Say Anything – Anarchy, My Dear

von am 25. März 2012 in Album

Say Anything – Anarchy, My Dear

Die relative Wut des Vorgängers ist einer treffsicheren Melodiedichte gewichen, die ins Ohr geht. Doch selbst das wiedervereinte Kern-Team von ‘…is a Real Boy‘ kann die Talfahrt von Say Anything nicht stoppen.

Was man Max Bemis wirklich nicht vorhalten kann: Der einst als Wunderkind des Emo gepriesene New Yorker hat ein Händchen für catchy Melodien. Auf dem fünften Studioalbum seiner Band Say Anything sogar in konsequenterem Ausmaß, als es in den acht Jahren der Fall war, als ‘In Defense of the Genre‘ unfokussiert aus allen Töpfen naschen musste und das selbstbetitelte Umbruchalbum als angestrengter Hansdampf kaum mehr Vorzüge vorzuweisen hatte. Wer dem Durchbruchswerk ‘…is a Real Boy‘ von 2004 immer noch nachtrauert, wird auf ‘Anarchy, My Dear‘ auch nur auf den ersten Blick dessen adäquaten Nachfolger finden. Denn mag mit Tim O’Heir einer der selben Männer wie damals an den Reglern gesessen haben und Bemis an vergangene Tugenden anzuknüpfen versuchen, führt ‘Anarchy, My Dear’ schonungslos vor Augen: Die Zeit ist seit ‘…is a Real Boy‘ nicht stehen geblieben, Say Anything allerdings in der Entwicklung sehr wohl.

I once courted a boy/He looked a lot like me/But his eyelids were destroyed” eröffnet ‘Burn a Miracle’ zu Cheerleader Handclaps und eingängigem Poprock ohne Zähne: Bemis wandelt durch die versammelten elf Songs mit einem diffusen Selbstbild des ewigen Teens, besingt allerlei Techtelmechtel und kitschigen Herzschmerz, Marke “Anything for You!“. Und hurderte “Wohohoos” hinten nach, nur zur Sicherheit. Dazu zwinkern popkulturelle Verweise von Randy Newman bis “You were listening to my band in 2004, though you claim you were reared on the Stooges” im internen Link ‘Admit it Again’. Das kennt man von Bemis und mag man im besten Fall, ungeachtet der Tatsache, dass der Mann langsam zum Peter Pan des Indie-affinen Emo Rock mutiert. Wo Jonathan Davies seine Daddy Issues seit bald zwanzig Jahren beweint, himmelt Bemis nach über einer Dekade immer noch das Teenie Girl von Gegenüber an – “I want it bad, so bad” schmachtet Bemis, “And you’re the right boy, at the right time” klingt es aus dem anderen Eck mit Schmackes, bis sich die Fußnägel kräuseln.  Die Grenzen zum Fremdschämen sind auf ‘Anarchy My Dear’ äußerst dünn gezogene, oftmals nicht mehr existent. In ‘Admit it Again‘ beißt Bemis energisch die Zähne zusammen, steigert sich in seine Wut “You son of a- mmrrah!“.

Das abgewürgte Knurren anstelle des Naheliegenden Schimpfworts verdeutlicht dabei die unzumutbare Inkonsequenz der Platte nur zu deutlich. Das will austeilen, ist sich aber eigentlich zu verletzlich dafür. Wo die Platte textlich am schwarz beschmierten Kiddietagebuchnonsens nascht, fehlen ‘Anarchy, My Dear‘ aus musikalischer Sicht ganz einfach die nötigen Eier. Mag Bemis von seiner ersten richtigen “Punk Platte” sprechen, meint er doch eigentlich handzahmen Poprock, der sich in seine Melodien derart verliebt hat, dass jedwede Hookline, jeder Refrain bis zum Erbrechen wiederholt wird. Akkustiggitarrengestützte Nummern wie ‘Peace Out‘ werden im Ansatz erwürgt, dümpeln ohne zündenden Kick dahin, ‘Say Anything‘ oder ‘Night’s Song‘ schaffen gar das Kunststück unter vier Minuten derart ermüdend umherzuschleichen, dass die 49 Minuten der Platte nicht nur wegen des heillos an Überlange krankenden ‘The Stephen Hawking’ zur Geduldsprobe werden. Dass sich Bemis in ‘Sheep‘ mit unzumutbaren Synthies spielt und den tranigen “Living without You” Chorus immer wieder repetiert, macht die Sache natürlich  nicht besser. Einnehmende Melodien hin, gefällige Ohrwürmer her – nur wo ist der Pepp alter Tage geblieben, wo das Feuer, das Songwriting schläft beinahe unter all seiner Selbstgefälligkeit ein.

Anarchy, My Dear‘ versammelt in einer geradezu ärgerlichen Nonchalants wattierte Popgefälligkeiten ohne Ecken und Kanten. Es stimmt zwar: Das Händchen für eingängige, catchy Melodien, das kann man Bemis nicht absprechen. In wenigen Momenten wie dem Titelsong, da klappt dieses Gespür schnörkellos und nicht zu umständlich nahe am ungekünstelten Schönklang. Nicht geistreich, aber anschmiegsam. Den Text darf man wieder überhören, keine Frage – das sollte vielleicht generell jemand anderes für Say Anything übernehmen. Nichtsdestotrotz ein weiterer Beweis dafür, wozu Bemis eventuell fähig wäre, würde er nicht der kruden Selbstdarstellung des Highschool Kids nachhängen, endlich mal erwachsen werden und die nächste Stufe auf der Songwriter Stufe erklimmen ohne sich selbst aufs peinlichste zu plagiatisieren. Bis das passiert, hat Bemis jedoch seine erste Platte geschrieben, der man sich in aller Öffentlichkeit genieren darf.

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