The Tallest Man on Earth – The Tallest Man on Earth with yMusic

von am 8. August 2017 in EP

The Tallest Man on Earth – The Tallest Man on Earth with yMusic

Zehn Jahre nach seinem selbstbetitelten Einstand reinterpretiert Folk-Singer/Songwriter The Tallest Man on Earth im Verbund mit dem New Yorker Kammermusik-Ensemble yMusic vier Songs aus dem eigenen Backkatalog, sowie die Joan Baez-Schönheit East Virginia.

Wenig wäre in dieser Jahreszeit derart willkommen, wie ein neues Tallest Man on Earth-Album. Doch seit dem guten, aber auch ambivalenten Wachstumsschub Dark Bird is Home von 2015 scheint sich Kristian Matsson den Kurzformaten verschrieben zu haben und lässt vorerst weiter auf sein fünftes Studiowerk warten. Auf die im vergangenen Jahr vorgelegten beiden Singles Time of the Blue und Rivers folgt jedenfalls erst einmal die unbetitelte EP mit den Kooperationspartnern yMusic – letztendlich „nur“ ein angenehm unterhaltsamer, durchaus erfrischender Blick in den Rückspiegel.
Freilich: Hat man etwas aus der Musikgeschichte gelernt, dann, dass mit Orchester aufgepimpte Neuinterpretation bekannter Songs in erster Linie ein nettes Schmankerl für treue Fans sind. Ausschmückende Erweiterungen der Sammlung, manchmal durchaus neue Facetten freilegend, doch meistens nur bedingt essentiell. In diese überschaubar kreative Kerbe bettet der Tallest Man on Earth nun auch die mit der Unterstützung von CJ Camerieri und Rob Moose von yMusic eingespielten 20 Minuten – spielt primär den Erwartungshaltungen in die Hände, wird am Ende allerdings trotzdem – oder gerade deswegen – alle Sympathien auf seiner Seite haben.

Dabei kommt das multinationale Gespann erst nach einigen Anlaufschwierigkeiten wirklich überzeugend in die Gänge, braucht offenbar Zeit, um sich aufeinander einzulassen.
Das eröffnende There’s No Leaving Now wird in melancholisch-getragener Form etwa noch geradezu schwerfällig grübelnd ausgebremst – als wolle sich der Song plötzlich bedeutungsschwerer und dramatischer inszenieren, weil das breitere E-Musik-Instrumentarium mehr demonstrative Melancholie, Seriosität und Nachdenklichkeit erfordern könnte. Das wirkt deswegen seltsam verkrampft, fast aufgesetzt pseudo-tiefgründig und verliert sich in versierte Arrangements, die über feingeistige Streicher und Bläser zu angestrengt zeigen wollen, was sie können.
Auch das auf Tour eingespielte Joan Baez-Cover East Virginia tröpfelt entschleunigt, funktioniert zwar bereits überzeugender, da die Stärken von Matsson und yMusic hier schon ein wenig besser miteinander kommunizieren und interagieren. Doch bleibt der Fokus immer noch verstellt, weil zu unnatürlich auf die zusätzlichen Instrumente konzentriert. Sie überzeichen allerdings die essentielle Kraft von Matssons in einem Grad, der nicht notwendig erscheint, tragen kaum mehr als eine effekthaschende Überhöhung zur Entwicklung des Songs bei. (Eine Neigung des Tallest Man on Earth, die sich ja bereits über das Ballast ansammelnde Dark Bird is Home abzuzeichnen begann).

Dabei profitiert Matssons Musik durchaus von den yMusic-Fähigkeiten: Die märchenhafte Oboen-Landschaft im absolut überragenden On Every Page malt die imaginative Kraft der Nummer noch reichhaltiger aus, als es die reguläre Studioversiodark n tat – zumal sich das Szenario dann aus seiner unwirklichen Traumreise in eine fiktive Vergangenheit langsam erhebt und synergetisch nach und nach nicht nur zu der beschwingten Leichtigkeit findet, die Matssons Songwriting seit jeher auszeichnet, sondern dieses auch durch eine bisher ungekannte Eleganz erweiternd, die gar an das anachronistische Stilbewusstsein eines Bryan Ferry denken lässt. Erhebend und großartig ist das Ergebnis, ein tröstendes Discografie-Highlight gar.
Zumal The Tallest Man on Earth und yMusic danach ohnedies eindrucksvoll das Potential abrufen, dass in dieser Zusammenarbeit schlummert: Man interagiert mit klar verteilten Rollen und versucht nicht zu angestrengt den Arangements übergebührliche Relevanz einzuräumen, sondern lässt sie instinktiver wachsen.  Revelation Blues ist so auch deswegen so toll, weil Matssons verspielt-luftige Gitarre den Song trägt, während das Orchester sich schöngeistig auf Nuancen konzentrieren kann, anstatt das Stenario stemmen zu müssen, während die New Yorker Kammermusiker in Love is All mit soviel Understatement arbeiten, um das liebliche Flair des Originals emporzuheben: Der intime Hang zum lieblich-wohlig Kitschigen hat hier längst den Drang zur Übertreibung mit fideler Unangestrengtheit domestiziert, zaubert mit einem nahbaren Charisma ein leises Lächeln aufs Gesicht – und rundet ein nettes Schmankerl für treue Fans mit wundervoller Nonchalance ab.

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