Propagandhi – Failed States

von am 13. September 2012 in Album, Heavy Rotation

Propagandhi – Failed States

Propagandhi haben den Wunschgedanken von einer besseren Welt auch nach über 25 Jahren Bandgeschichte noch nicht aufgegeben. Mehr noch, das politische Rückgrat und Gewissen des Punkrock fordert auf seinem sechsten Album Veränderungen so aggressiv wie noch nie.

So sehr, dass Punkrock hier nur noch das Grundgerüst für die ambitionierten Wutschrei sind, die seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts vertretenen metallischen Hardcoreanleihen nun ins Extreme gesteigert wird: die Geschwindigkeit des Punk kulminiert auf ‚Failed States‚ mit dem Metal der letzten beiden Studioalben in einem reißenden Rausch, der über weite Strecken schon deutlicher Thrash-Metal mit Rockkonturen und unbarmherziger Newschool-Hardcore-Kante ist als alles andere. Die NOFX-Faszination der Anfangstage ist längst und mittlerweile wohl unwiederbringlich verschwunden, die Kanadier orientieren sich musikalisch stärker an Bands wie Municipal Waste – freilich tiefgehender nach Vielfalt forschend und keinen Gedanken an unproduktiven Suff verschwendend. Der dem Genre gerne innewohnende Partiefaktor fehlt bei allem Unterhaltungswert jedenfalls absolut: Propagandhi sind nach wie vor die wahrscheinlich ernstzunehmendsten, sicher aber konsequentesten Politpunker da draußen, die klugen Texte Chris Hannah’s zirkulieren um all die Missstände diese Welt, wollen Lösungen aus der Innenansicht heraus anbieten, werden persönlich, wenn sein muss und verpacken mehr Gesellschaftskritik, Politwissen und soziale Kompetenz in einem Song, als Green Day in ihrer ganzen Discographie.

Verdichtet im kompaktesten Album seit ‚Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes‚ gehen Propagandhi die Sache auf den ersten Blick nicht abermals so gefinkelt und vielschichtig an, wie auf den beiden Vorgängeralben ‚Potemkin City Limits‚ und ‚Supporting Caste‚, erziehen ‚Failed States‚ jedoch seine unumwundene Härte und unmittelbare „In-die-Fresse„-Attitüde als herausragendes Merkmal der jüngeren Bandgeschichte an. Weil die Kanadier mittlerweile ja auch (so widersprüchlich wie logisch, eigentlich) bei Epitaph Records gelandet sind, drängt sich die Analogie förmlich auf: ‚Failed States‚ ist für Propagandhi im Ansatz wohl, was die zweite selbstbetitelte 2000 für Rancid war. Ein auf die Pauke hauen, das dem Ärger unkompliziert Wind macht. Wobei hier natürlich keineswegs alles so direkt funktioniert, wie bei anderen Bands. Weil Propagandhi mittlerweile in einer Liga spielen, in der sie Songs beinahe progressiv um die Ecke denken können und damit trotzdem wirken, als würden sie permanent nur auf den Putz hauen.  Wo Tim Armstrong und Co. also den Fokus ausschließlich auf Aggressivität und Geschwindigkeit richteten und darin ihren Spaß fanden, legen Propagandie die härteste Wurzel in ihrem Kern stets mit dem notwendigen Ernst für ihre Anliegen vor, variieren mit den Zutaten.

Note to Self‚ macht nach seinem atmosphärischen Intro anfangs noch den schwer wuchtenden Heavyrocker, womit sich die vier aus aus Manitoba ohnedies schon ein Stück weit neu erfunden haben. Wenn der Song zur Hälfte von neuem Spannung aufzubauen beginnt und diese gegen Ende in jenem Metal lostritt, der ‚Failes Stated‚ schließlich bestimmen wird, faltet sich das Szenario doch fintenreicher auf, als das die ersten Durchgänge über den Eindruck erweckt hat. Danach wetzen Progagandi zudem ohne viele Möglichkeiten zum Luftholen die Messer noch hastiger: der Titelsong zieht das Tempo mit gehetztem Power-Riffing nocheinmal an, ‚Devil’s Creek‚ übernimmt nahtlos. ‚Rattan Cane‚ ist entgegen seiner ersten Minute kein Ambientstück zum verschnaufen, sondern im Endeffekt ein tollwütiger Crustpunk-Irrsinn, der sein Gegenüber schonungslos attackiert, auf die Melodie-Schiene ausbremsende Momente wie ‚Unscripted Moment‚ fordern die Aufmerksamkeit heraus.

Cognitive Suicide‚ stapft mit seinem kleinen Slayer-Solo als eine der vielen gallopierenden Hymnen, Grower und Hits hier schon in der reinen Vorstellung zur Zündschur, die zukünftige Propagandhi-Konzerte zum explodieren bringen wird. Die atemlose Hochseilakt-Gitarrenatbeit von ‚Status Update‚ muss man sich so erst einmal ausdenken, geschweige denn hinbekommen, womit man neben der allerorts verstärkten Härte im komplexen Songwriting beim zweiten großen Standbein der Platte wäre: Chris Hannah und David Guillas harmonieren über der unglaublich tighten Rhythmusarbeit nicht nur wie makellos, sie übertreffen sich mit Riffs ohne Geschwindigkeitsbeschränkung diesmal praktisch selbst. Propagandhi verheitraten damit ihre letzten drei Platten und verschweißen die Nähte mit einer unbremsbaren juvenilen Sturm und Drang Einstellung, von der sich jüngere Kollegen so einiges abschneiden könnten. So wird ‚Failed States‚ in seinem Thrash-Mantel zu ihrer bisher direktesten, härtesten und auch aggressivsten Platte. Dass diese Welt Bands wie Propagandhi braucht, ist nach 37 auslaugend schweißtreibenden Minuten wieder einmal klarer als sonst. Dass das Feuer noch ebenso heiß lodert wie vor knapp dreißig Jahren ebenso. Anhand ‚Failed States‚  ließe sich sogar behaupten: heißer denn je.

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