Guns N‘ Roses [10.07.2017: Ernst Happel-Stadion, Wien]

von am 17. Juli 2017 in Featured, Reviews

Guns N‘ Roses [10.07.2017: Ernst Happel-Stadion, Wien]

Also doch nicht „Not in This Lifetime…: Axl Rose, Slash und Duff McKagan zelebrieren mit ihren Erfüllungsgehilfen auch unter suboptimalen Bedingungen die wohl bestmögliche Rekonstruktion der Faszination Guns ‚N Roses – irgendwo zwischen purer Nostalgie-Dienstleistung und nahezu perfektioniert aus der Zeit gerissenem Stadion-Hardrock-Spektakel.

Ein paar Fragen bleiben offen. Nach annähernd drei Stunden Spielzeit, die trotz teilweise erschlagend ausführlich gniedelnder Solopassagen fast schon zu schnell verfliegen. (Eine Erkenntnis, die dann im Grunde übrigens ohnedies bereits die Antwort darauf liefert, ob Gun ‚N Roses auf ihrer megalomanisch teuren und unfassbar ertragreichen Quasi-Reunion-Tour abgeliefert haben. Haben sie.)
Etwa, wer für den anfangs nahezu erbärmlichen undifferenziert und dünnen Sound in Wien verantwortlich zeichnet? Jenen klanglichen Brei, der für dezente Anlaufschwierigkeiten sorgt, zusätzlich unter den bald einsetzenden, sporadischen Regenfällen leidet, bevor die Sache nach und nach doch noch besser wird, sich letztendlich durchaus okay an die suboptimalen Möglichkeiten des Ernst Happel Stadions anpasst.
Oder, ob es am anderen Ende des Abends seitens der Band wirklich notwendig ist, das wenig naheliegende The Seeker als fixen Bestandteil der Zugabe etabliert zu haben, während etwa eigene Glanztaten wie My Michelle oder Don’t Cry ausgespart werden. Selbst das gerne verwendete Whole Lotta Rosie als Reminiszenz an den AC/DC-Aushilfsjob von Axl hätte derart prominent vor dem abschließenden, verhältnismäßig kompakt gehaltenen, Feuerwerk-Finale Paradise City platziert wohl besser gezündet, als die ein wenig verhalten aufgenommene The Who-Interpretation. Darf man insofern also ein wenig neidisch zu den noch ausführlicheren Setlisten von Prag oder Nijmegen blicken – oder die Publikumsinteraktion in Wien als zumindest ausbaufähig bezeichnen?

Guns 'N Roses Live 3

Stichwort Fremdkompositionen: Dass Guns ‚N Roses eine ziemlich ausführliche Cover-Leidenschaft zelebrieren, steht dem äußerst lebendigen Hardrock-Dinosaurier mal besser, mal schlechter.
Längst in Fleisch und Blut einverleibte Nummern wie Live and Let Die (The Wings) oder Dylan’s Knockin‘ on Heavens Door gehören selbstverständlich zum Standard und werden zu Recht frenetisch gefeiert. Das Chris Cornell-Tribute mit dem Soundgarden-Klassiker Black Hole Sun (samt Westworld-artigem Saloon-Keyboard-Intro) ist prinzipiell ebenfalls erfreulich, so enervierend schief sie auch teilweise gerät – die unsterbliche Pink Floyd-Schönheit Wish You Were Here erweist sich in ihrer Funktion als instrumentale Jam-Elegie als wenig inspiriertes Füllmaterial entlang eines sich selbst beglückwünschenden Gitarrenduets.
Kleine angetäuschte und ausschmückende Ausflüge halten das im Grunde ja eigentlich arg überschaubare Œuvre der Band zudem frisch (das aus tauenden Kehlen gegröhlte Civil War streift hinten raus Voodoo Child; Axl klimpert mal Ansätze von Layla und dann sind da Fragmente von Only Women Bleed auszumachen), während Speak Softly Love (Nino Rota) anderswo den Steigbügel für den exaltiertesten all jener Slash-Ausflüge liefert, die immer wieder den Abend dominieren. Der 51 Jährige Gitarrist (im ikonischen Trademark-Look auflaufend und sich augenscheinlich in der Aufbauphase im Gym befindend) klotzt mit exzessiven Gitarrenexkursionen, die ihren Zweck vollends erfüllen: Wie charakteristisch, essentiell und eben auch unersetzlich der Zylinderträger für die viele Jahre von Axl fragwürdig am amputierten Leben erhaltene Institution Guns ‚N Roses ist, sollte nach dieser Tour jedem klar sein – spätestens, wenn Slash kleine, aber merklich optimierende Modifikationen an den Chinese Demograzy-Vertretern der Setlist vornimmt.

Guns 'N Roses Live 5

Der (einstige?) Despot Rose tut also gut daran, dem Gitarristen immer wieder bereitwillig die Bühne zu überlassen, wo der Sänger die Interaktion mit seinen Mitstreitern allerdings ohnedies auf ein Minimum beschränkt. Stattdessen führt er ein Sammelsurium aus geradezu obskur geschmacklosen Jacken, Hüten und zerschlissenen H&M-Rebellenjeans vor, präsentiert sich stimmlich mal kraftlos (ausgerechnet im späten Karriere-Highlight Better), zumeist aber erstaunlich fit und antreibend auf der Höhe. Sein Shangri-La-Schlangentanz sitzt auch mit einigen Kilo mehr auf den Hüften (und Botox im katzenhaften Antlitz) einigermaßen verführerisch, das Umhertollen von einem Bühnenrand zum anderen hat dagegen eher etwas von einem vorschriftmäßigem Dienst am Fan.
Während die restliche Riege (Keyboarder Dizzy Reed und Gitarrist Richard Fortus gehören mehr oder minder seit knapp eineinhalb Dekaden zum Personal, der großartige Frank Ferrer seit zumindest einer – die dagegen erst kürzlich zur Band gestoßene Melissa Reese fügt sich gut in diese drückende Gemeinschaft ein) drumherum extrem routiniert ihren Job erledigen, schält sich in der Einzelbetrachtung der Hauptakteure jedoch ausgerechnet der unscheinbare Duff als heimlicher Gewinner hervor.
Wo Slash ‚N Axl sich immer wieder hartnäckig an der Vergangenheit festzuklammern scheinen, präsentiert sich der Bassist nicht nur optisch  in vital-moderner Form, sondern spielt sein Instrument massiv gurgelnd rein im Dienste der Songs und provoziert das Rampenlicht damit nie mit der Brechstange – als er es für das punkige Misfits-Cover Attitude allerdings doch reklamiert, und stimmlich eine angriffslustige Performance hinlegt, sorgt er sogar für einen der Höhepunkte des Abends. Und den vielleicht einzigen, in dem Guns ‚N Roses dank einer lausbubenhaften Unberechenbarkeit und Spielfreude im Jahr 2017 tatsächlich so klingen, als hätten sie die Reunion nicht primär wegen der Kohle durchgezogen.

Am deutlichsten wird die finanzielle Triebfeder hinter Not in This Lifetime…vielleicht ausgerechnet im theoretisch synergetischen Monolithen November Rain: Ins restliche Bandgefüge integriert verzieht der ausnahmsweise auch instrumental aushelfende Rose auf seinem Grande Piano klimpernd keine Miene, während Slash den Jahrhundertsong durch schwindelerregende Höhen soliert. Ein überwältigende Gefühl will sich allerdings trotz der technisch einwandfreien Leistung nicht einstellen. Viel eher steht im Verbund eine nach abgespulten Pflichtprogramm klingende, relativ lieblos durchgenudelte und paradoxerweise trotzdem grandios auftrumpfende Version eines Epos.
Freilich ist derartige Kritik dann auch zuallererst ein Ringen mit der eigenen Erwartungshaltung. Denn im Grunde überzeugen Guns ‚N Roses selbst im kitischig schleichenden, nichtsdestotrotz wohlwollend beklatschten Balladenlangweiler This I Love anstandslos und legen drumherum eine geradezu berauschende Dichte an ewigen Klassikern hin: It’s So Easy zündet als ungewohnter Opener stark, die vorauseilenden Schatten von Welcome to the Jungle alleine bringen das Stadion zum Beben. Estranged ist nichts weniger als ein Monstrum von einem Geniestreich und der Terminator-Beitrag You Could Be Mine geht immer noch sexy in die Hüften, bevor das Doppel aus Sweet Child O‘ Mine und Used to Love Her endgültig alle Dämme brechen lässt.
Während sich also Vice-Schreiber wieder einmal mit der Brechstange provozieren wollende Clickbait-Artikelunfälle aus den Fingern saugen, liegen sich in der Arena älter gewordene Rocker bierselig in Erinnerungen schwelgend in den Armen und zücken die Myriaden an nachgerückten Fanmassen munter ihre Handykameras, um zu dokumentieren, was man dann doch irgendwie erlebt haben muss, um die Freude an diesem Comeback nachvollziehen zu können.
Dda verlassen deswegen wohl sogar selbst all jene, die sich nicht restlos von der masseninjizierten Begeisterung anstecken haben lassen, zumindest rundum zufrieden und ein bisschen glückselig das Stadion. Was bei Kartenpreisen im dreistelligen Bereich ja grundsätzlich als ziemliche Leistung seitens Guns ‚N Roses zu werten ist. Not in This Lifetime… funktioniert damit letztendlich tatsächlich als das erhoffte Zeitportal, indem es die Nostalgieschiene ohne gravierenden Rost entlangbrettert und alte Großtaten bestmöglich aufwärmt. Und die Frage nach der Relevanz dieser Reunion beantwortet sich damit in gewisser Weise von selbst.

Setlist:
It’s So Easy
Mr. Brownstone
Chinese Democracy
Welcome to the Jungle
Double Talkin‘ Jive
Better
Estranged
Live and Let Die
Rocket Queen
You Could Be Mine
Attitude
This I Love
Civil War
Yesterdays
Coma
Speak Softly Love (Love Theme From The Godfather)
Sweet Child O‘ Mine
Used to Love Her
Out Ta Get Me
Wish You Were Here
November Rain
Black Hole Sun
Knockin‘ on Heaven’s Door
Nighttrain

Encore:
Patience
The Seeker
Paradise City

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