Free Fall – Power & Volume

von am 15. Februar 2013 in Album

Free Fall – Power & Volume

Neues aus der Retro-Ecke mit Supergroup-Touch: Nuclear Blast rüstet sich für den Fall, dass AC/DC tatsächlich einmal in Pension gehen könnten oder schwitzender Hardrock plötzlich wieder die coolste Sache der Welt wird.

Dann stehen Free Fall nämlich gleich an vorderster Front: ‚Power & Volume‚ ist hier nicht nur Name sondern auch bedingungsloses Programm. Die vier Schweden (natürlich aus Schweden – woher sollen derartig exzessive Rocker auch sonst kommen?!) knallen einem derart testosterongeschwängerte Hardrocksprinter um die Ohren, wie sie auch die Institution aus Australien in die Stadien zu schmettern pflegt – der Schweiß trieft von den Wänden, die Riffs hängen direkt über angeschwollenen Eiern, Kim Fransson’s sich zum goldenen Gott windende Stimme kratzt kehlig in der heulenden Exaltiertheit: Brian Johnson und Bon Scott wurde schon lange nicht mehr gleichzeitig so ergiebig Tribut gezollt. Basser Jan Martens und The International Noise Conspiracy-Schlagzeuger Ludwig Dahlberg treiben die entschlackte Soundwelle tight an; steigert sich Gitarrist Mattias Bärjed (Ex-The Soundtrack of Our Lives) dazu in seine gnidelnden Hochgeschwindigkeitssoli (und das tut er oft), ist das kurz vor der ‚World Domination‚, zumindest aber in Genremaßstäben genau so ‚Top Of The World‚, wie Free Fall das permanent anstreben.

Wo derartiger (Retro-)Hardrock anderswo aber gerne mal als reiner Balztanz inszeniert wird und sich unweit Kollegen wie Danko Jones vordergründig in sexuell anrüchige Gefilde austoben, geilen sich Free Fall beinahe alleine an ihrer schweißtreibenden Liebe zur Musik auf: Suck My Beat!,“I’ve got fire, I’ve got soul!/ And power! And Volume!“ kreischt Fransson. Tatsächlich hat vor allem dieser eröffnende Highspeed-Titeltrack schon etwas plump Territorialmarkierendes an sich – darf aber gleichzeitig als vorangeschicktes, hundertprozentig treffendes Bandmotto in der Tradition von Motörhead verstanden werden. Zumal ‚Power & Volume‚ nach diesem eilenden Statement sogar permanent noch besser wird. Für ‚Free Fall‚ (noch so ein sich definitiver Aussage-Song also!) sollten die Schweden zwar noch fette Tantiemen an The Who zahlen–  die zweite Säulenheiligkeit neben AC/DC für die von Lemmy so geprägten Free Fall – , aber was soll’s: den Datsuns-Fans wird es auf der gemeinsamen Tour ob dieses charmanten Updates von ‚Won’t Get Fooled Again‚ mal eben begeistert die Nieten aus der Lederjacke blasen.

Danach geht es Schlag auf Schlag und prinzipiell Hit auf Hit: ‚Top Of The World‚ lebt auf der Überholspur des stringenten 70er-Rock’n’Roll, Free Fall destillieren Stimmung und Vibe als einfachste Fingerübung der Welt, ‚Love Bombing‚ ist dann gleichzeitig Garage ala The Hives und Stadion ala Wolfmother. Der schwer walzende Groove von ‚Damnation‚ trieft förmlich vor innbrünstigem Soul über, ‚Meat‚ wird vor allen anderen Songs hier (aber eben definitiv nicht als einziger!) seinen Weg zu den Plastikgitarrenspielen auf die Konsolen dieser Welt finden. ‚Midnight Vulture‚ knackt jedes Bier von selbst, stapft mit fetter Sonnenbrille durch die Nacht breitbeinig zur nächsten Harley und lässt dabei sogar Jam-Psychedelik zu. Kein Einzelfall, denn wo Free Fall das Spiel mit dem schweißtreibenden Nackenschütteln geradezu besorgniserregend aus dem Effeff beherrschen, fahren die ruhigeren Momente die epische Vorliebe für das Hymnische noch ausformulierter auf: ‚Attila‚ nimmt als Höhepunkt mit seinem schamanenhaften groovenden Bassriff hypnotisierend an Tempo auf, hat Led Zeppelin behände im Visier und beginnt im Laufe seiner knapp sieben Minuten immer weiter über sich selbst hinauszuwachsen – Zielstrebigkeit und Exzess gehen auf ‚Power & Volume‚ immer einher, selten aber derart hemmungslos umschlungenen.

Dass ist dann vielleicht auch der insgeheim imposanteste Kniff der Schweden: dass ihr Rock’n’Roll stets so unheimlich selbstverständlich und unkompliziert aus den Boxen bügelt, es dabei aber eigentlich faustdick hinter den Ohren hat und sich nach den Andeutungen erster Abnutzungserscheinungen klammheimlich in noch zwingendere Sphären aufzuschwingen beginnt. Eventuell ist ‚Power & Volume‚  also doch eher Instant-Evergreen-Kolektion als „nur“ schmissig-kurzweilige Hitsammlung?
Das wird die Zeit zeigen. Und dabei auch mutmaßlich die Vorahnung bestätigen, dass Free Fall diesen fulminanten Einstand in Zukunft noch spielend übertreffen werden können. In bester Gesellschaft sind sie dabei in unmittelbarer Label-Umgebung zumindest schon einmal: neben Graveyard, Kadaver und Witchcraft zementieren Free Fall die Gewissheit, dass man zu blind zu allem greifen kann, was Nuclear Blast unter dem Genre-Banner Retro-Rock signt und anpreist.

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