Wear Your Wounds – WYW

von am 27. April 2017 in Album

Wear Your Wounds – WYW

Die Ausrichtung von WYW wurde bereits mit dem Split-Beitrag Adrift in You adäquat vorgegeben: Jacob Bannon setzt mit einer Allstar-Band im Rücken unter dem Solo-Banner Wear Your Wounds die Freiheiten fort, die er sich Mitte der 90er noch mit Supermachiner genommen hatte.

Wear Your Wounds is the product of years of Lo-fi solo recordings by Converge founder Jacob Bannon. (….) The album is contains ten emotional songs that call to the slower, more epic leanings of Converge, as well as his previous work in Supermachiner. Bringing to mind the multi-layered approach of Swans and early Pink Floyd, while being as vulnerable as influences Sparklehorse, Songs: Ohia, other like minded artists.“ lässt Bannon es selbst ausführen und liegt damit richtig: WYW erforscht mit zurückgenommenerem Tempo und schwelgender Gangart jene Grenzbereiche ausführlicher, die Converge etwa mit Grim Heart/Black Rose oder In Her Shadow beschworen haben.
Was über die gesamte Spieldauer von 64 Minuten ästhetisch stets an die ideale Tourpartnerin Chelsea Wolfe denken lässt; auch an die Neurosis-infizierten Verge-In-Expeditionen auf  No Heroes sowie natürlich die jüngsten Blood Moon-Sessions. Gerade im überragenden Fog zeigt sich aber zudem, dass Bannon mit Wear Your Wounds damit auch deutlicher an Leisetreter der Kategorie A Whisper in the Noise anküpft, wie Schlagzeug und Piano da zu seiner leidenden Stimme eine gleichzeitig vergängliche wie zeitlose Traurigkeit in die Dunkelheit malen.

Gleich der Titelsong etabliert da passenderweise den Charakter von Wear Your Wound: Bannon baut sein Songwriting auf ein düsteres, romantisches Pianomotiv, schwerfällig schleppen sich die versammelten Musiker – Kurt Ballou (Converge), Mike McKenzie (The Red Chord, Stomach Earth, Unraveller), Chris Maggio (Sleigh Bells, Trap Them, Coliseum), and Sean Martin (Hatebreed, Cage, Kid Cudi, Twitching Tongues) – darüber. Bannon öffnet Landschaften zwischen Post Metal und Post Rock, nutzt die sich öffnenden Räume und schleicht mit melancholischer Härte um eine abgründige Schönheit. Dass er später im Hintergrund des Openers noch im Sinne seiner Stammbands brüllt, bleibt eine Ausnahme, funktioniert WYW doch keineswegs derart brachial wie Converge. Viel eher hat Bannon hier eine Spielwiese erschaffen, die mehr als alles andere davon lebt, enorm dichte Stimmungen und eine unmittelbar in den Bann ziehende, intime Atmosphäre zu zeichnen. Härte wird hier also vielmehr aus der Sehnsucht geboren, nicht aus rasender Brutalität oder Aggressivität.
In Giving Up klingt Bannon deswegen noch verletzlicher, während der Song sachte und filigran voranschreitet, letztendlich noch perkussiv angerührt rumort und sich beharrlich in unterschwellig brodelnde Trance spielt, deren Spannungen sich gleichmäßig entladen. Dieser Gangart wird im monumentalen Achtminüter Iron Rose majestätisch auf die Spitze getrieben: Das beginnt abermals ätherisch, perlt abermals balladesk und in sich gekehrt über kontemplative Gitarren und resignierenden Klavierakkorde, platzt zur Mitte hin jedoch abermals unmittelbar auf und legt sich dann wieder stoisch in seine geduldige Wucht.

Zu diesem Zeitpunkt muss sich WYW deswegen auch noch den Vorwurf gefallen lassen, dass Bannon die Songs strukturell zu gleichförmig aufbaut: Aus in sich gekehrten Umrissen wächst stets eine massive Wand, die irgendwann gar zu plötzlich abebbt – und damit eine gewisse formelhafte Vorhersehbarkeit forciert. Spätestens ab Hard Road To Heaven (zwischen den regnenden Field Recordings-Beginn und dem sich am Ende lichtenden Szenario mit zwitschernden Vögeln liegt ein hypnotisch-trauriges Auge des Sturms) variiert die Dynamik jedoch und verselbstständigt sich nachhaltig selbst – und die Platte wächst zu mehr als der Summe ihrer Teile.
Best Cry of Your Life kratzt an der Schnittstelle aus Hardcore und Shoegaze nervös am Noise, zieht die Zügel enger und explodiert bald mit bestialisch nach vorne gehendem, bolzendem, am Blast frickelndem Schlagzeugspiel, während Breaking Point eher verträumt treibt und ein fast schon pathetisches Solo keimen lässt oder Shine seine Nahbarkeit im Stillen mit Schellen und Chören aufblühen lässt. Die maschinelle, stoische Kühle von Heavy Blood wirkt wiederum eher wie vollends entschleunigter und reduzierter Industrial mit mediativer Sogwirkung, bevor das Goodbye My Friend andächtig und sakral sein Mantra in den sternenlosen Nachhimmel steigen lässt. Diese filigrane Lo-Fi -Ästhetik hat etwas von Have a Nice Life, auch wenn Wear Your Wounds auch nicht auf diese volle Distanz ohne Längen derart fesseln kann.
Spätestens hier wird dennoch endgültig deutlich: Bannon tut gut daran, all die Narben, die das Leben ihm bisher zugefügt hat offen zur Schau zu stellen – denn mag das weitläufige Betätigungsfeld in der schwer kategorisierbaren Schnittmenge aus Slowcore und Ambient auch unspektakulär wirken, steht es Bannon jedoch ausgezeichnet. Und hat WYW erst einmal in seinen Bann gezogen, liefert es einen wunderbaren Kopfkino-Soundtrack für die einsamen Nächte des Lebens.

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