Johnny Jewel – Windswept

von am 15. Mai 2017 in Album, Soundtrack

Johnny Jewel – Windswept

Johnny Jewel bleibt nach den überraschenden Veröffentlichungen der beiden EPs The Key und The Hacker unberechenbar umtriebig: Auf dem unvermittelt über digitale Vertriebswege hinausgehauenen Rundumschlag Windswept versammelt die Genre-Gallionsfigur nun also weitestgehend neue Solo-Songs, dazu nominelle Kooperationen mit seinen Bands Chromatics, Heaven, Glass Candy und Symmetry – wohl allesamt Vorgeschmäcker auf das kommende Twin Peaks-Revival.

Nach einer Nahtod-Erfahrung 2015 hat Johnny Jewel, wie Alexis Rivera unlängst mitteilte, alle (bereits physisch) existierenden Exemplare des seit gefühlten Ewigkeiten angekündigten Dear Thommy vernichtet. Während die Synthieswelt seitdem auf den (mittlerweile offenbar nicht nur bald wieder fertiggestellten, sondern auch gleich verbesserten) Nachfolger der famosen 2012er Chromatics-Glanztat Kill for Love wartet, vertreibt sich der Italians Do it Better-Boss im Worcaholic-Modus bekanntlich zusätzlich mit allerhand sonstigen Projekten die Zeit – primär Soundtrackarbeiten, denen es auf musikalischer Ebene nach retrofuturistischen Neonreklameschildern in dunkler Nacht verlangt.
Siehe etwa Home, A Beautiful Now oder im aktuellen Fokus gerade die demnächst startende dritte Staffel von Twin Peaks. Mit der seinerzeit geschassten Drive-Auftragsarbeit im Hinterkopf bleibt vorerst zwar offen, ob Windswept insofern gleichermaßen als (bandübergreifend) großes Ausmisten von angestautem Material, oder doch schon viel mehr als stimmungsvoller Teaser für Kommendes zu verstehen ist.

Das (unter dem Chromatics-Banner laufende) wunderschöne Richard Rodgers-Cover Blue Moon fand sich beispielsweise bereits auf dem luxuriösen Score zu Lost River oder Running from the Sun wieder – ist also längst ein bekanntes, zärtliches Ausrufezeichen der hohen Coverkunst des Johnny Jewel. Welche der restlichen Songs darüber hinaus Windswept-exklusiv bleiben, und welche man hingegen demnächst im Rahmen der Rückkehr der Mutter der modernen TV Serie erleben können wird, darüber darf also aktuell spekuliert werden.
Naheliegende Kandidaten für Twin Peaks wären im Kontext jedenfalls ausnahmslos vorhanden. Etwa der Titelsong (eine langsam schlurfende Jazz-Elegie mit digitalem Besen, so träumend und verführerisch wie geheimnisvoll – und höchstens zu lang, wenn man sich nicht mit Haut und Haar der einnehmenden Atmosphäre ausliefert), das in einer unwirklichen Vibraphone-Melodie schleichende The Crimson Kiss, oder die ätherische Ballade Saturday (von Desire), die sich in sehnsüchtiger Julee Cruise-Schönheit windet. Heaven (von Johnny Jewel featuring Heaven) oder das bedrohliche Between Worlds beklemmen mit flächige Texturen, während die wie Streichern funktionierenden Keyboardlandschaften assoziative Kopfkino-Szenen für das Great Northern an seinem überwältigenden Wasserfall malen. Auch das melancholisch angeschlagene  Reverbstück Slow Dreams finge eine wiederbelebte Aura der Serie potentiell wohl nahtlos ein.

Immerhin injiziert Jewel seinem typischen Genre-Songwriting auf Windswept generell erfolgreich die schwelgend-verträumte Handschrift von Angelo Badalamentis klassischen Twin Peaks-Schöpfungen – und landet damit nicht nur bei saxofonschwangere Nummern wie Motel (Johnny Jewel with Glass Candy), dem nervös-verängstigte Stardust oder dem vor unwirklicher Reminiszenz bezaubernden The Flame in der Schnittmenge der Einflüsse irgendwo in der Nähe der Slo-Mo-Doomjazz-Fürsten Bohren & der Club of Gore. Womit Jewels Score gleichzeitig werktreu aufgeht und dennoch neue Blickwinkel auf die vermeintlich idyllische Kleinstadt eröffnet – ohne dabei freilich derart ikonisch zu strahlen, wie Badalamentis stilprägende Meisterarbeit.
Ergänzende Fingerübungen wie das fingerzeigend betitelte Television Snow (eine düstere Synthieklanglandschaft mit einem subtilen Funken Hoffnung), das sphärische Missing Pages, der zwielichtig pirschende Distortion-Puls Strobe Lights oder das abgründiger und verstörender am orchestralen Noise aufgeriebene Insomnia bewegen sich unweit dieser nostalgisch entschleunigten Zone hingegen eher dort, wo bereits Jewels Beiträge für Ghost in the Shell als skizzenhafte Soundideen aufgingen, vermitteln also vor allem den stimmungsvollen Eindruck von Ästhetik.

Überhaupt ist es ohnedies primär die einnehmende Ausstrahlung und Atmosphäre, die Windswept auszeichnet und zu einem feinen Schaulaufen von Jewels zahlreichen, stilistisch mit klarer Handschrift geführten Spielwiesen macht. Sicherlich ein die durchaus die Vorfreude steigerndes, einnehmendes Schmankerl für Twin Peaks-Anhänger (zumal auch für jene Puristen, die anderen Verneigungen bereits skeptisch gegenüber standen), dazu eine rundum potente  Italians do it Better-Trademark-Veröffentlichungen, die das angestammte Klientel der Schmiede mit neuem anachronistischem Futter versorgen wird (und im hauseigenen Shop wie gewohnt zum außerordentlich fairen Downloadpreis zu haben ist).
Wie essentiell die sehr homogen aufgehende Album-oder-doch-Compilation-Schnittmenge Windswept angesichts kommender Veröffentlichungen letztendlich tatsächlich sein wird, muss sich freilich erst weisen. Für den Moment aber könnte es freilich alleine schon kaum ein adäquateres Trostpflaster für die Dear Tommy-Wartezeit geben.

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