Wanda, Klabauter [28.01.2015: Postgarage, Graz]

von am 30. Januar 2015 in Featured, Reviews

Wanda, Klabauter [28.01.2015: Postgarage, Graz]

Ganz viel Amore in Graz, denn: Wanda auf Platte sind brillant, Wanda auf der Bühne sogar noch besser. Wo nahezu jeder der Song zur frenetisch gefeierten Hymne wird, bleibt eigentlich nur die Frage offen, wo für diese Band überhaupt die Grenzen nach oben sein sollten.

Obwohl das Graz-Gastspiel der fünf Wiener bereits früh vom Forum Stadtpark in die große Halle der Postgarage  verlegt wurde, prangerten wie nahezu überall auf der ‚Amore‚-Tour auch hier schon seit Wochen die „Sold Out„-Schilder vor den Toren. Welche Location an diesem Abend überhaupt groß genug für den allgemeinen Andrang gewesen wäre, den die Band aktuell lukriert, darüber darf man freilich spekulieren; wie auch darüber, ob man Wanda, wenn es so weitergeht, überhaupt noch lange in einem derart intimen Club-Rahmen spielen sehen wird.
Kameras richten sich für das Konzert jedenfalls bereits jetzt auf die Bühne, zahlreiche Fotografen hirschen durch die Postgarage, der Hype hält merklich an. Dass Wanda in wenigen Monaten (wenn auch im theoretischen Festivalrahmen) am Messegelände der Stadt Graz aufgeigen, ist also durchaus symptomatisch für den unaufhaltsamen Aufstieg der Kombo. Dazu muss man nun kein Hellseher sein um vorherzusagen, dass nicht wenige der bereits an diesem Jännerabend Anwesenden alleine Wanda wegen zum umgesiedelten Nuke pilgern werden – denn was das Quintett aus der Bundeshauptstadt da annähernd 50 Minuten lang für ein intensives Feuerwerk abbrennt, das ist schon eine Endorphindusche sondergleichen, die man, vor allem nicht von einer heimischen Band ausgelöst, derart einfach nicht alle Tage erlebt.
Wanda Live 4

Warum vor allem in den ungefähr ersten 50 Minuten? Weil es den im hemmungslosen Enthusiasmus des Momentums versinkenden Schlußpart rund um den Zugabenblock (zumindest so ausführlich) gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Obwohl vielleicht zu keinen Zeitpunkt der Show deutlicher wird, was für grandiose Musiker diese Wanda-Typen sind, als was für eine großartig aufeinander eingespielte Band sie im Verbund aufgehen, wie innig überhaupt die Bandchemie an sich zu sein scheint.
Da hat in der Postgarage ohnedies jeder Amore am Handgelenk stehen, aber vor allem in den Ausläufern des Abends wird massig Liebe verteilt, auf der Bühne plötzlich noch mehr umarmt und gebusselt und geblödelt als im regulären Setlistenteil. Als Marco Michael Wanda ganz am Ende während ‚Ich will Schnaps‚ plötzlich am Boden liegt und seine Band über ihm der Nummer hinten raus einen ausufernden, jazzigen Impro-Appendix verpasst, die Tore zum freigeistigen Exzess aufstoßen, dann wäre das als entlassendes Finale wahrscheinlich noch pointierter gewesen. Aber längst haben alle Beteiligten Feuer gefangen. Mehr noch: wann hat man zuletzt eine Band gesehen, die so merklich derart viel Spaß an dem zu haben zu scheint, was sie tut?

Als Wanda jedenfalls noch einmal zurück auf die Bühne kommen gibt es ein ‚Easy Baby‚, dessen retrofuturistischer Anstrich zusätzlich betont wird, bevor ‚Ans Zwa Drei Vier‚ zum nicht enden wollenden Gemeinschaftsintermezzo ausgedehnt wird. Chefcharismat Michael reicht seinen Alkohol ins Publikum und bekommt dafür Hemd und Käppchen geschenkt: irgendwie will hier offenbar weder die Band von der Bühne, noch das Publikum die Band gehen lassen – obwohl es genau genommen längst nichts mehr zu spielen gibt.
Wir spielen euch trotzdem noch was!“ Sei’s drum, man hebt kurzerhand einen orientalisch angehauchten Spontanohrwurm rund um die Vorzüge von Scheibenwischern aus der Traufe: absoluter Schwachsinn natürlich, aber Sinnbild für die herrschende ausgelassene Stimmung. Und dass die Nummer nachher mindestens ebenso viele Menschen an der Garderobe vor sich hersummen werden wie die tatsächlichen Hits des Abends, das spricht dann doch bloß auch schon wieder für Wanda.
Wie aber vor allem die erste Dreiviertelstunde des Konzerts, denn die ist mit ‚Luzia‚ beginnend schlichtweg makellos. Die Kracher geben sich die Klinge in die Hand, besonders bei ‚Dass es uns überhaupt gegeben hat‚, dem bereits jetzt unsterblichen ‚Bologna‚ oder ‚Auseinandergehen ist schwer‚ (ohne die Studiostreicher tatsächlich noch einmal eine Klasse besser!) steht die Bude kurz vor der Explosion. Was kümmert da schon der kleine textliche Fauxpass in ‚Jelinek‚, wenn der sichtlich gut gelaunte Frontmann mit augeknöpften Hemd in die Fanherzen surft und die Band im herrlichen 80s Look den zeitlosen Stil mit der Bierflasche aufgesogen hat. Alles sitzt knackiger, strammer, lässiger, räudiger als auf Platte, kleine Variationen halten die Spannung aufrecht. Jeder Song wird dafür vom textsicheren Publikum gefeiert, selbst jene, die es nicht auf den 2014er GeniestreichAmore‚ geschafft haben.
Besonders stark dabei: ‚Das wär schön‘ (heißt die Nummer so?) gleich im atemlosen Startdrittel, das dem bisher veröffentlichten Material in absolut nichts nachsteht. ‚Meine beiden Schwestern‚ vom bereits fertigen Zweitwerkkönnte sich zum Fanliebling mausern. ‚Nimm sie wenn du’s brauchst‚ fügt sich von eben dort rund um Wein, Weib und Hedonismus zumindest nahtlos in die Sause ein. Wo der Gig zum Ende hin immer mehr der ausgelassenen Party gleicht, die dieser Abend auch ist, kreieren Wanda eben im regulären Teil eine Stringenz und Dichte, die aus dem Alltag beamt.
Wanda Live 2Wer da ein Haar in der Suppe finden will, könnte dieses höchstens bei der Vorband suchen – Klaubauter spielen ihren Indierock vor allem in den etwas profillosen Refrains ein bisschen zu sehr nach bewährten Mustern (obwohl das mal gen Country ausschlägt, mal irgendwo im Sound eine Violine versteckt hält und dem Hang zur großen Geste an sich nicht abgeneigt wäre) und polarisieren dazu mit einem Sänger, der die Theatralik liebt und deswegen Zeilen wie „Bitte geh/ damit ich dich vermissen kann“ singt, aber insgeheim immer dann am besten ist, wenn er laut wird und aus sich heraus geht.
In der letzten Nummer passiert es dann, die Band verspielt sich, umgeht das Malheur aber sympathisch. Beim Reboot der Nummer wechselt in den Lyrics plötzlich das Gechlecht des/der Angesungenen, dass die Strophe im Singular und der Refrain auf einmal den Plural gebraucht, darf man zumindest irritierend finden. Sollte man aber auch alles nicht zu eng sehen, denn in gewisser Weise genießen Klabauter ohnedies sowas wie Welpenschutz: es ist ihr erster Gig überhaupt. Würde man – geschmackliche Präferenzen hin oder her – nicht merken, würde sie es nicht mehrmals erwähnen.

Tatsächlich etwas weniger lässig: die Vinylversion des nachgepressten ‚[amazon_link id=“B00MVCX74Q“ target=“_blank“ ]Amore[/amazon_link]‘ schlägt am Merchstand mit satten €30,- zu Buche. Sympathisch hingegen, dass eine Band einmal nicht eine Wagenladung an unnötigen Merchkram anzudrehen versucht.
Aber was will man meckern : €10,- im Vorverkauf für einen derart rauschhaften Abend sind schlichtweg sensationell. Weil, ganz ehrlich: an dieses Gastspiel – in diesem Rahmen – daran wird sich vieles kommende messen müssen.
Womit übrigens die Latte für die Indiepartment-Festspiele im Frühjahr 2015 gleich im ersten Anlauf enorm hoch gelegt wurde – obwohl da unter anderem noch Kaliber wie The Notwist, We Were Promised Jetpacks oder Dan Mangan geholt werden. Ungeachtet dessen: Graz hat hier definitiv sein erstes richtiges Konzerthighlight 2015 erlebt.

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