The Invisible – Rispah

von am 29. Juni 2012 in Album

The Invisible – Rispah

The Invisible machen es  all jenen leicht, die in dem Zweitwerk ‚Rispah‚ verkopfte Musik jenseits von Songs zu hören glauben, produziert von mutmaßlich schlauen Studionerds für Leute, die hinter deren Rücken als pseudogeistreiche Hipster abgekanzelt werden. Stimmt so aber nur auf den ersten, flüchtigen Kontakt.

The Invisible werden für das Album nach dem schon begeistert aufgenommenen selbstbetitelten Debüt nicht unweit von TV On The Radio angespült. Oder zumindest dort, wo diese nach ‚Desperate Youth, Blood Thirsty Babes‚ hätten landen können, wenn sie nicht Bowie und den Soul für sich entdeckt hätten, sondern sich auf Radiohead fixiert hätten, deren ‚In Rainbows‚-Gitarren nun vor allem auf ‚Wings‚ wiedererweckt werden, ‚Kid A‚ nicht nur für ‚Lifeline‚ Pate stand. Dabei bilden eigentlich vor allem stetige Rhythmusarbeiten das Grundgerüst der elf zirkulierenden, niemals wirklich greifbaren Songs, die sich unaufdringlich aber bestimmend durch den Hintergrund schlängeln, sich um die rumorenden Basslinien drängeln und die Arme für weite Synthieflächen ausbreiten. ‚Rispah‚ ist ein durch und durch organisches Album geworden, Indie Rock gar auf seine Weise, es verbirgt sich aber hinter der Maskerade von behäbig perlender Wavelastigkeit, elektronische Musik mit analogen Mitteln quasi.

Rispah‚ umspült als tonales Meer, ein pastoral fließendes Klanggemälde der Trauerarbeit. Die Strukturen der Kompositionen verflüchtigen sich im Schleier der atmosphärisch dichten Melancholie: Sänger Dave Okumu hat während der Aufnahmen seine Mutter verloren. Die Aufnahmen des fünf Tage dauernden, kenianischen Beerdigungsrituals geistern nun durch die Eckpunkte von ‚Rispah‚, verdichten die beklemmende Atmosphäre zusätzlich, lassen Genregrenzen durcheinanderfließen und Referenzen am Fließband ins Leere laufen: In jenem Synthesizer meint man Depeche Mode zu hören (‚Surrender‚), in der flirrenden Gitarrenwolke dort den Geist der zweiten Foals Platte ‚Total Life Forever‚ (‚The Wall‚), ‚Generational‚ zitiert Everything But The Girl, die Beatfixierung und oszillierende, freilich nur theoretisch nachvollziehbare Tanzbarkeit an manchem Punkten lässt an mit Valium niedergestreckte Hot Chip im trippigen Schlafwagenmodus denken und im sanften Streicheln über die weit ausholenden Melodiebögen über der abgründigen Finsternis hat das was von der zerbrechlichen Zärtlichkeit von The Antlers. Eine Assoziationskette, welche die Dinge umreißt, aber nicht trifft. Was vor allem damit zu tun hat, dass ‚Rispah‚ eine Platte geworden ist, die nach Vergleichen ringen lässt, weil die Worte für den unwirklich driftenden Malstrom fehlen.

Klingen The Invisible doch im Grunde unverwechselbar: Dave Okumu säuselt sich kurz vorm Schmelzpunkt leidend über die massiven Konstrukte, deren Kunstfertigkeit sich beinahe beiläufig anhand der Unkonventionalität der Kompositionen windet,  die Ursprünge der vorhandenen Virtuosität spiegeln sich im abseits von The Invisible liegenden Alltag von Tom Herbert als Bassist bei den Post-Jazzern von Polar Bear und im Engagement Leo Taylors als Studioschlagzeuger für unter anderem Adeles ‚21‚ wieder. Doch mag ‚Rispah‚ auch eine nicht so unüberlegte, virtuos ausgelegte Ideenaneinanderreihung und Aufschichtung geworden sein, erschließt das melancholisch pulsierendes Manifest der anhaltenden Abschiedaufarbeitung seine Wirkung letztendlich als reine Bauchmusik: Das hier hat vielleicht alle Bestandteile und Merkmale, die es bräuchte, um vorschnell als hippe Stilmelange für Fensterglasbrillenträger abgekanzelt zu werden, wie sie praktisch automatisch aus New York stammen müsste. Viel mehr als tonaler Kunstkram ist ‚Rispah‚ aber eben kunstvoll arrangierter, wunderschön entrückter, verstörender Space-Pop hinter der Electrorockfassade geworden, eine ausgedehnte aber zu jedem Zeitpunkt zwingende, beatfixierte Jamsession auf nächtlichen Straßen mit Suchtpotential.

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