Pallbearer – Heartless

von am 24. März 2017 in Album, Heavy Rotation

Pallbearer – Heartless

Pallbearer verlagern ihren traditionell verankerten Doom-Metal mit dem Nachfolger zu den Meisterwerken Sorrow and Extinction und Foundations of Burden neu, bringen ihn scheinbar mühelos auf eine breitere und detailiertere, aber auch reibungslosere Basis. Heartless kann in dieser Ausrichtung das Niveau der beiden Vorgänger nicht restlos stemmen, ringt der weiterhin besten Band des Genres aber gerade dadurch faszinierende neue Facetten ab.

Pallbearer bewegen sich seit jeher mit einer derart klaren musikalischen Vision und einem formvollendeten Songwriting durch das Erbe des klassisch geprägten Dooms, dass in dieser Gewichtsklasse schon nuancierte Justierungen massive Auswirkungen haben können – wie sich gleich im eröffnenden I Saw the End stellvertretend für Heartless im Gesamten nachvollziehen lässt.
Zwischen majestätischen Riffkaskaden, epischen Melodiebögen und einem Tool‚esken Climax knüpfen Pallbearer an ihr bisheriges Schaffen an – holen jeden unmittelbar mit der ihnen typischen, stets verinnerlichten, regelrecht zuverlässigen Klasse ab, der über die Geniestreiche aus den Jahren 2012 und 2014 bereits an Bord war. Kein Juwel, wie wie die bisherigen Alben-Opener Foreigner oder Worlds Apart, vielleicht – aber nichtsdetotrotz eine vertraute Trademark-Lehrstunde, inwiefern Pallbearer selbst vor Szene-Hoffnungsträgern wie den großartigen Khemmis immer noch in ihrer eigenen Liga spielen.
Und doch hat sich bereits hier zwischen den Zeilen etwas getan im Klangkosmos der Band, ist der sanfte Paradigmenwechsel, den I Saw the End symptomatisch für Heartless zum bisherigen Schaffen des Quartetts vollzieht, schon spürbar –  dabei allerdings nur so ungenau zu definieren und zu verorten.

Um das Artwork als Anhaltspunkt zu bemühen: Heartless baut auf einen warmen Sound, bewegt sich jedoch kaum noch in die Abgründe unter der Baumgrenze, sondern visiert mit freiem Blick auf massive Bergketten immer neue Höhen an. Atmet noch freier ausschweifend als seine Vorgängerplatten und schwingt sich über das ausladende Songwriting in hymnische Ausblicke, kanalisiert die Energie weniger fokussiert. Die generelle Stimmung ist sogar verhalten optimistischer, die Wellen des Dooms brechen nunmehr nicht mit einer derartigen Härte und Heavyness, die Spannungsbögen werden mit weniger eng gezogenen Zügeln gespannt.
Dass Pallbearer das bärenstarke Fear and Fury noch vor ihrem dritten Studioalbum abbauen wollten, macht nun insofern vor allem rückblickend Sinn, arbeitet Heartless doch nur selten derart kompakt und unmittelbar wie das griffige EP-Aushängeschild. Am ehesten noch die drückende, kompakt malmende und doch elegisch verklingende Vorabsingle Thorns, die die brachialere Seite der Band wie nur wenige andere Szenen des Albums mit zwingender Härte anvisiert und atmosphärisch in die Mangel nehmen.
Ansonsten vermisst die Spannweite der Songs diesmal weniger düstere und mächtige Gefilde, als dass sie sich immer epischer in eine erhabene Grandezza legt und eine berauschende Liebe zum strahlenden Schönklang destilliert, die mittlerweile ohne Überwindungen und Kraftakte entsteht.
Eine durchaus ambivalente Entwicklung sicherlich auch, scheint Heartless in dieser Gangart phasenweise doch das gewisse – überwältigende – Etwas zu fehlen; die Mänadenhafte Ekstase eventuell, die ein subtiles Mäandern in den wenigen Momenten der Selbstverwaltung aufreißt; vielleicht der intensive Gegenpol zu jener in den Himmel fahrenden Strahlkraft, die im Charakter der Band immer auch für die suchende Balance zwischen Motiven der Verzweiflung und Hoffnung sorgte.

Im Umkehrschluss bedeutet dies hingegen auch, dass sich für Pallbearer gerade erst dadurch, dass bis zu einem gewissen Grat die Wucht der Sehnsucht nunmehr einer in sich gekehrten Melancholie mehr Platz eingeräumt hat, auch neue, wahrhaftig wundervolle Horizonte öffnen – die das Quartett eindrucksvoll erkundet. Und damit neben bewussten Änderungen an der Basis auf so vielen anderen Ebenen wächst.
Ein mit geduldigem Vikinger-Flair und Classic Rock-Vibe mürbende Cruel Road entpuppt sich als variable Bühne, das eine infektiöse Hook sondergleichen hofiert und sich als vielleicht schmissigster Song der Band bisher in die Gehörgänge frisst, sich hinten raus streunend aber natürlich noch eine Stakkatobreitseite mit heroischer Färbung gönnt, während das folkig angehauchte Heartless mit einer gezupfter Akustikgitarre liebäugelt und sich schwerfällig zwischen Psychedelik und Drone positioniert, den angestammten Doom letztendlich aber ausnahmsweise um die Spur zu sicher nach Hause spielt.
Ganz anders dagegen das schier überragende Dancing in Madness, das erst so gefühlvoll und zärtlich mit seinem gefühlvollen Gitarrensolo über weichen Synthiefeldern schwebt, bevor Pallbearer das Geschehen plötzlich kippen lassen und durch dunklere Gefilde schleppen, neuen Anlauf nehmen, den 12 minütigen Monolithen verdichten. Hinter einem brutalen Riffing positioniert sich ein heavier zupackender Campbell, der all die so detailierte Texturen und mikroskopischen Einzelteile in ein grandios aufgelöstes Melodiemeer diktiert. Das ist virtuos und variabel, exerziert fordernde Strukturen und Wendungen, dehnt Hohheitsgebiete ambitioniert aus und unterfüttert sie mit einem Mehr an inszenatorischer Finesse.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt der Platte haben Pallbearer nahtlos den Prog der 80er in ihr Doom-Amalgam assimiliert.

Dennoch ist es vielleicht die größte Stärke von Heartless, all seine so endlos triumphalen Melodien imposant gedeihen zu lassen und mit dem Gespühr für das richtige Maß an Theatralik in Szene zu setzen – das euphonische Zusammenspiel von Brett Campbell und Devin Holt erreicht auf Heartless diesbezüglich schlichtweg einen neuen Level. Lie of Survival soliert etwa in zum Sterben ehrwürdiger Zeitlosigkeit über einen postrockigen Eingang. Episch und mit ermutigender Schwermütigkeit schreiten Pallbearer über einen gefinkelten Teppich aus flächigen Gitarrenteppichen, dezenten Synthies und akkurat ineinander verwobenen Riffs – am Ende wiegt sich der Song im Frieden mit sich selbst über ätherische Ambientflächen.
Am rundesten kulminiert der so akribische wie natürliche Evolutionsprozess im abschließenden A Plea for Understanding. Pallbearer übersetzen die emotionale Schwere des jüngsten 40 Watt Sun-Geniestreichs Wider Than the Sky zurück in den Metal, streifen dabei gleichermaßen die romantische Nachdenklichkeit von Type O Negative wie die schwelgende Mediation von Pink Floyd. Dazu liefert Campbell die eindrucksvollste – weil vielschichtigste, akzentuierteste und leidenschaftlichste – Gesangsperformance seiner Karriere, während Holt und Bassist Joseph D. Rowland die aus dem Ozzy-Schatten heraus abgeschlossene Metarmorphose mit erhebenden Harmonien beschwören und all jene neuen Tugenden, die Pallbearer ihrem dritten Studioalbum injiziert haben, so schlüssig auflösen. Indem all der Raum, den das Songwriting der Band mittlerweile einnimmt, nicht mehr auf etwaige vermisste zugespitzte Ausbrüche angewiesen ist, sondern sich der Pallbearer’sche Mikrokosmos mit traumwandelnder Selbstverständlichkeit in einer betörender Transzendenz auflöst. Und Heartless zu einem offenen Triumphzug wachsen lässt, der keine Genre-Klischees bemühen muss, um den dritten Neo-Klassiker in Folge zwar haarscharf zu verpassen, die Zukunft der Band jedoch mutmaßlich spannender denn je funkeln zu lassen.

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