Kendrick Lamar – DAMN.

von am 29. April 2017 in Album, Heavy Rotation

Kendrick Lamar – DAMN.

Die beiden extravaganten Geniestreiche good kid, m.A.A.d city (2012) und vor allem To Pimp a Butterfly (2015) haben Kendrick Lamar in den Olymp des Hip Hop katapultiert. Mit DAMN. festigt er diese Stellung nun ausgerechnet durch ein relativ konventionell aufzeigendes Genre-Werk, das den 30 Jährigen spektakulär unspektakulär zurück in der Welt der Sterblichen holt.

Tatsächliches Understatement ist das vielleicht noch nicht. Aber nach drei mitunter erschlagenden Konzeptalben am Stück sowie der grandiosen Resteverwertung untitled unmastered. geht es Kung Fu Kemny nun demonstrativ eine Nummer kleiner an: DAMN. richtet den Scheinwerfer nach der Milieustudie Section. 80, der Compton-Vermessung good kid, m.A.A.d city sowie des am Schmelztiegel von Black Lives Matter und Brainfeeder gebauten Meisterwerkes To Build a Butterfly auf die Person Kendrick Lamar Duckworth selbst – religiöse und politische Predigten inklusive, trotz oder gerade wegen der Positionierung zwischen den Fronten: „I’m not a politician, I’m not ‚bout a religion / I’m a Israelite, don’t call me Black no mo‘ / That word is only a color, it ain’t facts no mo‘.

Diese relative Zäsur bedeutet zwar auch ein wenig ästhetisches, kaum zu rechtfertigendes Artwork in direkter Rohheit samt Majuskeln und Ein-Wort-No-Bullshit-Songtitel.  Vor allem aber eine Platte, die sich strukturell den Luxus von mehr sprunghafter Spontanität gönnt, einer gewissen Kurzweiligkeit und Kompaktheit frönt – kurzum: den Fokus nicht so sehr auf das große Ganze, sondern auf die einzelnen, relaxt fließenden Tracks stellt, und deswegen zumindest auf den Erstkontakt hin in seiner enormen Unterhaltsamkeit durchaus als zerfahrenes Stückwerk missinterpretiert werden kann.
Richtiger ist allerdings wohl: DAMN. sucht im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mehr nach der Zukunft des Rap durch virtuosen Anachronismus, sondern reflektiert vielmehr als Momentaufnahme durch die Positionierung in der Moderne. DAMN. will nicht mit der erschlagend ausufernden Präsenz und dem demonstrativ genialen kreativen Gewicht der Vorgängeralben überwältigen, sondern bewegt sich generell konsumfertiger aufbereitet, zugänglicher und weniger sperrig bewusst inmitten der Masse der Konkurrenz.
Der Vorsprung entsteht hier nicht mehr durch die mitunter visionär Einzigartigkeit der Synergie, sondern durch den bewussten Vergleichswert zur Konkurrenz – und beeindruckt gerade dadurch. DAMN. ist für Lamar sozusagen die befreiende Rückkehr zur Profanität geworden. Und nicht umsonst ist der so hartkantig wie smart pumpende, so schmissige und paradoxerweise erst nun im Kontext vollends zünden wollende Hit Humble als infektiöse Vorabsingle ausgelegt.

Lamar gönnt sich in Summe nur wenige derartig imposante Muskelspiele – die potent pulsierende Machtdemonstration DNA etwa, die ihren Monster-Beat plötzlich zum hyperventilierenden Subbass-Monster mutieren lässt oder das am R&B und Pop von Drake und The Weekend zelebrierte Love – sondern gleicht in seinem entspannten Schaulaufen grandios produzierter, variabler Beats und dem so wandelbaren Flow von K-Dot vielmehr einer scheinbar unangestrengten Fingerübung, die die Konkurrenz über weite Strecken im Schlendergang abhängt.
Das sedativ dösende Yah nickt in wattierter Zeitlupe Mos Def’s Meisterwerk Black on Both Sides zu, das skelettierte Element findet nicht nur in der Piano-Hook verdammt viel Gefühl und das ätherisch unaufgeregte Feel lässt den Rhythmus beständig arbeiten. Auch in Pride lassen sich Spuren von To Pimp a Butterfly finden, sie haben jedoch den (heraus)fordernden Gestus gegen eine legere Bekömmlichkeit getauscht. Auch das fast schon in die Psychedelik schwurbelnde Lust transportiert diese Nonchalance, findet in seinen dezenten Funk-Anleihen bis zur Eleganz eines Prince, bevor God sich mit croonender Hingabe in einen optimistischen Trap legt, der Hipster-Hypes wie die Migos und ihre Culture erst recht als infantile Zirkusattraktion entlarvt.
Am deutlichsten wird der Charakter von DAMN. jedoch ausgerechnet im über 7 Minuten driftenden Fear, das vollkommen entschleunigt mit rückwärts geloopten Vocals zur unaufgeregten Mediation mit jazzigem Jam-Vibe wird, bei dem der über scheinbar ziellos plätschernde Weg sich immer mehr als das fesselnde Ziel entpuppt – und als Puzzlestück in einer gleichermaßen enorm abwechslungsreichen wie beeindruckend homogenen Album.

Schon Blood eröffnet die lyrisch bisher vielleicht direkteste Platte Lamars mit zurückgenommen treibendem Soul samt sorgsam in Szene gesetzten Streichern. Das klingt meditiert wie ein GZA-Feature in einem Tarantino-Film, kurz bevor es zum Gemetzel kommt. Tatsächlich beendet ein Schuss den Song.
Am anderen Ende wiederum spult Lamar in der Streettale Duckworth das Was-wäre-wenn-?-Szenario anhand einer Begegnung seines Vaters Ducky (einem KFC-Arbeiter) mit Förderer Anthony “Top Dawg” Tiffith (der justament Duckys Filliale überfällt) ab – „Twenty years later, them same strangers, you make ‚em meet again/ Inside recording studios where they reapin‘ their benefits/ Then you start remindin‘ them about that chicken incident/ Whoever thought the greatest rapper would be from coincidence?/ Because if Anthony killed Ducky, Top Dawg could be servin‘ life/ While I grew up without a father and die in a gunfight“ – und DAMN. mit seiner eigenen potentiellen Nichtexistenz vorsichtshalber gleich wieder zurück. Zu welchen Teilen der rasante Aufstieg von King Kendrick da Schicksal, Zufall oder schlichtweg harte Arbeit war, bleibt offen.

It was always me versus the world/ Until I found it’s me versus me“ fasst Kendrick das Wesen seines vierten regulären Studioalbums dann um Schlüsselwörter wie Loyalität und Bescheidenheit auch irgendwann ziemlich adäquat zusammen, „Ain’t nobody prayin‘ for me„.
Da funkelt zu jedem Zeitpunkt die Selbstsicherheit im Wissen, mit der bisherigen Discografie längst Distanz geschaffen zu haben und niemanden mehr etwas beweisen zu müssen. Im Gegenteil: Neben dem unvermeidlichen Rihanna-Feature im mit Vocoder flanierenden Loyalty folgen mittlerweile sogar die irischen Stadion-Götter U2 der Einladung von Kendrick. Umso bezeichnender, dass der aktuell Beste seiner Zunft Bono, Larry und Adam in XXX. zwischen hart wummernden Beats, nervösen Scratches und einer unangenehm ruhig Rezitation vor dem unberechenbaren Switch zu mehr Dringlichkeit und alarmierenden Sirenen als Abgesang auf Amerika – „this country is to me a sound/ Of drum and bass“ – die vielleicht gefühlvollste und stärkste Soul-Performance seit langer Zeit abringt. Irgendwo nur absolut systematisch für ein Album wie DAMN., das seinen Genre-Hochleistungssport als geradezu unspektakuläre Selbstverständlichkeit inszeniert. Chapeau!

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