Paul Plut – Lieder vom Tanzen und Sterben

von am 2. Dezember 2017 in Album

Paul Plut –  Lieder vom Tanzen und Sterben

Diese zehn Lieder vom Tanzen und Sterben dräuen wie ein apokalyptisches Unwetter über dem nahen Gebirge am Horizont: Schroff, ernsthaft und eindringlich. Paul Plut hat damit vielleicht auch ein bisschen das spartanisch skelettierte Album aufgenommen, für das die Stimmung nach der selbstbetitelten VIECHDebütgroßtat von 2013 zu wenig dunkel war.

Diese These sei in den Raum gestellt, ohne den bunten (und noch mit dem mittlerweile abgewanderten, kongenialen Freigeist Klinger-Krenn entstandenen) Nachfolger Yeah (2016) oder die beiden Marta-Antreiber Warships (2013) und Spaceships (2015) unter Wert verkaufen zu wollen – Projekte mit Plut-Beteiligung sind schließlich grundsätzlich eine qualitative Bank.
Auf Lieder vom Tanzen und Sterben (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge übrigens) klingt er nun jedenfalls wie ein gezeichneter Nomade und Eremit, der durch die düsteren Grautöne der mystisch im Nebel liegenden Berglandschaften streift und von dem man sich im Tal unten währenddessen nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Weil Plut Volksmusik so versteht, wie etwa der Sixteen Horsepower und Wovenhand-Vorstand David Eugene Edwards den Dark Folk, Country und Americana interpretiert, oder Tom Waits den Blues ausspuckt: Wettergegerbt, knorrig und nachdenklich, dazu stets mit einer eigenwilligen Ungemütlichkeit in seinen charakterstarken Bann ziehend. Das hat keinen Platz für verklärte Romantik, aber zumindest für einen Funken Hoffnung – und damit eine geradezu naturalistisch artikulierte Spiritualität.

Mit bisweilen starken steirischem Dialekt sinniert Plut in den tief einsickernden Texten dann von Dingen wie einer einsamen Kälte, der man auch zu Zweit kaum entkommen kann, der Welt als schönes Gräberfeld, weil wir nur Fleisch sind, sonst nix, oder er sucht den heiligen Vota an ähnlichen Stellen wie Cash und Cave.
Das artikuliert seine mitunter beklemmende Abgründigkeit mit einer unsentimentalen Nostalgie und Klarheit, die den kargen poetischen Landschaften Cormac McCarthys nicht unähnlich ist. Mit einer selten aufbegehrenden Ruhe in seiner rauchigen Stimme, die alle Last der Welt stoisch zu tragen scheint, deutet Plut Melodien im archaisch gehaltenen Klangbild deswegen auch eher erdig und ungeschönt an, als dass er sie tatsächlich forciert.
Songs vom Sterben und Tanzen lebt so auch vordergründig von seiner eindringlichen Atmosphäre, einer am Stück am besten funktionierenden Dichte, verzichtet abgekämpft auf allzu deklarierte Ausbrüche oder poppiges Entgegenkommen. Plut ist dabei jedoch auch geschickt genug, das Songwriting immer wieder um Nuancen zu variieren, die Spannung zu halten.

Lärche schlurft etwa noch als bluesige Chain Gang-Klagenummer, die auch einem Kaliber wie Duke Garwood die Magengrube aushebeln könnte, während Vota als brüchiger Gospel mit subtilem Backgroundgesang angereichert wird. Das ausblutentend in den Hall ziehende Wer streift dagegen durch die Katakomben von Danzer, Hirsch und Co., biegt spät aber doch den Staub abstreifend mit lockeren Tempo Richtung kakophonischen Sonnenaufgangs. Zutiefst fragil und tröstend ist die dort aufgehende Sunn, sie glimmert erst nackt, dann leise anschwellend in die Breite, bis ein erhebender Chor zu strahlen beginnt und das Spektrum der Lieder vom Tanzen und Sterben endgültig erweitert ist.
Grat pocht abgedämpft stampfend und Klatsch tänzelt mit rhythmischer Fixiertheit am Ende der Welt. Erdn (Lagos) ist eben dort auf verspulte Soundschleifen gebaut, in die lose Bläser und ein aufgeriebenes Feedback kriechen. Der Kreis dreht sich um eine melancholisch tröpfelnde Klavierballade, in deren entschlackter Ästhetik die Form der Gitarre an Bon Iver erinnert, die des Pianos an The National: Freilich beides durch einen grobkörnig aus der Zeit gefallenen Schwarz/Weiß-Filter betrachtet. Diamanten gönnt sich dann sogar ein beinahe wuchtiges Bluesrock-Schlagzeug und nervöses Auftreten – immerhin besucht der Teifi Plut jede Nacht; auf einem rumpelnden Feld, das Captain Beefheart lose die Ehre erweist und ohne falsche strukturelle Stringenz in der Nacht auflöst, konsequent verschwindet und damit ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Darüber wird man höchstens hinter vorgehaltener Hand flüstern.
Letztendlich ist das eigentliche Stichwort dieser kohärent wachsenden, unter die Haut kriechenden Platte auch insofern schlicht und ergreifend: Authentizität. Plut hat sich diesen Lieder vom Tanzen und Sterben merklich mit ganzer Seele bedingungslos verschrieben und fesselt mit einer daraus entstehenden Nahbarkeit. Das ist es dann auch, was Plut ein weiteres Mal über die Konkurrenz hebt – und quasi im Vorbeigehen auch noch Noel Gallagher korrigiert.

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