The Killers – Wonderful Wonderful

von am 2. Oktober 2017 in Album

The Killers – Wonderful Wonderful

The Killers haben ihre Lehren aus dem tollen Brandon Flowers-Sologang The Desired Effect gezogen: Wenn schon schlechter Geschmack, dann aber richtig – das Songwriting muss den selbstbewussten Kitsch eben doch irgendwie stemmen können. Das immer wieder über das Ziel hinausschießende Wonderful Wonderful schafft insofern vieles, was bei dem grottig-egalen Vorgänger Battle Born noch in die Hose ging.

Ganz zu Beginn gelingt der ersten The Killers-Platte seit knapp fünf Jahren (mit Ausnahme des Weihnachts-Sammelsuriums und einer leidlich nötigen Best of-Compilation) sogar mehr als nur das, indem sie den Faden der schillernden 80er-Wundertüte The Desired Effect übermütig weiterspinnt.
Das vergleichsweise sperrige Postpunk-Titelsong-Ungetüm eröffnet nämlich als verschrobener Schamanentanz über lauernden Tribaldrums und einer gurgelnden Basslinie, bevor aus dem verschwommenen Soundlimbo ein getragener Synthiepop-Pilz mit wehendem Refrain aufquilt und später sogar dissonante Gitarren, generische Baukasten-Streicher aus der Asia-Abteilung sowie gegen den Strich gebürstete Effekte auf dem mutierenden Fließband landen. Falsche Zurückhaltung ist eben nicht das Ding der Show-Pfaue um Flowers, der Umweg als Opener ist jedoch eine großartige Einleitung in das Comeback.
Zudem eine Steilvorlage, die die erste Single The Man unter der Ägide von Erol Alkan zum herrlich überdrehten Over the Top-Hit nutzt, funky pumpend auf dem Dancefloor in die Hüften geht und durch seinen Gaga-Text („I got gas in the tank/ I got money in the bank/ I got news for you baby, you’re looking at the man„) selbstbewusst unterhält, zur Vorsicht dem Fass aber ohnedies immer wieder den Boden auszuschlagen versucht: Mit billigen Katsching-Soundeffekten, einem notgeilen Gitarrensolo, Soul-Chören mit Spirit of the Boogie-DNA,  Daft Punk-Vocodern und zurückspulendem Break.

Das klingt dann nach so überschwänglichen Megalomanie-In Your Face-Pop, für den sich die Killers bisher manchmal schlichtweg zu ernst genommen haben – und zündet gerade durch seine neu gefundene Nonchalance mit einer Effektivität, die man der Band nicht mehr zugetraut hätte.
Vielleicht ist das fünfte Studioalbum der live geschrumpften Kombo aus Las Vegas damit jenes, dass das anachronistische Massenmarkt-Konzept der vergangenen Jahre auch dank der längeren Auszeit und A Desired Effect endlich so zielbewusst wie zweckdienlich – da nunmehr gehaltvoll – fokussieren kann. Weil die Hooks und Melodien hinter all dem Kitsch und dem Bombast, all der Durchsichtigkeit und geschliffenen Glätte, endlich wieder infektiös greifen und den freilich weiterhin überhöhten Gesten von Flowers und Co. so diesmal nicht mehr vollends die Substanz fehlt.
So oberflächlich und kantenfrei der Pop der Killers damit auch per se bleiben mag: Zum ersten Mal seit dem enttäuschenden Day and Age kommt das Quartett wieder ansteckend unterhaltsam rüber: Man spürt den Spaß, den die Band an dieser die Anhängerschaft spaltenden Ausrichtung hat, die meistens banalen Texte geben zumindest ihr bestes, um auch auf einer persönlichen Ebene zu fußen. Kurzum: Die zehn neuen Nummern fühlen sich nicht wie reine Businessgedanken an und machen alleine dadurch schon alles besser als die beiden direkten Vorgängeralben.a
Und auch wenn Wonderful Wonderful nach seinem furiosen Beginn stilistisch vor allem den Weg von Battle Born weitergeht, den man als Fan der superben ersten beiden Studiowerke weiterhin nicht restlos begeisternd finden muss, setzen die Killers das dort bediente Muster diesmal jedoch deutlich besser um und erhöhen damit die Chancen, selbst Skeptiker entwaffnend an den Haken zu bekommen.

Life to Come nimmt all seinen plätschernden Schmalz beispielsweise zu einem potenten U2-Stadionrefrain mit und hat mit „This is not a shake down/ Let go of the blame/ Have a little faith in me, girl/ Just dropkick the shame“ eine der Zeilen des Jahres an Bord, bevor das funkensprühend laufende Run for Cover (inklusive Bob Marley-Referenz) so energisch pumpend, wuchtig und bestimmt seinen Weg entlangzieht, dass er beinahe aus Sam’s Town stammen könnte – tatsächlich hat der Song schon knapp ein Jahrzehnt am Buckel.
Das erhebend flehende Tyson vs Douglas macht (textlich sogar durchaus berührend, weil intim und nostalgisch träumend) eine Punktlandung als  in den Himmel stürmender Watterocker, während das wunderbar-schraurige, latent käsige Some Kind of Love als fliesende Synthieballdade mit platten Texten, tollem Bass, ambientem Brian EnoZitat und ätherischem Gitarrengeplänkel zu seinem meditativen Finale irgendwo zwischen der Ozeanliebe der Foals und einem peinlich berührenden Kindergartenmusical mündet.
Denn sicher: Absolut trittsicher ist Wonderful Wonderful keineswegs geworden. Es gibt etwa zutiefst egale 80er-Übungen ohne jeden Erinnerungswert (Out of My Mind), die das Gesamtwerk verwässern, oder von Woody Harrelson herbeizitierte Zuckerguss-Versionen des Elektroblues von Depeche Mode (The Calling) – ein an sich vielversprechender und nicht uneingängiger Ansatz übrigens, doch um tatsächlich funktionierende Perspektiven aufzutun, bleiben The Killers hier zu handazhm und weich.

Rut ist dann ohnedies der am deutlichsten polarisierende Grenzgang, der zwischen Stadion-Dienstleister-Genie und Stangenware-Wahnsinn keine Gefangenen nimmt: Billigster R&B-Autotune leitet da in eine zutiefst seichte Formatradionummer mit Bläsern zum Fremschämen ein und gebiert Musik, die beim emotional versöhnlich gemeinten, optimistisch in die Zukunft blickenden Ende einer harmlosen 90er Jahre-Sitcom gespielt werden hätte können. Ein langweilender Gänsehaut-Moment, weil hier einfach jede gute Melodie fehlt und der Song konsequenterweise in einer so leeren und überhöhten Geste mündet, dass man kaum weiß, ob das überhaupt noch ernst gemeint ist.
Eine Frage, die das abschließende Have All the Songs Been Written? irgendwo klärt, wenn Wonderful Wonderful auf den letzten Metern im Pathos und Mark Knopflers Klischee-Gitarre ersäuft, quasi grandios überkandidelt schwadronierendend geradezu herzerwärmend daran scheitert, die Hochglanz-Version von The War in Drugs zu kanalisieren. Vollkommen ironiebefreit, hemmungslos und sich selbst ergeben schwelgen die Killers hier im nostalgischen, melanholischen Wohlklang.
Im Grunde liefern Flowers und Co. damit genau das schwülstig überzogene Finale, dass es braucht, um sich endgültig dem kurzweiligen Nonsens dieses abwechslungsreichen, 43 minütigen Guilty Pleasure-Ohrwürmer-Potpouris zu ergeben. Da man spürt, dass diese fast schon lächerliche Plakativität grundsätzlich immer ernst gemeint ist. Und, so verrückt das auch scheinen mag, offenbar von Herzen kommt.

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