Lorde – Melodrama

von am 1. Juli 2017 in Album, Heavy Rotation

Lorde – Melodrama

Lorde hat sich mit dem Nachfolger zu ihrem durch die Decke gehenden Debüt Pure Heroine Zeit gelassen und Hilfestellungen angenommen. Kluge Entscheidungen, um Melodrama an der Schnittstelle zwischen Moderne und Zeitlosigkeit reichhaltig wachsen zu lassen: Besser muss konsenstauglicher Mainstream-Pop im Jahr 2017 jedenfalls erst einmal werden.

Was man selbst dann nicht überhören kann, wenn einem Klatschnachrichten rund um die Entourage von Taylor Swift entgingen: Die vier Jahre seit Pure Heroine sind nicht spurlos an Ella Marija Lani Yelich-O’Connor vorübergezogen.
Nach dem kometenhaften Aufstieg 2013 zog sich die mittlerweile 20 Jährige Neuseeländerin erst zurück, trennte sich dann von ihrem langjährigen Freund und reflektierte als frisch gebackener Single über Zeitgeistkultur und das Älterwerden: „Als Single habe ich erst einmal jeden Freitag und Samstag in meinem neuen Haus eine Party geschmissen und mir das Geschehen mit neuen Augen, als eine Art Puzzle mit vielen Bestandteilen angeschaut.
Erfahrungen, die sie nun mit Unterstützung szenehipper Produzentenhirne und vor allem dem nach Makellosigkeit strebenden Know How von Jack Antonoff (vormals fun., heute Bleachers – und in den Credits von Grimes bis Carly Rae Jepsen vertreten) in ein erstaunlich kohärentes Konzeptalbum gegossen hat, das sich deutlich aus dem bisherigen Radius der bewussten Reduktion entfernt hat.

Gut, dass sich die Klangästhetik für Lorde zukünftig wuchtiger entwickeln werden würde, als ihn ihr aufgeräumtes Debütalbum praktizierte, ließ ja bereits ihre Arbeit am Soundtrack der Hunger Games erahnen.
Tatsächlich ist Lordes Sound ist auf Melodrama nun aber sogar deutlich weniger minimalistisch ausgefallen als bisher. Stattdessen inszeniert die Synästhetikerin ihn mit Antonoff nun voller und üppiger, das Duo nutzt dickere (Synthie-) Farben, wie bereits auf dem Artwork, und produktionstechnisch konventionellere Praktiken der Chart-Modelle. Im Vergleich zu Pure Heroine bietet Lorde ihren Pop damit zwar einer gewissen Austauschbarkeit im Auftreten an, der Effekt ist jedoch ein beflügelnder: Das Songwriting der Musikerin wächst in dieser Ausrichtung zu einer neuen Größe heran, funktioniert universeller, ohne seinen Charakter einzubüßen.
Lorde und der maßgebliche Sidekick Antonoff leuchten  ihre Kompositionen abwechslungsreicher arrangiert und mit mehr Facetten aus, wo die Bandbreite generell gestiegen ist. Die Songs schwanken mittlerweile mühelos zwischen einer bisher ungekannt mitreißenden Euphorie und Niedergeschlagenheit, legen sich mit der nötigen Hintergründigkeit und Tiefe in die makellos glänzenden Finessen einer Produktion, die mit Perfektionismus eben keine aalglatte Kantenlosigkeit meint.
Schließlich zünden selbst generischer designte Hits wie das so smart eröffnende Green Light (mit seinem standadisierten Beat und simpel klimpernden Pianomelodie) keineswegs steril, sondern forcieren einen individuellen Wiedererkennungswert (alleine diese beschwörende, enthusiastische, loslassende, rauchige Stimme; dazu Lyrics, die Banalitäten mit lakonischem Zynismus ebenso selbstverständlich feiern, wie sie mit gewohnt schlauer Nachdenklichkeit das Leben junger Menschen untersuchen – und damit vielleicht sogar ohne Reibungsverlust die Befindlichkeit einer Generation widerspiegeln, zumindest aber eine atmosphärisch dichte, fesselndes Momentaufnahme malen). Das ist ist dann selbst in den offensichtlichsten Momenten schlichtweg Dancepop von einer Güteklasse, dem Robyn in derartiger Eleganz schon zu lange nachläuft; von einer Qualität, die Icona Pop oder Paloma Faith nie derart konstant zustande gebracht haben.

Was folgt, ist eine wahrhaftig melodramatische Katharsis der Adoleszenz, ein Reigen der (Anti-)Lovesongs, der es versteht, selbst den offenkundigen Plattitüden eine Finte zu verpassen. Das famose The Louvre schrammt etwa erst mit abgedämpfter Gitarre und beobachtet die Disco mit pumpendem Beat und sprechsingenden Refrain doch nur von außen, verwehrt sich jedes expliziten Climaxes und schmiegt sich lieber in ein sphärisch träumendes Outro. Das ebenfalls überragende Writer in the Dark mutiert dagegen aus einer eindringlich nahbaren Klavierballade zur majestätischen Wehmut-Elegie zwischen Lana Del Rey und Fiona Apple, inklusive tränenschwerer Streicher.
Liability vergeht vor traurig-schöner Intimität beinahe und Sober II (Melodrama) legt sich immer weiter in seine still glimmernde Dramatik – gerade in den weniger Upbeat-lastigen Momenten erreicht Melodrama so eine überwältigende Intensität. Diesbezügliche Highlights mögen da insofern die nur sehr guten Songs überstrahlen, ohne Ausfall spinnen aber sogar unauffällige Nummern wie Hard Feelings/Loveless das Songgeflecht absolut schlüssig und stimmungsvoll im Dienste der Sache weiter.
Der Unterhaltungswert kurbelt dazu unermüdlich, wenn auch nicht gänzlich ohne Abnutzungserscheinungen: Sober reichert die rhythmische Ordnung von Pure Heroine mit digitalen Bläsern und einer entrückten Dringlichkeit an, zeigt auf den Dancefloor, auf dem Lorde das pulsierende Homemade Dynamide mit ätherischem Überbau findet. Der Supercut feiert mit Air-Hälfte Jean-Benoît Dunckel eine optimistisch stampfende Sauße, die alle negativen Erfahrungen schlichtweg ausblendet und den Spaß, den Melodrama machen kann, ideal destiliert.

Ohnedies lebt die Platte gerade auch von ihrer abwechslungsreichen, bisweilen sprunghaften Dynamik; dem variablen Fluss und einem grandiosen Spannungsbogen, den Lorde im filigranen Liability (Reprise) mit stiller Einsicht kulminieren lässt, bevor sie ihn mit der finalen Breitbild-Ausgelassenheit im glückseligen Abspann Perfect Places nur auf den ersten Blick versöhnlich abrundet: „I hate the headlines and the weather/ I’m 19 and I’m on fire/ But when we’re dancing I’m alright/ It’s just another graceless night/…/Are you lost enough?/Have another drink, get lost in us/ This is how we get notorious, oh/…/Now I can’t stand to be alone/ Let’s go to perfect places/…/ All the nights spent off our faces/ Trying to find these perfect places/ What the fuck are perfect places anyway?“
Melodrama ist die Oper über einen Abend in meinem Leben. Du stehst mitten auf der Tanzfläche und feierst mit deinen Freunden. Dann bist du plötzlich im Bad und siehst im Spiegel, wie fertig du bist. Du weinst, aber irgendwann geht’s dir dann wieder gut – all das kommt auf dem Album vor.“ sagt Lorde. Und legt dem folgend ein Konzeptalbum vor, das gleichzeitig Partyplatte und Break-Up-Innenansicht geworden ist, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Eine Berg und Talfahrt durch das juvenile Melodrama, das Lorde endgültig hin zum nahezu formvollendeten Hochglanz-Pop mit Niveau und Seele gebracht hat.
Denn was anderswo nach billigem Plastik schmeckt, gerät auf diesem Trip nicht nur enorm kuzweilig, sondern mündet in einem exzessiven, nihilistischen, melancholischen und letztendlich vor allem authentischen Album, dass das Herzblut hinter der stylishen Oberfläche stets fühlbar macht. Der Kniff von Melodrama ist damit im Grunde letztendlich ein so simpler, wie unheimlich schwer zu bewerkstelligender: Das Zweitwerk von Lorde spielt zwar nach allen Regeln des zeitgemäßen Formatradio-Mainstreams – macht dabei als Blockbuster, der auch auf emotionaler Ebene eindringlich funktioniert, allerdings eben schlichtweg nahezu alles richtiger und besser, als der Konkurrenz-Standard.

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