John Garcia – The Coyote Who Spoke in Tongues

von am 19. Januar 2017 in Album

John Garcia – The Coyote Who Spoke in Tongues

Das zweite Soloalbum der Desert Rock-Legende konzentriert sich auf das Wesentliche: The Coyote Who Spoke in Tongues inszeniert John Garcias mächtiges Organ vor dem Hintergrund zurückgenommener Akustik-Stoner samt vereinzelter Streifzüge durch die Discografie von Kyuss.

Gleich vorab: Dass Garcia bei der stilistischen Neujustierung (die so freilich nicht unbedingt Gefahr läuft mit Innovationspreisen überhäuft zu werden) nicht ausschließlich auf neue Songs vertraut, sondern vier Kyuss-Klassiker im reduzierten Gewand mit in die Waagschale wirft, verleiht The Coyote Who Spoke in Tongues einen etwas mutlosen Beigeschmack. Gerade auch, weil sich die Ausrichtung von The Coyote Who Spoke in Tongues als grundsätzlich vitale Idee erweist. Denn wo es dem sehr soliden selbstbetitelten Solodebüt von 2014 insgeheim an herausragendem Songmaterial mangelte, blüht Garcia ohne die angestammten Trademarks wie fett heulende Fuzz-Gitarren auf seinem entschlackten Zweitwerk merklich auf, seine neuen Songs klingen befreit, hungrig, verspielt und unangestrengt – ein Effekt, den man übrigens auch erst unlängst auch bei dem ähnlich veranlagten Low Country von The Sword beobachten konnte.
Auch wenn Garcia dabei vergleichsweise etwas mehr Gleichförmigkeit in Sachen Geschwindigkeit und Dynamik praktiziert, instrumental noch archaischer arrangieren lässt, funktioniert die Röhre des 46 Jährigen auch im Setting vor schummrigen Lagerfeuerhintergrunds exzellent und egalisiert beinahe den Fakt, dass nicht jede Fingerübung hier das selbe Maß an Relevanz erzeugen kann, nicht überall ein tatsächlich kreatives Gewicht zu spüren ist.

Was aber auch daran liegt, dass alle 9 Songs auf ein gesundes Maß an Understatement setzen. Die so geduldige Fortsetzung Argleben II hofiert seine ansatzweise dramatische Ader etwa mit subtiler Klinge, während die starke Vorabsingle Kylie energisch nach vorne gehend raschelt und die vorhandenen Streicher nur dezent aufkommenden lässt. Im überragenden The Hollingsworth Session flicht Garcia eine dringliche Pianolinie in die stimmungsvole Atmosphäre, bis die sich umgarnenden Gitarren in den Himmel jammen und damit das dynamische, frische und motivierte Gefühl destillieren, das The Coyote Who Spoke in Tongues auch im Gesamten stets transportiert. Für den Songwriter Garcia darf die Herangehensweise (und das immer fruchtbarer werdende kreative Verhältnis mit Gitarrist Ehren Groban) an seine zweite Soloplatte durchaus als Initialzündung betrachtet werden. Weswegen es den Kniff mit Netz und doppeltem Kyuss-Boden streng genommen eben gar nicht gebraucht hätte. Zumal sich die Adaption des Kyuss-Materials als zwiespältige Idee erweist – die selbst im Detail betrachtet mal besser, mal schlechter aufgeht.

Die melancholisch gezupfte Systemkritik Green Machine ist immer noch „here to gun it down„, öffnet seine Akkorde zum Refrain wohlig, attackiert nun von Innen heraus und ist regelrecht sanftmütig und tröstend – so intim hat man den Song noch nicht gehört. Gardenia strahlt friedfertig gezupft auch ohne die Malstrom-Macht der Homme-Verstärker großartig und offenbart mit bedrückter Schlagseite sogar neue Facetten, wohingegen El Rodeo in seiner Akustik-Version die sich entladende Wucht der originalen Riffs nicht aufwiegen (da ändern auch die mysteriösen Streicher nichts) geschweige denn ersetzen kann: Es entwickelt sich eher ein entspannter Galopp als Rodeo, Garcias dennoch so  aufbrausende Intonation wirkt insofern zumindest irritierend.
Ambivalent auch der unsterbliche Space Cadet: Weil Garcia sich hier ausnahmsweise (und natürlich bedingt durch die schon unplugged-artige Ursprungsform der Nummer, die nur wenig Umarbeitung fordert) primär im wenig kreativ  Nachspielen übt –  obgleich der Orgeleinsatz Liebe zum Detail zeigt und Garcias klare, hohe Stimmlage den Song interessant ausleuchtet, zumindest das entspannte Western-Solo die Existenz dieser Variation rechtfertigt.
Um es in aller Deutlichkeit zu erwähnen: Keine der vier Interpretationen wird von Garcia in den Sand gesetzt, es macht durchaus Spaß die Klassiker in dieser Stripped-Down-Version zu hören – dass Garcia sich hier einen Herzenwunsch erfüllt (und natürlich auch die Kuh zu melken versteht) ist durchaus transparent. Doch die Schwelle zur inspiriert scheinenden Territoriumserweiterung wird dabei eben nicht immer überschritten und wirkt gelegentlich eher wie eine Erinnerung, weswegen man als Fan nach wie vor anstandslos zu Konzerten des Mannes aus San Manuel pilgern kann/sollte.

Spätestens wenn Garcia sich mit dem schönen, aber beliebig plätschernden Gitarrengeplänkel Court Order frühzeitig als Sänger aus seiner eigenen Platte entfernt und The Coyote Who Spoke in Tongues damit leider auch etwas eindruckslos ausklingen lässt, bleibt ein unausgegorener Eindruck zurück – und die integrierten Kyuss-Songs hinterlassen im Gesamtgefüge Probleme. Sicherlich ergeben die 40 Minuten trotz der gespaltenen Herkunft aufgrund ihrer Inszenierung ein rundes, stimmiges Ganzes – doch erweisen die drei am Stück einhergehenden Kyuss-Nummern dem Fluss der Platte einen Bärendienst: Auch aufgrund ihrer Klasse beschwören sie das Malheur, dass The Coyote Who Spoke in Tongues auf den letzten Metern nach der an sich starken ersten Hälfte die Puste unter Gebühr ausgeht.
Eventuell wären hier zwei simultane Veröffentlichungen (ein quasi vollwertiges Akustik-Album mit neuem Material neben einer EP-Rückschau aufs Garcias legendäre Discografie) der zufriedenstellendere Weg gewesen, zumal sich das eigentlich ambitioniert andere Wege beschreiten wollende The Coyote Who Spoke in Tongues so letztendlich den Vorwurf gefallen lassen muß, eine Nummer-Sicher-Platte geworden zu sein, die sich ohne letzte Konsequenz auf einer gewissen Nostalgie-Schiene einfädelt und deswegen nicht bei ihrem eigentlichen Ziel ankommt.
Eine Position zwischen den unfair bewertenden Fronten: Wäre diese Songsammlung außerhalb des Kanons der regulären Studioalben veröffentlicht worden, müsste man sich wohl nicht derart pingelig an den Strukturen reiben. Wo mit etwas mehr Varianz (etwa im allgemeinen Tempo) und einem klareren Bruch zur eigenen Vergangenheit das stärkste Album der Garcia-Schmiede seit Jahren hätte wachsen können, steht so aber nun in Summe eben „nur“ eine rundum gute, angenehm zu hörende, jedoch nicht restlos befriedigende Fingerübung mit füllendem Gimmick-Abgang. Und dennoch: Dass The Coyote Who Spoke in Tongues als eigenständiges Album zu unausgegoren angeschnittenes Potential liegen lässt, ändert allerdings eben auch wenig am einnehmenden Flair der Platte, dem Wechselspiel aus charismatischer Hintergrundmusik und fesselnder Wüstenkunst – die zudem einen guten Einstiegspunkt in die zuverlässige Discografie von Garcia darstellt.

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