Tyler Childers – Purgatory

von am 24. August 2017 in Album

Tyler Childers – Purgatory

Tyler Childers wandert mit belebten Countrysongs im Rücken durch sein persönliches Purgatory auf Erden. Und legt in der immer wieder schneidenden Schere aus Form und Inhalt damit durchaus das Genre-Schmankerl vor, das die Spatzen von den Dächern herbeigepfiffen haben.

Dass Purgatory bereits Vorfeld seiner Veröffentlichung auch abseits von gut informierter Szenekreisen so einiges an Aufmerksamkeit generierte, wird weniger daran gelegen haben, dass der 26 Jährige Tyler offenbar schon seit einiger Zeit einen über lokale Vorschusslorbeeren hinausgehenden Ruf erarbeitet hat, noch an dem untergegangenen Vorgänger Bottles and Bibles, oder dass sein Feature auf Colter Wall in fachkundigen Medien heftig gefeiert wurde.
Sondern mutmaßlich eher an dem Produzentenduo hinter Purgatory. Neben David Ferguson (den man durch seine Arbeiten für seinen Boss Jack Clement samt dazugehörigen Great Balls of Fire-Auftritt oder Engineer-Credits für U2 oder die America-Reihe von Johnny Cash kennen kann) hat da mit Sturgill Simpson schließlich jener Mann hinter den Reglern gesessen, der spätestens durch  das 2016er-Meisterwerk A Sailor’s Guide to the Universe mit einem breiten Einzugsgebiet von Nirvana bis zu den Grammys eine über Genregrenzen hinaus beachtete Konsensplatte abgeliefert hat.

Und nun? Ist es letztendlich völlig egal, worin der Aufruhr begründet liegt, rechtfertigen doch alleine die zehn Songs dieses Debütalbums den Rummel: 35 kompakte Minuten strahlt Childers nicht nur mit seiner grandiosen Stimme – gleichzeitig herrlich klar und gegebenenfalls doch rau zupackend -, sondern vor allem mit großartigen Songwriting, das zwischen erdigem Kentucky-Bluegrass und gelöstem Apalachen-Americana mit viel Soul an Southern-Rock Versatzstücken und klassischem Country erblüht, dem man den immensen Einfluss von Simpson durchaus anhört.
I’d already had two opportunities to record these songs on my own. So I stepped back and let it go where Sturgill thought it needed to. I didn’t come into the studio with a lot of expectations: ‚This is going to be this way, this is going to be that way.‘ I obviously wouldn’t have needed him if I was going to be like that. On Whitehouse Road, he suggested we slow it down and get it into this groovy pocket, and I said, ‚Alright, let’s see what it sounds like.

Besagte Whitehouse Road führt Childers über schwerfälliger rockendes Grooves mit Maultrommel und souligem Background durch die Buckelpiste des Lebens. „Get me drinkin‘ that moonshine/ Get me higher than a grocery bill/ Take my troubles to a high wall/ Throw ‚em in the river and get your fill/ We’ve been sniffin‘ that cocaine„. Childers strauchelt zwar immer wieder – an Suchtmitteln („Rockgut whiskey gonna ease my pain/ And all this runnin’s gonna keep me sane„), den Stolperfallen des Alltags und der Liebe („Lawmen, women, or a shallow grave Same old blues just a different day„) – genießt diese Erfahrungen jedoch kurzerhand hemmungslos: „Ain’t nothin‘ better when the wind cuts cold/ Lord it’s mighty hard livin’/ But a damn good feelin‘ to run these roads.
Dass in diese Straßen ins Verderben führen können, dieser Konsequenz ist sich Childers durchaus bewusst („I got people tryin‘ tell me ‚Red Keep this livin’/ And you’ll wind up dead„), doch hat er sich mit dem in Aussicht stehenden Fegefeuer arrangiert. Und findet abseits einer mediokren Langeweile der angepassten Gesellschaft immer wieder den Silberstreifen am Horizont.

Getting into trouble and finding the way out of it, finding where you are supposed to be. Finding your place. Purgatory is hell, with hope. You have a fighting chance.“ sagt Childers und durchzieht sein nominelles Zweitwerk mit einem latenten Optimismus und Lebensfreude in Text und Musik.
Ob Childers nun in I Swear (To God) dem Honky Tonk frönt oder das romantische („If I’d known she was religious/ Then I wouldn’t have came stoned/ To the house of such an angel/ Too fucked up to get back home„) Feathered Indians friedlich und gefühlvoll mit seinem großartigen Gesang durch all seine Melodien und Arrangements dirigiert, im unaufgeregten Tattoos eine Slidegitarre mit sehnsüchtiger Trennungsschmerz-Melancholie blühen lässt („The past is fadin‘ Over time/ But it’s still hanging on for life„) oder den mit Fidel und Banjo bestückten Folk mal als geduldige Barnhouse-Erzählung (Banded Clovis) und dann im Titelsong wieder zum stompenden Squaredance-Tanzflächenfüller macht: Der Mann aus Kentucky deckt im Zentrum seiner Songs eine abwechslungsreiche Bandbreite ab, verneigt sich im Wissen um Traditionalismus vor Revoluzern wir Waylon Jennings und klingt trotzdem auf strebte Weise frisch und modern. Ganz so, wie Simpson das seit Metamodern Sounds in Country Music praktiziert und es nun eben auch Purgatory auf den Leib geschneidert hat. Letztendlich wächst Childers aber dennoch klar aus der vermeintlichen Rolle des Protegés heraus, gerade im bärenstarken Schlusspart.

Getragen und tiefgründig schwelgt Honky Tonk Flame immer mehr, bis sich der Song fast schon kakophonisch in einen Jam legt – diese impulsive-intuitive Ader darf Tyler zukünftig gerne ausgiebiger verfolgen. Noch besser ist allerdings Universal Sound, das seine flächigen Gitarren in Wave-lastiger Schönheit nachdenklich und kontemplativ strahlen lässt, subtil eine fast schon Springsteen’eske Hymnik praktizier. Lady May funktioniert danach als tröstend-elegischer Abspann, zurückgenommen und einfühlsam.
Ausgerechnet, dass Childer entlang dieser überragenden Phase anreißt, wozu er tatsächlich fähig wäre, hängt einem ausfallfreien Album – voller Kleinode, die den relativen Newcomer unmittelbar in die erste Liga katapultieren – dann undankbarerweise aber doch einen kleinen Schönheitsfehler an. Um restlos Anschluss an die qualitative Riege um Sturgill Simpson oder Jason Isbell zu finden, fehlt es den kurzweiligen Trip flächendeckend noch an den restlos ausformulierten Genieblitzen, die das Potential von Childers bereits jetzt absolut abschöpfen würden.
Dass der Senkrechtstarter noch genug Zeit haben wird, um dorthin zu kommen, braucht man sich aber alleine deswegen keine Sorgen zu machen, weil viele der Songs auf Purgatory bereits um die sechs Jahre alt sind – und Childers sie alle überlebt hat.

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