Peter Silberman – Impermanence

von am 18. Februar 2017 in Album, Heavy Rotation

Peter Silberman – Impermanence

Wer die Schönheit von The Antlers bereits am Maximum der dezent schwelgenden Subtilität verortet hat, wird vom so vergänglich schwebenden Impermanence nun tatsächlich eines Besseren belehrt: Zauberstimme Peter Silberman hat mit seinem ersten Soloalbum ein minimalistisches Stück Indie-Reduktion im Geiste Jeff Buckleys aufgenommen.

Es ist schon erstaunlich, zu welchen Konturen Michael Lerner und Darby Cicci den Songs von Peter Silberman im Kontext von The Antlers verhelfen – soviel ist augenscheinlich bereits nach einem Blick auf das Artwork von Impermanence klar. Noch mehr aber nach den 37 Minuten, über die sich die sechs Songs hier treiben lassen. Tatsächlich agiert Silberman auf sich alleine gestellt nun nämlich noch elegischer, noch sphärischer, noch verschwommener, noch ambienter, – ja auch unspektakulärer – als es seine Stammband bereits mit dem 2014er-Meisterwerk Familiars tat.
Alles an Impernanence besteht aus einer filigranen Erhabenheit, die sich aus einer kaum greifbaren Anmut und flüchtigen Grandezza speist, sich so dezent und zerbrechlich inszeniert entfaltet,  letztendlich wie eine unwirkliche Traumlandschaft das Vermächtnis von Jeff Buckley – alleine in den zärtlich perlenden Gitarrenanschlägen, dem sehnsüchtigen Gesang, den sanftmütig ergreifenden Melodien, der Wärme hinter all der unendlichen Melancholie – in aller Ruhe aufgreift.

Ein Weg, den Silberman zwangsläufig einschlagen musste. Ein Tinnitus samt Gehörverlust zwang den 30 Jährigen dazu, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und seiner Musik von einer noch verhalteneren Seite als bisher zu nähern: „It was very scary, this really tremendous ringing in my ears — I don’t even know if ringing was really the right way to describe it, because it really sounded more like rushing water. It sounded more like it was in the same family as tinnitus that I had had before. … But this was at a level I’d never experienced before and it was really all-consuming, it took over. Playing music at all was out of the question. The sound of my own voice reverberating in my head was very painful, and I pretty much had to just be more or less silent while this was happening.erinnert sich Silberman, der sein erstes Soloalbum deswegen aus der Einsamkeit und Stille geboren hat: „I started trying to play again and trying to sing again, testing where the boundary was of the sensitivity and of the pain of it. What I found was that if I sang very quietly and if I played guitar very quietly that this would be a path for me.

Behagliche Gitarrenminiaturen und Silbermans androgyner Gesang bilden nun also das Grundgerüst von Impermanence. Im eröffnenden Karuna hallen die Saiten voller Trauer über einen unendlichen Klangraum, Silberman legt sein flehend-vibrierende Falsett-Organ mit sehnsüchtiger Schönheit in das strukturaufgelöste Atmosphäremeer. Als würden Gitarre und Stimme nach und nach näher zueinander finden, fließen die beiden Komponenten nach knapp 5 Minuten nicht mehr nebenher umgarnend, sondern ineinander – es entsteht ein ätherischer Beinahe-Popsong aus der im Soft-Modus umarmenden Postrock-Perspektive von Talk Talk: Ein sparsamer Rhythmus schleicht gar unaufdringlich unter die sphärisch bleibende Komposition, die sich in einem fast schon erhebenden Singalong-Finale zuspitzt, doch alles bleibt so fragil, so zartgliedrig, so ziseliert.
Es ist symptomatisch für Impermanence, dass bereits hier selbst am Höhepunkt der Dynamik keine tatsächliche Explosion im Spannungsaufbau erfolgt, Silberman das Geschehen ebenso zurückhaltend verebben lässt, wie er das Szenario heraufbeschworen hat. Zwar agiert der New Yorker nun doch ein wenig , nun ja, konventioneller, als es der Ambient-Vorbote der Transcendless Summer-EP erwarten ließ, Impermanence ist aber mehr als alles andere immer noch eine in sich gehende Sinnsuche ohne jedweden Zwang – nichts hier will und kann bestimmte Limitierungen in der Lautstärke und in den Intensität übersteigen.

Insofern kann man Impermanence wohl noch einfacher als schon Familiars als gleichförmiges, unaufregendes Plätschern und Dösen wahrnehmen. Dabei zieht Silberman jedoch auch im Alleingang bei akribischerer Beschäftigung ähnlich fesselnd in seinen mediativen Bann. Obgleich die aufrüttelnden Schattierungen, kontrastierenden Zuspitzungen, mitreißenden Wellenbrüche und fürsorglichen Arrangements der Antlers  dem eher gleichförmigen, niemals wirkliches Tempo aufnehmendem Gesamtgefüge dann eben doch zur endgültigen Erfüllung fehlen.
Stattdessen umspült Impermanence mit einem zutiefst nuancierten Meer der kleinen Gesten. New York öffnet etwa zumindest vagen Ahnungen von Bläsern die Pforten und ist ein Cohen’sches Hallelujah für den Big Apple, geprägt durch Sin-é, das seine Wunden irritiert verletzlich leckt doch und von aller Hoffnung verlassen zu sein scheint. Gone Beyond schmiegt sich so traurig und streichelnd in die behutsame Intimität – beinahe unmerklich sind da irgendwann ganz versteckt aber plötzlich ein vages Basswummern und Beckenschläge, hinten raus gar Rhythmik und Backinggesänge zu finden, ein croonender Gospel in Zeitlupe.
Gerade der Bogen, den Silberman jedoch in der zweiten Plattenhälfte zu spinnen beginnt, entwickelt sich dann doch noch zu einer emotionalen Berg-und-Talfahrt der Zurückgezogenheit.

Maya klampft mit einer entwaffnenden Nahbarkeit als resignierende Eleganz, nutzt vor allem den Raum zwischen den Anschlägen der Gitarre und der zerbrechenden Hymnik der Vocals, die lautlose Beschaulichkeit, um seinen Zauber zu entfalten. Ahimsa könnte dann gar als unausgebrütetes The Antlers-Skellett durchgehen: Silberman lässt den genügsamen Song bedächtig schlapfen und arbeitet sich mit geschlossenen Augen an altbekannten Trademarks ab – ein hypnotisierender Ohrwurm, der seinen Weg bis zu zirpenden Fieldrecordings findet, und über das abschließende Instrumental-Titelstück als zeitloser Piano-Score-Appendix mit inniger Umarmung, aber nur wenig Optimismus in die Nacht entlässt.
Spätestens hier rundet Impermanence in seiner Geschlossenheit und Kohärenz den Seiltanz über die Langeweile dank seines verinnerlichten Gespürs für Stimmungen meisterlich und mit konsequenter Klasse ab, empfiehlt für die Fortführung angedeuteter Szenen das Imaginative, das dennoch Fragen offen lässt. Ob der so erhebende wie vorsichtige Minimalismus dieses tröstenden Kleinodes den Weg für Silberman zurück in das gewohnte Umfeld  darstellen wird, oder der gepeinigte New Yorker im Wohlklang der verzweifelnden Depression entgegentreibt, bleibt nicht nur angesichts eines wohl niemals vollständig abgeschlossen werden könnenden Genesungsprozesses offen. Zumindest bis zur nächsten The Antlers-Platte.

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