Maxïmo Park – Risk to Exist

von am 4. Mai 2017 in Album

Maxïmo Park – Risk to Exist

Ein wenig mehr noch als bereits auf Too Much Information versuchen Maxïmo Park zwölf Jahre nach dem genialen Debüt mittels einer sanften Revolution endlich den Mut zu finden, sich auf Albumlänge aus den relativ genormten Strukturen der fünf Vorgängerplatten zu lösen, riskieren letztendlich aber neuerlich zu wenig: Risk to Exist hält den Qualitätslevel der letzten Jahre gerade noch, vertändelt sich aber gefährlich medioker zwischen alten Stärken und neuen Ansätzen.

Rein inhaltlich sei Risk to Exist die gedankliche Fortsetzung zu Too Much Information, da Paul Smith den Fokus der globale Betrachtung der weltpolitischen Lage nunmehr auf jene des Individuums legt. Dass die Band aus Liverpool dafür auch musikalisch ein wenig deutlicher vom typischen Post Punk-Indierock der letzten Jahre abrückt -oder eher: ihn dezent verlagert – , hat dagegen auch rein praktische Gründe: Außerhalb der typischen Wohlfülzone wurde Album Nummer Sechs von Tom Schick im hauseigenen Studio von Wilco aufgenommen – inklusive der dort gelagerten Retroinstrumentarium und dem Willen, alles live einzuspielen und auf keine Overdubs zurückzugreifen.
Wo auf Too Much Information die so überzeugenden, wie leider letztendlich nebensächlichen Darkwave-Anstrichen der Ausreißer Brain Cells und Leave this Island neue stilistische Perspektiven aufzeigen wollten, sind es es auf Risk to Exist nun latente Funk-Einflüsse und sorgsam adaptierte Soul-Spurenelemente, die in den typischen Bandsound assimiliert wurden – da kann die titelspendende Vorabsingle mit ihrer zackigen Strenge, der umwerfenden Melodie und dem schlauen Post-Chorus noch so sehr die Killer-Hit-Vorzüge der Zeit zwischen A Certain Trigger und Our Earthly Pleasures imitieren.

Immer wieder schmiegt sich Low-Chanteuse Mimi Parker als gefühlvolle Ergänzung in die Szenen. Und gleich der betont entspannt und leger im Midtempo-Bereich daherschlendernde Opener What Did We Do to You to Deserve This? oder das fluffig-seichte I’ll Be Around stellen die Rhythmusabteilung relaxt in den Vordergrund und wattieren mit geschmeidigen Synthies und milden Gitarrengeplänkel – dass sich Gründungsmitglied Archis Tiku nach der langjährigen Live-Abstinez nunmehr vollends in Pension verabschiedet hat, schlägt sich im locker-hibbeligen Bassspiel von Ersatzmann Paul Rafferty merklich nieder.
Darauf surfen etwa das frecher anziehende, aberschlichtweg nervende Get High (No, I Don’t) in seiner besserwissenden Theatralik, das entwaffnend schmissige What Equals Love? oder das 80er-affin stacksende Work and Then Wait mit seinem funkelnd aufmachenden Finale. The Hero schielt softrockend und clubtauglich auf die Tanzfläche und fährt in letzter Konsequenz gar modische Bläser auf. Der nervös zappelnde Casino-Thriller The Reason I Am Here hofiert seinen regelrecht klassischen, supercatchy deherkommenden Maxïmo Park-Refrain in der aufbrausenden Dramatik hingegen etwas zu unausgegoren, kränkelt aber nicht nur am mittlerweile generell weniger zwingend auftretenden Songwriting, dass ungestüme Ideen, infektiöse Überschläge und kreative Ausbrüche neben eklatanten Ecken und Kanten vermissen lässt.

Es ist vor allem der lasche Sound, der den soliden Hooks und Melodien nicht unbedingt in die Karten spielt, sondern Maxïmo Park vielmehr müde unter ihrem eigentlichen Energielevel in Szene setzt. Nach dem durchaus griffigen Start scheint Risk to Exist über zu beliebige Songs wie Make What You Can, dem nichtsdetotrotz schönen Alchemy oder dem netten Respond to the Feeling  jedoch nach und nach die Kraft auszugehen. Ohne erkennbaren Biss beginnt die Platte so eingängig wie doch auch austauschbar zu plätschern, wirkt gerade angesichts der sonstigen Stringenz von Maxïmo Park zu  zahm, weichgespült und drucklos.
Die stets vorhandenen Ohrwurm-Qualitäten der Songs werden deswegen zu oft verschenkt, weil das textlich mitunter starke Risk to Exist selbst bei angezogenem Tempo nicht wirklich packt oder unbedingt mitreißt. Risk to Exist wächst im überschaubaren Rahmen langsam und subtil, doch klammern Maxïmo Park durch diese Gangart auch eine Tugend aus, die jeder bisherigen ihrer Platte das Gefühl von mehr Konsequenz und Hartnäckigkeit verliehen hat.
Dass die Briten gerade in einer eigentlich doch  so ambitioniert ausgelegten Phase ihrer stagnierenden Karriere damit seltsam selbstgefällig und zwanglos klingen, entlässt bisweilen geradezu frustrierend aus einem so feinen wie unverbindlichen Album, das den üblichen MO der Band erst so erfrischend ankurbelt, nur um die freigemachten PS danach nicht auf den Boden zu bringen. Gewissermaßen taucht Risk to Exist das Quartett damit ohne Hysterie, aber mit dem gewohnten Händchen für Pop in ein mildes Easy Listening-Licht (und hat alleine dadurch seine Existenzberechtigung sicher), hängt allerdings zwischen Aufbruchstimmung und Komfortzone ohne die pushende Kraft der Post-Produktion enttäuschend zwischen den Seilen  – ein gefälliges, aber unbefriedigendes Vergnügen. Und das kann den Ansprüchen von Maxïmo Park kaum genügen.

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