ohne sie zu konkretisieren.

Echo Lake haben dabei verinnerlicht, was die mittlerweile unvermeidlichen Stammväter My Bloody Valentine und The Jesus and Mary Chain in ihrem Soundunterricht durchgenommen haben, klammern aber jedwede bedrohlichen Aspekte aus und umspülen mit einem nach allen Seiten offenen Klangbecken, das Bandkopf, Songwriter und Multiinstrumentalist Thom Hill irgendwo zwischen Melancholie und Nostalgie steuern lässt: wo Genrekollegen wie The Pains of Being Pure At Heart ihre Songs klar in den Pop schwenken, lassen Echo Lake den Melodien weitaus mehr Freiheiten anhand Szenarien, die auch ohne Anfang und Endpunkt prima leben könnten. Man bedient sich am Dream-Pop, ist aber vor allem in das traumhafte verliebt, die verbindenden Shoegaze-Elemente haben kaum etwas rockiges an sich, wie es etwa die Epigonen-Kollegen von den Crocodiles zuletzt vorgeführt haben, obwohl man im rauschenden ‚Even The Blind‚ kurz davor ist, im sägenden ‚Young Silence‚ praktisch mitten drin. Das Verständnis untereinander, es wäre also wohl nicht nur aufgrund der fehlenden Alleinstellungsmerkmale gegeben.

Der kleine Noiseanhang in besagtem ‚Even the Blind‚ ist also ebenso wenig exemplarisch, wie das schellende Schlagzeug im beschwingten ‚Breathe Deep‚, wo die Rhythmen organischer einherwandern, als auf vielen anderen Stellen der Platte. Dass der dafür verantwortliche Pete Hayes unlängst im Alter von nur 25 Jahren verstorben ist, verleiht ‚Wild Peace‚ im Nachhinein eine zusätzliche Schwere, besonders in sanft berauschenden Momenten wie der instrumentalen Schönheit ‚Monday 5AM‚, wo der Sound der Engländer förmlich gefangen nimmt. Der wilde Friede am Echo Lake, er hat etwas einladendes, ausgelassenes in sich, ohne deswegen je in Partystimmung zu verfallen, tanzt also entrückt und nie unmittelbar zum friedfertigen Sonnenaufgang, ist Aufbruchsstimmung und heimelige Wohligkeit in einem. Das vermittelte Gefühl des „Niemals-Ankommens“ ist dabei die große Stärke dieses Debüts, wie auch ihre Achillesferse.

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