Pfarmers – Gunnera

von am 10. Juni 2015 in Album

Pfarmers – Gunnera

Wenn Mitglieder der Indie-Darlinge The National und Menomena sich für eine Band zusammenschließen, liegt der Begriff Supergroup von Haus aus auf der Zunge – selbst, wenn sich das Projekt um die Vorliebe aller Beteiligten am Gartenbau dreht.

Wo die mediale Aufmerksamkeit auf das neu gegründete Trio betreffend verständlicherweise auf dem Mitwirken von The National-Ausnahmedrummer Bryan Devendorf sowie dem Lackthereof-Vorstand und Menomena-Schlagzeugsänger David Seim fällt, schlagen Pfarmers dem allgemeinen Fokus gleich zu Beginn ein Schnippchen, bremsen die Erwartungshaltungen aus und stellen entlang von ‚Benthos‚ unmittelbar die Fähigkeiten ihres dritten Mitglieds prominent ins Rampenlicht: Multiinstrumentalist Dave Nelson kennt man aus der zweiten Reihe von St. Vincent und David Byrne oder Sufjan Stevens – und er eröffnet ‚Gunnera‚ beinahe im Alleingang. Mit einer verschwommenen Ambientlandschaft, die ungefähr dort zu dösen beginnt, wo Colin Stetson auf konventionellem Wege mit Koen Holtkamp zu flirten beginnen würde: in kaum greifbaren Kopfkinolanden.
Benthos‚ steuert dort mit leisen Bläser-Klängen und verwunschenen Synthies einem Höhepunkt und Ausbruch entgegen, den Pfarmers so niemals vollführen werden – wie das Debütalbum der Band auch über seine gesamte Spieldauer nicht an konkreten Szenarien interessiert ist, sondern viel mehr stets den Weg als Ziel ausgiebt, schwammig und bisweilen auch ziellos bleibt, mehr eine an- und abschwellende Meditation über faszinierende Ideen ist, die allesamt gut genug sind um sich keinen formvollendeten Abschluss gönnen zu müssen,  auch, wenn das oftmals doch wünschenswert wäre: ‚Gunnera‚ darf man sich als Platte vorstellen, die sich vor den Toren jener Sphären tummelt, in denen Meisterwerke passieren, aber niemals nachdrücklich auf Eintritt  zu diesen pocht.

Das bisweilen entrückte Stimmung und das schwerelose Flair wachsen so konzeptionell über die Bürde hinaus, den beiden prominenten Stammbands adäquat-konsenstaugliches Material nachzureichen. Das Trio folgt dem experimentell-natürlichen Fluss der Platte neugierig, bricht repetitive Krautrockmuster auf oder streift den Spacerock der Secret Machines auf ungezwungene Weise.
Benthos‚ spannt den Bogen so anstandslos zu dem erhabenen ersten Highlight ‚You Shall Know the Spirit‚ weiter, Pfarmers beschwören eine transzendentale Schönheit. Synthieflächen und Stimmloops texturieren die Soundlandschaft, irgendwann tänzelt Nelson mit einer jubilierenden Leichtigkeit in den Song. Devendorf hält dabei das Geschehen in Zaum, spielt wie bei The National unnachahmlich, duracellmäßig aufgekratzt, ohne die kontemplative Atmosphäre aus ihren Träumen zu reißen. Seim driftet mit seiner intuitiven Stimme weit hinaus, nimmt an der Hand. Auch ‚Work for Me‚ operiert nach diesem Muster, verspielt wird das zuckende, pulsierende Rhythmusgerüst mit Keyboardnebeln, sachte kratzenden Gitarrenausfahrten und tiefenwirksamen Effekten wattiert.
Die Melodien sind spirallförmig, drehen sich um sich selbst, winden sich über die vielen sorgsam arrangierten Spuren. ‚How to Build a Tube‚ wummert Richtung Animal Collective-Pop und zeigt auf die ungenutzten Freiheiten des dezent ernüchternden ‚Moms‚, malt eine luzide Psychedelikexpedition mit angedeuteter majestätischer Breite. Bei der aufgekratzten Symbiose aus hektischen Drummustern und dramatisch aufzeigenden Saxofon-Beat im enorm dichten ‚The Ol‘ River Gang‚ (dem zweiten herausragenden Highlight der Platte) denkt man eventuell an Beirut und TV on the Radio.

Die drei kreisen um die Kerne ihrer Songs, ohne diese freizulegen. ‚Gunnera‚ ist so ein auf mehrere Arten ambivalentes Album geworden. Es ruft einerseits zu jeder Sekunde Assoziationen zu The National und mehr noch Menomena wach – das Schlagzeugspiel Devendors und der Gesang von Seim sind einfach zu charakteristisch – niemals begnügt es sich andererseits damit zu zitieren, es entsteht gar der Eindruck, als würden die beiden Indie-Lieblinge sich von der Stringenz ihrer Stammbands jamlastig freischwimmen.  Verschwommene Anhaltspunkte werden so zwar heraufbeschworen und Wurzeln in vertrautes Erdreich  ausgeschlagen, aber das Songwriting gedeiht in einem losgelösteren, unkonventionellen Kontext. Über seine 40 Spielminuten blüht ‚Gunnera‚ damit als eigenständige Spielwiese für die symbiotisch agierenden Musiker,transportiert aber hinter all seiner entdeckenswerten Klasse doch auch ein unbefriedigendes Gefühl im Hinterkopf, weil vieles eher brillante Skizze als formvollendete Kür darstellt.
Dass ausgerechnet Nelson dabei als stiller Gewinner der Platte hervorgeht, indem er am meisten Individualität in den Charakter der Kooperation beisteuern kann und für die gespenstischsten Seiten in den körperlichen Details der Arrangements sorgt – was alleine dann besonders deutlich wird, wenn das frontal-eingängige ‚El Dorado‚  sich einen sphärischen Bläserappendix  gönnt oder ‚Promised Land‚ sich erst mühselig aus einem solchen freistreicheln muss, um in einem elektronisch verspulten Schlafwagen aufzuwachen – schließt dann den Kreis einer Platte, die in ihrer eigenen Welt döst. Und trotz einiger Kinderkrankheiten kann man sich in dem enorm vielversprechenden Debüt auch nur zu wohlig selbst verlieren.

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