Pharmakon – Contact

von am 9. April 2017 in Album

Pharmakon – Contact

Das keuchende, hustenden, würgende Bestial Burden ließ Margaret Chardiet noch unter den Eindrücken der Gebrechen des menschlichen Körpers leiden, während Contact diesen physischen Ekel nun in der Transzendenz aufzulösen versucht. Stilistisch unterscheidet sich das dritte Pharmakon-Album damit nur in Nuancen von seinen Vorgängern – dies jedoch spürbar.

Despite all our scrambling rejections/ We cannot transcend all of our instincts/ No divine law, escape!/ No positive law, revolt!/ No natural law pertains/ Only empathy, untamed.“ schreit die New Yorkerin im finalen No Natural Order und kommt mit ihrem Noise-Moloch Pharmakon damit auch auf einer universeller interagierenden Ebene an.
Ob Chardiets so unspektakulärer wie unterhaltsamer jüngster Slacker-Punk-Rock-Ausflug mit Cheena Spuren im Kosmos von Pharmakon hinterlassen hat, muss zwar eher verneint werden: Zu gefestigt und unverkennbar, zu ausformuliert und eigenwillig war die nervenzerfetzende Katharsis bereits auf Abandon (2013) und Bestial Burden (2015); zu selbstzerfleischend gefestigt, als dass sich die Perspektiven noch gravierend verschieben würden. Die bestialisch originäre Mixtur von Pharmakon dreht sich insofern also auch im dritten Anlauf nicht gänzlich unprätentiös und mit viel Attitüde weiterhin um ihre eigene Achse, verschiebt dabei für Contact gerade mit dem Wissen um die konzeptionell zugrunde liegenden Intentionen von Chardiet („she wanted to look at the other side of the spectrum – the moments when our mind can come outside of and transcend our bodies„) den bisherigen Modus Operandi allerdings doch hin zu einer – man will nicht sagen zugänglicheren oder einladenderen, aber zumindest – weniger abstoßenden Art. Und stellt damit tatsächlich erfolgreich die aus der Körperlichkeit gezogene Faszination über synapsensprengend bestialische Exorzismen.

Contact entfaltet seinen pestbeuleneitrigen Charme nicht derart frontal drangsalierend wie seine nihilistischer agierenden Vorgänger, kriecht eher mit der akribischen Vehemenz einer sich rottenden Ungeziefermenge in das Unterbewusstsein. Und arbeitet dort ebenso stark nach innen wie nach außen, ist immer auch einmal mehr purer Eraserhead-Suspence, anstatt blanker Terror.
Chardiet hat dafür ihre stimmliche Präsenz zurückgefahren und ihren sezierter produzierten, noch kälter gewordenen, nichtsdestotrotz weiterhin so destruktiv wütenden Industrial-Noise flächiger inszeniert – gönnt ihm mehr Raum, mehr Luft, zieht die Schrauben näher am Drone an.
In der wummernden Abwärtsspirale Transmission ist Pharmakon damit eher eine von den trostlosen Soundscapes unpülte Reisende, eine Kontaktsuchende, als die manische Antreiberin. Sleepwalking Form fährt sich selbst bis in die Kloaken der eigenen garstigen Befindlichkeit herunter und pulsiert dort mit sedativem Geifer durch die klaustrophobische Weite. Spätestens in seinem Mittelteil mutiert Contact zu einer verstörend wütenden Hypnose, die sich keinen erlösenden Ausbruch – ob nun in den Wahnsinn oder Heilung – gönnt, sondern immer weiter mit einer verinnerlichten Unruhe malträtiert, die Augen schließt und sich selbst sowie den Hörer damit tatsächlich dem Trancezustand nahebringt, der es eben fast schon verführerisch gestaltet, sich in diesen 33 Minuten zu verlieren – in den bewusst grausam und verstörenden Texturen, der fiependen und sägendem Klangwelt, auf die Pharmakon abonniert ist.

Letztendlich bedeutet all diese subtile Umgewichtung nämlich freilich immer noch keine leichte Verdaulichkeit, kein Easy Listening. Alleine schon, weil Chardiet einem in der um Contact stehenden Klammer wie bisher alles abverlangt, die Gehörgänge bis zum zerreißen spannt.
In das ungemütlich bedrohliche Nakedness of Need kriecht die 26 Jährige nur langsam unter der Haut des Songs hervor, brüllt und keift, provoziert dabei aber neuerdings eben auch etwas lasziv anziehend psychotisches, während die Schaltkreise rundherum maschinell  hyperventilieren –  wie ein manisch-depressiver The Locust-Song, dem man sein Grindcore-Herz aus der Brust gerissen hat.
Noch fordernder gerät das zirpende, überragende Ungetüm No Natural Order, das sich mit kakofonischer Detailgenauigkeit in stromgeladenen Schüben peinigt. Transzendenz durch Selbstgeißelung erzeugt, im Austausch mit dem Rezipienten oszilliert. Chardiet ringt sich dazu die bisher beängstigender Leistung/Performance ihrer Karriere ab: Presst röchelnd zu spitz die Ohren bluten lassenden Schreien – und sorgt mit diesen das Pegel kollabieren lassenden Peitschenhieben hinten raus doch auch für eine gewisse Hookline.
Auf Sicht wird das erstaunlich kurzweilige Contact damit auch die Pharmakon-Intensivkurs sein, zu der man am öftesten freiwillig zurückkehren könnte. Was weniger daran liegt, dass man die Art und Weise mittlerweile kennt, mit der Chardiet arbeitet, oder dass Contact nicht derart erschöpfend entlässt wie die gnadenloseren Vorreiter Abandon und Bestial Burden. Sondern schlichtweg damit, dass, sollten Begriffe wie Geborgenheit, Erleichterung oder Empathie im animalischen Kontext von Pharmakon überhaupt existieren, sie niemals weniger fremd schienen als in diesem Daumenschrauben ansetzenden Trance: „When the veil is for a brief but glorious moment lifted, and we are free. Empathy! EMPATHY, NOW!

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