Paul Weller – Music From The Film Jawbone

von am 14. März 2017 in Soundtrack

Paul Weller – Music From The Film Jawbone

Paul Weller überrascht bei seiner ersten Soundtrackarbeit weniger damit, dass er Regisseur Thomas Naper für dessen Debütfilm auch gleich für das Drehbuch unter die Arme griff, sondern mit der stilistischen Palette, mit der der Modfather sich über 38 Minuten ambitioniert aus der eigenen Komfortzone wagt.

Ob Jawbone – die auf dem Papier relativ klischeehaft daherkommende Comeback-Story eines „ehemaligen Box-Champion, der am Tiefpunkt angekommen in seinen Kindheits-Box-Club zurückkehrt und wieder in den Ring steigt“ – tatsächlich halten kann, was der Qualitäts-Cast sowie der stimmungsvolle Trailer versprechen, bleibt noch bis zum Kinostart Ende März abzuwarten.
Unabhängig davon erweitert das britische Sportdrama durch seinen unkonventionellen Soundtrack allerdings bereits jetzt die Aktivitätsfelder von Britrock-Ikone Weller mit einer ebenso mutigen wie gelungene Fußnote. Der Altmeister ruht sich für seinen ersten Score überhaupt nicht auf den Errungenschaften seiner bisherigen Karriere aus, sondern betritt stilistisches Neuland, indem er folkige Kleinode, unheilvoll aufköchelnde Soundscapes (Man On Fire) und spartanisch auf unverrückbare Rhythmen gestemmte Dronerock-Skizzen (der dramatische Wah-Wah-Groove von Jawbone, das jazzig-drumlastige Hi-Hat-Jawbone Training oder das sinister eine elegische Hoffnung andeutende End Fight Sequence) als Entgegenkommen in fragmentarischen Ambient-Welten gedeihen lässt. Eine deklarierte Herausforderung von Weller an sich selbst und seine Basis.

Exemplarisch thront insofern der Monolith Jimmy/Blackout gleich am Beginn. Ein zwanzig minütiges, collagenhaft verwunschenes Meer aus ätherischen Pianoakkorden und sphärischen Streichern. Kaputt und doch von einer zerbrechlich am Abgrund stehenden Schönheit durchzogen. Chöre bleiben wie das gespenstische Orchester eine unscharfe Ahnung hinter dem Feedback, denn Weller wagt sich düster im Schatten von Brian Eno, Sigur Ròs oder Scott Walker.
Dass sein Können in diesen Gefilden noch nicht die souveräne Eleganz seiner regulären Kompositionen besitzt, wird jedoch deutlich, wenn nach einigen Minuten eine fiese Drone-Gitarre den Song hin zum skelettierten Rock zieht, aber nach wenigen Sekunden bereits ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen wieder der nahtlos eingefangenen Atmosphäre des traurigen Avantgarde nachgibt. Dann wirken derartige Sackgassen neben einigen anderen Ideen und Ansätzen hier dezent frustrierend, weil unausformuliert und nicht konsequent zu Ende gedacht.

Dennoch entpuppt sich Weller selbst in diesen Potential liegen lassenden Augenblicken als anstandslos Stimmungen erzeugender Klangmaler – der spätestens dann seine große Klasse aufzeigt, wenn der 58 Jährige Jimmy/Blackout auf die letzten 5 Minuten eine im beinahe sakralen Raum schwebende Gesangsperformance beschert. Schlichtweg erhebend.
Insgeheim sind die stärksten – weil: komplettesten und effektivsten – Momente von Jawbone nichtsdestotrotz ohnedies in den konventionellen Szenen zu finden: Der schlichtweg bezaubernde Akustikgitarren-Folk der aus dem Handgelenk geschüttelten Intimität The Ballad of Jimmy McCabe, in dem Weller mit melancholischer Tiefenwirkung eine herausragende stimmliche Leistung zeigt und ohne große Gesten unter die Haut geht etwa. In die selbe Kerbe schlägt auch Bottle – wenn man so will eine zärtliche Assimilierung von Pete Seeger’s Where Have All the Flowers Gone? und If von Pink Floyd, das sich vor sanft gezupften Saiten mit so unheimlich viel Gefühl den Sinnfragen einer gescheiterten Existenz stellt, aber letztendlich leise im Nichts verglüht.
Insofern stellt das auf eine facettenreiche Palette gebaute Music From The Film Jawbone trotz einiger Kinderkrankheiten ein rundum beachtliches Debüt für den jungfräulichen Soundtrack-Komponisten Paul Weller dar – mehr noch aber steigert es die Vorfreude auf das in den Startlöchern stehende dreizehnte Soloalbum des Modfather: A Kind Revolution.

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