Fleet Foxes – Crack-Up

von am 10. Juli 2017 in Album

Fleet Foxes – Crack-Up

Sechs Jahre nach Helplessness Blues dirigiert Robin Pecknold seine Fleet Foxes entlang eines immer komplexer werdenden Songwritings bis hinein in den Prog-Folk, findet in den stimmungsvollen Landschaften dabei aber nicht mehr immer den direkten Zugang zum Herzen.

Eine halbes Jahrzehnt nachdem er den (von ihm selbst zu einem Gutteil überhaupt erst mit losgetretenen) Neo-Folk-Revival-Zirkus verlassen hat um sich einem Studium zu widmen, hat Pecknold die grundsätzliche stilistische Ausrichtung seiner Band auf Crack-Up nicht geändert – Fleet Foxes spielen weiterhin ihren ungebundenen Apalachen-Indie-Folk an der Grenze zum barocken Americana, melodieverliebt und harmoniesüchtig –  er intensiviert sie allerdings und denkt sie bis an ihre vermeintlichen Grenzen weiter.
Symptomatisch dafür steht gleich die eröffnende Herausforderung I Am All That I Need / Arroyo Seco / Thumbprint Scar, tatsächlich drei Stücke in einem: Verschlafen in sich selbst gekehrt knüpfen die Fleet Foxes tatsächlich direkt dort an, wo das stampfende Grown Ocean den Helplessness Blues im Jahr 2011 etwas abrupt zu Ende brachte. Crack-Up übernimmt nahtlos, die Band wiegt sich empor. Plötzlich wacht das Szenario munter auf, gibt sich beschwingt und luftig, wächst pompös mit weihevollen Streichern, nur um im nächsten Augenblick auf einer Lichtung im Wald zärtlich zu dösen, bevor sich der symphonische Zauber in einer bezaubernden Klarheit auflöst, die letztendlich jedoch auch die ersten Fragezeichen aufwirft. Und damit in jeder Hinsicht auch die generelle Gangart von Crack-Up im Gesamten vorwegnimmt.

Auch über den entgegenkommend an Bord holenden Vorabboten Third of May / Ōdaigahara (das in seiner zweigeteilten Lagerfeuer-Eleganz erst in gesitteter Leichtigkeit über zwölfsaitige Gitarren und Streicher poltert; dann sorgsam und geradezu anmutig an der Hand nimmt und über seine neun Minuten Spielzeit als einer der wenigen Songs klar zu identifizierende Refrains anbietet, auch wenn er nahezu jeden einzelnen davon leicht variiert, bevor er das Tempo herausnimmt, um danach wieder am Rad zu drehen) zeigt sich: Die Kompositionen von Crack-Up sind grundsätzlich länger als auf Fleet Foxes sowie Helplessness Blues, und darüber ohnedies vielmehr nonlineare Klangwelt-Suiten, als klassische, catchy Songs.
Das Drittwerk der Band aus Seattle verweigert sich immer wieder explizit, denkt Ideen bewusst nicht zu Ende, sondern lässt sie lieber schmeichelweich in neue Passagen und Movements kollidieren. Pecknold variiert, schichtet um, ändert die Richtung. Er reduziert den mehrstimmigen Gesang und forciert eine gewisse Unberechenbarkeit. Das ist dann konzeptuell in unzähligen Lagen aufbereiteter Prog-Folk voller musikalischer und lyrischer Referenzen, Querverbindungen und Selbstverweise, der sich als ein vor Detailverliebtheit strotzender, anspruchsvoller Brocken präsentiert, der erarbeitet werden will – und der spirituell durchaus in der Tradition von formauflösenden Platten wie Spirit of Eden steht. Insofern geradezu paradox, dass Pecknold meint, seine Gefühle hier direkter und deutlicher artikuliert zu haben als auf seinen bisherigen Platten.

Viel eher scheint das geballte Maß an Ambition dem Gespür Pecknolds für eine unmittelbare Emotionalität bisweilen demonstrativ im Weg zu stehen: Crack-Up kann auch nach langer Eingewöhnungszeit prätentiös, verkopft, zu konstruiert und gewollt sperrig klingen – hängen bleibt selbst nach zahlreichen Durchgängen nur wenig konkretes.
Die Band theoretisiert, hat unheimlich viele Ideen, Instrumente und Arrangements, aber liefert damit scheinbar kaum entlohnende Hooks. Crack-Up ist mehr an fesselnder Stimmungsarbeit interessiert, als an kompakten Ohrwürmern – Pecknold will den Weg erkundschaften, nicht das Ziel finden. Das ist zu jedem betörenden Zeitpunkt eine sofort anziehende Ohrenweide, frustriert aber auch, indem Fleet Foxes nicht mehr derart intuitiv den Schwung zur Gänsehaut nehmen, sondern die überwältigend Erhabenheit in all den Dynamiken und Texturen zu zerdenken beginnen.
Der Effekt ist ein ambivalenter: Man hört Crack-Up zwar vom Erstkontakt weg mit dem Gefühl, hier eine schlichtweg große, bedeutungsvolle Platte vor sich zu haben. Nur den emotionalen Zugang dazu, den will man nicht restlos entdecken. Die Platte umspült eher, als dass sie abholt, das Feuerwerk bleibt stete Andeutung – ein immer weiter unerfüllt hinausgezögerter Eargasm.
Es ist insofern schwer zu erörtern, weswegen Crack-Up dennoch nicht loslässt, immer wieder hervorgekramt wird. Vermutlich ist es einfach die der Platte ganz eigene Faszination, die verführt, in den Bann zieht und zu all diesen schwierigen Schönheiten zurückkehren und in ihren herausfordernden Welten suchen lässt.

Man verliebt sich dabei mit jedem neuen Besuch ein Stück mehr in all die bezaubernden Grazien, wenn etwa Cassius, – bedächtig pochend langsam an Fahrt aufnimmt, einen der wenigen rundum luftigen Momente der Platte markiert, um an seinem Horizont Soundspielerein und einem herbeigefiedelt-geklimpertem Spannungsaufbau zu beobachten, der ansatzlos in die geduldig rumpelnde Grandezza – Naiads, Cassadies überleitet, unaufgeregt in den orchestralen Charakter der Platte tänzelt, bescheiden und groß. Kept Woman ist dagegen eine eigentlich dramatische Klavierballade, die jedoch filigran und zerbrechlich perlt zupft, Ausbrüche verweigert und akzentuiert plätschert.
Der mit sich selbst im Reinen treibende Albumfluss denkt bisherige Motive auf natürliche Art weiter, geht in der friedlichen Atmosphäre auf und führt das letzte Drittel nach mäandernder Herrlichkeit zur Formvollendung. Mearcstapa driftet um experimentelle Wellen, gibt sich unergründlich, bevor On Another Ocean (January / June) seinen elegischen gewachsenen Groove mit viel Zärtlichkeit in eine tröstende Leidensfähigkeit gleiten lässt. I Should See Memphis verortet die Fleet Foxes wahrhaftig irgendwo in die mediativ-maritimen Sphären von Leonard Cohen und How to Disappear Completly – Musik, um die Augen zu schließen und einzutauchen in einen Kosmos, der über den fast schon feierlichen Titelsong mit seinen schwelgenden Bläsern ein zutiefst rundes Ende findet.
Freilich gibt es da inmitten noch Momente, in denen es Fleet Foxes dem Publikum vermeintlich leicht machen: Die stille Miniatur If You Need to, Keep Time on Me ist etwa eine reduzierte Einkehr von beruhigender Gelassenheit und Fool’s Errand vielleicht doch noch so etwas wie ein Ohrwurm, der sein Tempo immer wieder für einen erhebenden Refrain ausbremst.
Doch selbst diese Szenen können irritieren und enttäuschen, weil sie nicht auf die erwartete Art und Weise mit übersprudelnden Endorphinen entlohnen. Allerdings ist auch gerade dies der Zauber dieses beständigen Growers: Die Obsession Crack-Up zu hören ist auch ein wenig so ist, als würde man ein offensichtliches Geheimnis ergründen zu wollen, das sich nicht entschlüsseln lassen will. Mit jedem Mal, immer wieder.

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