Nick Cave & Warren Ellis – Hell or Highwater

von am 10. September 2016 in Soundtrack

Nick Cave & Warren Ellis – Hell or Highwater

Bevor Nick Cave und sein kongenialer Kompagnon Warren Ellis sich mit Skeleton Tree anschicken das Niveau von Push the Sky Away zu halten, führt das Duo anhand von Hell or Highwater noch schnell vor, warum man auch in der Soundtrack-Branche längst zu einem Household-Name geworden ist.

Seit ihrem gemeinsamen Filmsoundtrack-Debüt The Proposition vor knapp 11 Jahren haben Cave und Ellis kontinuierlich an einem assoziativen Sound gearbeitet, der weite Landschaften vor dem inneren Auge erzeugt, staubige Szenen von Melancholie, Isolation und Sehnsucht evoziert und zudem die Zeitlosigkeit von Cowboyhüten einfängt. Auch Hell or Highwater, der neue Film von David Mackenzie nach einem Drehbuch von Siccario-Schreiber Taylor Sheridan, in dem es Chris Pine und Ben Foster als banküberfallende Brüder mit Sheriff Jeff Bridges zu tun bekommen, schlägt nun in diese Kerbe.
Leise klimmert Ellis’sunheilvolles  Streicherarsenal, während Cave mit trauriger Melodiösität sein Piano durch die Szenen perlen lässt. Unmerklich schwillt die Dramatik und Intensität an und ab, kriecht etwa vom bedrückend nachdenklichen Kammerspiel vom grandios niederschmetternden Mama’s Room nahtlos in die minimalistische Wucht von Texas Midlands.

Das geduldig durch bedrückende Untiefen treibende Lord of the Plains streift gespenstische Chöre, Robbery pulsiert ungemütlich irgendwo zwischen nervöser Drone-Anspannung und erhabenem Suspence, während das gefährlich schabende Mountain Lion Mean mit seinem abgedämpften Bass dagegen unmittelbar an Water’s Edge anknüpft – und ohnedies vieles hier wie Rohfassungen für einen potentiellen Push the Sky Away-Nachfolger klingt. Dass ein zu kurzes Casino insofern gefühltermaßen nicht sein volles Potential ausbreitet, und die Schönheit von Comancheria II gerne auch ausführlicher zelebriert hätte werden dürfen, sind nur Fußnoten.
Die Atmosphäre, die Ellis und Cave selbst in diesen flüchtigeren Passagen ausbreiten, gehört immerhin dennoch mit zum Fesselndsten, was das Duo bisher als Untermalung für die zerrissenen Charakterstudien der von Ihnen betreuten Filme vorgelegt hat; vielleicht schrie sogar noch keine andere Arbeit des Duos auf diesem Sektor so sehr danach geschrien, das musikalische Äquivalent von Cormac McCarthy zu sein.

Ergänzt werden die unbehaglich in den Arm nehmenden, beschwörenden Score-Klangkonstruktionen von der beiden wie bereits zuvor so oft von stimmigen Songs und Nischenklassikern, die sich nahtlos in die restliche gezeichnete Bild einfügen.
Der Dollar Bill Blues von Townes Van Zandt ist ein ebenso munter dahingetriebener Americana wie You Ask Me To von Waylon Jennings. Sleeping On The Backtop (Colter Wall) gibt den Chain Gang Blues mit vitalisierenden Handclaps, Scott H. Biram sinniert über Blood, Sweat and Murder ähnlich dunkel, nur elektrifizierter. Großartig und geduldig entfaltet sich Ray Wylie Hubbard’s Dust of the Chase, eine zeitlose Schuld-und-Sühne-Elegie ohne Ausbruch, dafür aber schmerzerfüllt glimmernder Gitarre und Mundharmonika. Und das rockende Outlaw State Of Mind reitet episch in den Sonnenuntergang, ohne für ein restlos befriedigendes Finale zu sorgen.
Grund zur Beschwerde bietet da eigentlich dennoch nur die Tatsache, dass nicht alle im Film verwendeten Nummern Platz auf dem Soundtrack gefunden haben – eigentlich eine Verschwendung. Dass die aufgefahrenen Genre-Songs zudem wie irritierend leichtfüßig eingestreute Erholungsphasen zwischen den überragenden Original-Score-Kompositionen von Cave und Ellis wirken (also: ein reines Score-Werk noch nachhaltiger gewesen wäre), unterstreicht hingegen nur die malträtierende Intensität dieser.

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