Spoon – Hot Thoughts

von am 7. April 2017 in Album

Spoon – Hot Thoughts

Spoon bleiben mit Hot Thoughts in gewisser Hinsicht die Zuverlässigkeit in Bandform, überrascht dann aber doch ansatzlos: Im 24. Jahr ihres Bestehens jongliert die Indie-Institution plötzlich so erfrischend wie selbstverständlich mit Funk-, Disco- und Synthiepop-Überbauten und macht Album Nummer 9 zum bisher sexiesten der Texaner.

Nicht, dass sich das Quartett um Vordenker Britt Daniel damit komplett neu erfinden würde – schließlich hantierten Singles wie I Turn My Camera On mit einem funky Groove oder tapezierte ein Inside Out seine Schmissigkeit mit einem latenten Hang zum elektronischeren Wave aus.
Allerdings dosiert Hot Thoughts derartige Momente nun umgekehrt proportional und geht sozusagen in die Vollen, fährt ausgerechnet nach dem heimlichen Weggang von Multiinstrumentalist Eric Harvey ein reichhaltiges Intrumentarium im subtilen Kleid auf, rückt die Gitarren (wenn überhaupt vorhanden) in die zweite Reihe und lässt neben der prägnanten Rhythmusgruppe funkelnde Synthies prominenter dominieren. In Pink Up alleine etwa legen sich Darbuka und Saz über einen abgedämpft pumpenden Beat mit Schellenkranz und nebulöse Chöre in die verschwommene Lavalampenatmosphäre, traumwandelnd und harmonisch. Soundspielereien und Stimmeffekte schwimmen in den Song, der irgendwann klingt, wie ein experimenteller Remix eines klassisches Spoon-Songs – und damit vielleicht am nachdrücklichsten beieindruckt, indem er die Grenzen der Band 2017 am konsequentesten auslotet.

Eine Entwicklung die sicherlich auch Dave Fridman zuzuordnen ist: Nachdem der auch auf schillernde Psychedelik-Spezis wie die Flaming Lips oder MGMT abonierte Klangzauberer bereits den eleganten Vorgänger They Want My Soul produktionstechnisch nachjustierte, folgten ihm Spoon für Hot Thoughts nun von Anfang an bedingungslos. Hinein in eine so dezente wie akribische Produktion, die bei flüchtigen Hören eine nebensächliche Eingängigkeit zulässt, bei näherer Betrachtung aber so unendlich viele raffinierte Details, Lagen an Texturen und sorgsam arrangierten Ebenen zu entdecken lässt.
He has a really unique manner about him, a really cool perspective; he kind of maxes everything out. We’ve never worked with somebody like that before – somebody with such a strong sense of their own style“ schwärmt Daniels bereits vor drei Jahren über Fridman – und wirft das daraus gewachsene Vertrauen nun für das adaptierende Songwriting von Hot Thoughts kurzerhand in die Waagschale.

Der Titelsong greift da noch relativ unmittelbar die eigene Vergangenheit auf, eröffnet mit schnipsendem Rhytmus und verfremdeten Vocals ausgeschmückt aber schon merklich verspielter und umtriebiger als zuletzt, zieht Gitarrenlicks, Xylophon-Ahnungen, Streicher und Daniels Lead- und Backingvocals mit nach vorne, bevor WhisperI’lllistentohearit seinen Start erst lange hinauszögert und in weiten Klanglandschaften pendelnd die Spannungen anzieht (und Daniel wie Lyxzen zu The (Internation) Noise Conspiracy-Zeiten klingt), bis sich  der Song plötzlich konkretisierend zum rasselnden Hit ausschwingt und sogar noch ein Solo einpackt.
Schon hier geben Bass und Schlagzeug die Richtung vor, in der entspannten Lässigkeit Do I Have To Talk You Into It mit seiner inbrünstigen Melodie oder First Caress, das mit Sharon Van Etten das Tanzbein schwingt, ist das nicht anders. Hot Thoughts fährt in die Beine, werkelt aus dem Magen heraus, kann aber den analysierenden Kopf nie gänzlich ausschalten. Das treibende Shotgun gesellt sich trotzdem gar schnurstracks zu Kiss und I Was Made for Lovin‘ You in die Disco, das stacksende Can I Sit Next To You funkelt funky mit orientalischen Streicherarrangements und selbst die an sich getragenere E-Pianoballade I Ain’t The One steht mit einem Bein auf Tanzfläche, während sie sich mit dem anderen im Selbstmitleid schwelgend ins Bett kuschelt.

Dass sich Spoon dabei phasenweise etwas zu sehr an Konventionen der eigenen Indie-Basis halten, schwächt die Nachhaltigkeit der Entwicklung von Hot Thoughts vielleicht ein wenig ab – gerade wenn die Spannweite von Pink Up zum saxonfonschwülstigen Sphären-Schlusspunkt Us aufzeigt, wie weit die Reise noch hätte gehen hätte können, und damit einen phasenweise etwas unausgegorenen Eindruck hinterlässt. Das neue Klanggewand steht Spoon ausgezeichnet, jedoch ist es andererseits wiederum gerade ein Song wie der munter klimpernder Ohrwurm Tear it Down, der für sein Finale im wohligen Schönklang schwelgt und damit verhältnismäßig typisch am poppigen Indierock der Band arbeitet, der den unterschwellig wachsenden Sternstunden der Vergangenheit am nächsten kommt.
Schließlich ist die damit stellenweise zwischen den Polen verwaschene Platte immer dann am besten, wenn sie sich am klarsten zwischen ihren Ambitionen entscheidet. Wohin sich Hot Thoughts vor diesem Hintergrund entwickeln wird, muss allerdings ohnedies erst die Zeit zeigen – das hat die Spoon-Geschichte gelehrt. Hinter der neuen Unmittelbarkeit bleibt jedoch vorerst der Eindruck einer kurzweiligen Frischzellenkur im Spagat: Britt Daniels und Co. mögen in ihrer weiterhin ausfallfreien Discografie schon bessere Alben aufgenommen haben als das starke Hot Thoughts – derartig ambitioniert, hungrig und frisch muß man nach knapp zweieinhalb Jahrzehnten allerdings ohnedies erst einmal klingen. Spoon bleiben qualitativ und einstellungstechnisch eben eine Bank.

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