Primitive Man – Caustic

von am 9. November 2017 in Album, Heavy Rotation

Primitive Man – Caustic

Seit dem Ende des grandiosen Grind-Geheimtipps Clinging to the Trees of a Forest Fire bleibt Ethan McCarthy seinem misanthropischen Weltenhass mit Primitive Man nahtlos treu, zieht seinen Nihilismus jedoch weiterhin am anderen Ende im Spektrum der Extreme auf: Caustic beginnt, wo (Funeral) Doom und Sludge sich über die Ästhetik des Blackened Crust stülpen; wo bitterböse Heavyness zum einschüchternden Understatement wird.

Wenn ausgerechnet die apokalyptischen Zerstörer von Cult Leader ein Album empfehlen, sollte man die Sicherheitsgurte freilich gleich vorab besonders eng schnallen. Tatsächlich kann dann aber kaum etwas – nicht einmal das 2013 Primitive Man-Debüt Scorn, das sich nunmehr eher wie ein verdaulicher Testlauf anfühlt, noch die seitdem konstant veröffentlichten, qualitativ schwankenden Split-Beiträge des Trios aus Denver – auf die malträtierende Urgewalt von Caustic vorbereiten, das den Bogen des Zumutbaren nun fassungslos genüsslich überspannt und den MO der bisherigen Veröffentlichungen erschöpfend auslotet.
78 Minuten lang konzentrieren sich Primitive Man auf einen zutiefst archaischen Mahlstrom aus „bloodcurdling howls, abysmal tones and dense, unsettling feedback spewing forth a cesspool of utter misery„, rühren einen „cataclysmic soundtrack for a world gone awry“ an, der in einer exzessivst ausführlichen Schonungslosigkeit seinesgleichen sucht: Basser Jonathan Campos, McCarthy und Neo-Drummer Joe Linden ziehen die Daumenschrauben an ihrem Death Sludge/Funeral Punk-Ungetüm selbst dann noch weiter an, wenn das Toleranzpensum längst erreicht und die Schmerzgrenze weit hinter einem liegt, wenn der ausgemergelte Kadaver bis zur Besinnungslosigkeit durchdekliniert wurde.

Noiseschwer und klaustrophobisch schleppt sich Caustic durch ein niederschmetterndes Tal unfassbar konsequenter Heavyness; brütet, als würden Thous Heathen (2014) oder Indians From All Purity den sich selbst zerfleischenden Khanate in Zeitlupe durch das Herz bohren. Stur und ausführlich ist das, der bis zur Hoffnungslosigkeit in sich geschlossene, sumpfige und brutal zähflüssige Sound kommt einer ambitionierten Überdosis gleich, deren Finsternis auslaugenden Ausdauer regelrecht therapeutisch zur Katharsis fließt.
Caustic entwickelt dabei eine enorme Masse, nimmt unglaublich viel Raum in Beschlag und fordert permanent, gefühltermaßen ohne Ende. Diese zwölf Songs (inklusive dreier je knapp einminütiger Ambient-Intermezzi) sind nicht angenehm zu hören, sondern eine Bürde, die mehr Zeit als die elaboriert veranschlagte Spieldauer verlangt, ihr Martyrium aber irgendwann außerhalb jedweder Konventionen spannt.
Der eigentliche Kniff von Caustic besteht schließlich weniger darin, dass die Platte keine Gefangenen nimmt und als demonstrative Extremtortur erschlägt, sondern darin, dass das Zweitwerk von Primitive Man in seiner hermetischen Unverrückbarkeit mediativ sediert, jedoch nicht zwangsläufig betäubt, faszinierend in seinen Bann zieht und über seine erschlagende Länge nur selten auf Durchzug schalten lässt, indem es den Eindruck von bedingungsloser Schwere in all seiner repetitiven Monotonie immer wieder geschickt nachjustiert.

My Will schleppt sich mit den bestialisch würgenden Growls von McCarthy und seiner bis zum Stillstand nekrotisierenden, durchaus eindimensional wirken könnenden Gitarre zur Verzweiflung, bevor Victim erst noch entschleunigter und entmenschlichter über sein tektonisches Riff brüllt. Plötzlich zieht das Song zügig nach vorne, bremst sich zwar gleich wieder in den Noise undschleift unermüdlich statisch, doch ballern Primitive Man für Sekunden Blastbeat-Infernos aus der Hinterhand.
Commerce schleift sich durch Feedbackfriedhöfe, als hätten Boris und Sunn O))) jeden Funken Optimismus verloren. Dass Caustic hier eine beinahe postrockige Weite entwirft, ist nur ein Trugbild: als schleichende Psychose wie aus einem Suspence-Alptraum prügelt sich Commerce als erstes Highlight einer erschreckend hommogenen Platte, die mehr ist, als die Summe ihrer Teile, kurzerhand selbst in die Bewusstlosigkeit.
In Tepid kratzen die Gitarren dagegen süchtig den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Sterility ist Death, der dennoch manisch am Tempo dreht und über die imposante Abrissbirne Sugar Hole zu einer Black Metal’esken Aura aus der Perspektive der Slo-Mo-Könige von Conan findet, aber dabei die Grausamkeit von Keeper inhaliert. Disfigured bürstet sich selbst permanent gegen den Strich, schneidet sich mit seinem lodernden Feedback das Fleisch von den Knochen und verfällt in verselbständigenden Fluss zu Yakuza, bevor sich Primitive Man über das verkrüppelt aufgebäumte  Inevitable mit der rückkoppelnden Ambient-Klanginstallation Absolutes wenig essentiell über die Hintertür aus einer polarisierenden Affäre stehlen.

Das ist selbst in diesen dezent weniger abwechlungsarmen Momenten nicht offenkundig komplexes oder tatsächlich aktiv gestricktes Komponieren, als dass das Trio seine Gangart mit kleinen Variationen in einem sadistischen Sound-Labyrinth von physischer Dichte am Leben hält: Caustic ist eine Folter, die sich extra ausführlich erstreckt und nur deswegen immer wieder Impulse gibt, um das Leiden zu verlängern. Während diese aggressiv bis zur Selbstverstümmelung gepolte Kasteiung Ansätze von Melodien und ein schwarzes Loch ohne erkennbare Hooks angepisst behäbig einschmilzt und die Verstärker schmutzig blutig unter der ekelerregend triefenden Distortion bluten lässt, liefert sich das Trio immer wieder der Gefahr aus, nicht zum Punkt kommend prätentiös zu mäandern – das selbst Bands wie Sumac im konventionellen Sinn effektiver und markanter arbeiten, was das Destilieren des Songwritings angeht, ist symptomatisch, aber auch selbstgerechtes Mittel zum Zweck.
Simplizistisch veranlagt arbeiten Primitive Man ausnahmslos nach bekannten Mustern und erfinden das Genre-Radebrechen nicht neu, indem sie über stoische Riffs und tektonische Rhythmen drangsalieren, die das gemeinsame Touren mit Cult Leader ebenso schlüssig provozieren wie Auftritte mit Bell Witch, Dragged Into Sunlight oder der Relapse-Vewandschaft rund um Usnea.  Es ist viel mehr die dabei erzeugte greifbare Intensität, die beklemmende Atmosphäre, die luft- und lichtdichte Stimmung, die die Präsenz dieses Monolithen derart herausragend macht und über dem Songwriting an sich stehen lässt: gerade am Stück entwickelt diese Platte einen hypnotischen Sog – auch wenn die Befriedigung durch ein wirklich einprägsames Riff oder dergleichen den Reigen noch eine Spur essentieller machen würde.
Insofern gehört diese den Inhalt definierende Form hier absolut zum Konzept – die dekonstruierende Bestrafung von Caustic funktioniert gerade auch durch die ungemütliche Länge, der man sich kaum bewusst aussetzen möchte, deren Gravitation man erst einmal gefangen genommen jedoch nicht mehr entziehen kann. Die Ambivalent funktioniert also, wo Primitive Man ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft aufnehmen wollten, im persönlichen wie im politischen. Es ist insofern nur folgerichtig, das es eine verdammte Tortur ist, diese Platte zu hören. Das macht Caustic nicht automatisch zu einem besseren Album – aber zu einem noch unvergleichlicheren, regelrecht masochistischen Erfahrung.

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