Mogwai – Every Country’s Sun

von am 7. Oktober 2017 in Album

Mogwai – Every Country’s Sun

Weder der Ausstieg von Gründungsmitglied John Cummings noch eine demonstrativ irritierende Vorabsingle bringen Every Country’s Sun aus dem Plansoll: Mogwai liefern nach dem neuerlichen Soundtrack-Ausflug Atomic auch auf ihrem neunten regulären Studioalbum anstandslos ab und nehmen ihre eigene Zuverlässigkeit dabei sogar wieder etwas härter in die Mangel, als zuletzt.

Man kann es den Schotten kaum verübeln, dass sie im Vorfeld von Every Country’s Sun den Versuch starteten, auf dem falschen Fuß zu erwischen: Ein geheimnisvoller Countdown entpuppte sich letztendlich als ernüchternd sinnlose Zeitnahme für eine Konzertankündigung, bevor Party in the Dark als zweite Vorabsingle durchaus stutzig zu machen wusste: Mogwai spielen hier waschechten Wave-Pop, simpel und melodisch, zugänglich und nostalgisch. Der hallverwaschene Gesang von Stuart Braithwaite schielt Richtung Minor Victories und New Order, ist die eigentlich nicht mehr für möglich gehaltene Fortsetzung von Teenage Exorcists, ein geradezu unbeschwerter und nebensächlicher Singlong.
Ein paar Wochen später – sowie eine Überraschungspremiere beim Primavera Sound Festival – ist man schlauer und weiß: Party in the Dark fügt sich nun zwar nahtlos in den Fluss der 57 Minuten von Every Country’s Sun ein, ist ansonsten aber gar nicht unbedingt repräsentativ für ein seltsam vertraut erscheinendes Album, das über weite Strecken sogar wie ein alter Bekannter in den Arm nimmt, und hinter dem über die letzten Jahre etablierten Klang-Charakter der Schotten stellenweise gar wie eine Annäherung an die engeren Grundprinzipien von Mogwai wirkt.
Nach dem minimalistischer gehaltenen Rave Tapes, das als starker Standard die synthetischere Ader der jüngeren Vergangenheit demonstrativ auf die Spitze trieb, ist das Auftreten im Sound jedenfalls wieder ursprünglicher, während das Songwriting auf Every Country’s Sun klassischer und selbstreferentieller geerdet wird. Ausgerechnet im Jahr 2 nach dem Abgang von Gitarrist Cummings bedeutet dies in letzter Konsequenz sogar mehr Gitarren, dazu einen sparsameren Umgang mit der Elektronik und den Synthies. Ein bisschen Finte darf also schon sein, wenn ansonsten Flaute in Sachen Überraschungsgehalt herrscht.

Mogwai bleiben der Gangart der vergangenen (plus/minus) zehn Jahre nämlich ansatzlos treu, besinnen sich auf ihrem neunten regulären Studioalbum sogar stärker auf den Kern ihres Wesens. Die Mitglieder rücken enger zusammen und den Bandsound nach vorne, lassen unter Mithilfe von Produzenten-Rückkehrer Dave Fridman mehr Wärme im reichen Raumklang zu.
Gerade eingangs kann der Ersteindruck aus dieser Ausgangslage heraus allerdings durchaus ernüchternd scheinen: Man hat das Gefühl all die aufgefahrenen Elemente schon zu kennen, im Hinterkopf klingen zahlreiche Songs eben gar wie Variationen von bekannten Motiven.
Coolverine eröffnet den Reigen da wie eine God is an Astronaut-Annäherung an Hardcore Will Never Die, But You Will von 2011. Mogwai schieben verträumte, melancholische Gitarren und ein wohlig nostalgisches Keyboard übereinander, während ein nonchalanter Rhythmus durch den Song tänzelt und die Band die Dynamik immer enger zieht, das Scheppern dichter gestaltet ohne Explosion eine Dringlichkeit forciert, die direkt hinein in eine Kopfhörerplatte zieht, die nach einsamen Wanderungen durch die Nacht verlangt.
Dort fühlen sich auch majestätischen Synthies von Brain Sweeties wohl – als Amalgam aus Sunshine und Blade Runner – wie sie da unaufregend nach vorne schwebend nichts forcieren müssen, um spannend zu sein. Brain Sweeties bekommt einen Unterton, der die Schönheit in der Apokalypse sucht und untermalt danach die schummrig perlenden Sonnenseiten einer Dystopie, brilliert spät aber doch, bevor das wohl dosiert-epische Crossing the Road Material seinen intimen Gitarrenpassagen einen psychedelischen Lavalampenschimmer und knisternden Elektrorock-Solo-Schwarm gewährt, in einem perlenden Optimismus aufgeht, der auch ganz gut in das Stadion von Coldplay und Co. passen würde – nur dass Mogwai den Pathos mit so eleganter, demütiger und gefühlvoll nahbarer Geste spielen, die große Geste kurzerhand sanft und leise in den Schlaf streicheln.

Das Songwriting zelebriert natürlich von Beginn an seine Klasse und verwaltet Trademarks scheinbar mühelos. Every Country’s Sun muss seine Spannungsbögen dafür auch in weiterer Folge nur selten hart brechen, weswegen der Platte ohne Ausfall über weite Strecken vielleicht auch der letzte Funke fehlt, um restlos überragend und  grandios zu sein, sich auf eine Stufe mit den Höhepunkten der Band zu kultivieren.
Ohne eine nennenswerte Schwankungsbreite in der bisher gehaltenen Qualität erkennen zu lassen, spielen Mogwai die Rückkehr zum regulären Studioalbumformat im ersten Drittel deswegen vor allem souverän und sicher nach Hause – bevor der Grower Every Country’s Sun über das stille Aka 47  (ein kontemplatives Wiegenlied, das hypnotisiert und immer abgründiger entschleunigt, die Gitarren umschmeicheln eine Pink Floyd-Nachdenklichkeit, wunderbar minimalistisch und trotzdem so reichhaltig texturiert, subtil und hintergründig) seine tatsächlichen Stärken erst nach und nach im weiteren Verlauf immer deutlicher zu destillieren beginnt und hinten raus doch noch zur Hochform aufläuft.
20 Size fühlt sich etwa an, wie die Adaption eines besonders schwelgenden Earth-Minolithen, das fast schon weihnachtlich erhebende 1000 Foot Face verführt mit zartem Klargesang und beschwörender Atmosphäre, ist ein verschwommener poppiger Fingerzeig zur so gerne unter Wert verkauften Schönheit  Rock Action, der anmutig verglüht. Insofern schade, dass es nur zwei von insgesamt vier Songs mit Vocals auf die Platte geschafft haben – gerade auch in Anbetracht von Eternal Panther.

Das bärenstarke Don’t Believe the Fife pendelt dann erst als ätherisch tröpfelnde Ambientnummer, zurückgenommen und faszinierend schemenhaft, bevor die Erinnerung an Mr. Beast irgendwann wuchtig aufplatzt, mit herrlich bratzender Gitarre rockt und das furiose Finale von Every Country’s Sun einleitet, das das Album auch über jeden Eintrag in die Discografie seit Hardcore Will Never Die, But You Will hebt.
Yeah, that was very deliberate in a way to put those three tracks together at the end. I suppose maybe because there are three writers in the band and we all come out with different sounding stuff. I mean maybe it all sounds like Mogwai but for us it all sounds quite different and it seemed easy to sequence them like that. It wasn’t like everyone had their own sides on the vinyl but we quite easily worked out what was going to work well at the end of the record so we kind of sequenced it like that.sagt Barry Burns über das abschließende Trio.
Das dronige Battered at a Scramble glimmert da als potentielle Smashing Pumpkins-Nummer, schraubt sich wendig gegen den Strich und signalisiert: Die Band hat wieder Lust am Lärm, am Krawall und Noise, malträtiert sogar ein wenig. Old Poisons drückt sogar noch fester zupackend, bleibt knackig und fies unberechenbar, havariert im heavy Windschatten von Russian Circles.
Am imposantesten gerät dennoch der sinister lauernder Titelsong: Immer erhabener schwillt die Grandezza an, gewinnt Konturen, wird wuchtiger, schillert shoegazend. Gut, das ist im Vergleich zum reminiszierenden Come On Die Young freilich gediegen und lässt die wirkliche ekstatische Entladung erst außerhalb der Platte geschehen, zeigt aber doch angenehm ungemütlich nachwirkend: Mogwai können abseits der sinnsuchenden Variationen des Soundoutfits immer noch hungrig und vital zu Werke gehen, treiben Every Country’s Sun von der scheinbar ermüdenden Selbstverwaltung mit unterschwelliger Sicherheit zu ihrer wohl doch stärksten Veröffentlichung seit einiger Zeit.

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