William Patrick Corgan – Ogilala

von am 31. Oktober 2017 in Album

William Patrick Corgan – Ogilala

Produzentenguru Rick Rubing hat Billy – sorry: William Patrick! – Corgan für dessen zweites Soloalbum zu einer verhältnismäßig minimalistischen Platte überredet: Ogilala wiegt sich mit viel Schmalz und Gefühl in einer reduziert zurückgenommenen Opulenz.

Auch wenn der Smashing Pumpkins-Boss primär für die dekadente Wucht seiner megalomanischen Alternative Rockband einen Platz in den Geschichtsbüchern sicher hat, beherrscht Corgan die kleinen Gesten, die fragilen Innenansichten und intimen Momente ansatzlos. Das beweisen von To Sheila über Thirty Three, Soothe und For Martha bis hin zur grandiosen American Gothic EP zahlreiche stillere Schönheiten der Pumpkins-Discografie.
Nun also hat Corgan auf Anraten von Rubin als Nachfolger zum zu Recht vergessenen The Future Embrace von 2005 ein ganzes Album geschrieben, das ausschließlich auf romantisch gefärbte Balladen gebaut ist, und sich in seiner Einkehr rein auf Corgans Stimme sowie seine wunderbaren Trademark-Melodien verlässt – inszeniert vor einem mehr oder minder spartanischen Instrumentarium aus Akustikgitarre, Piano und Streicherarrangements. Das Cash-Rezept in edlerer Üppigkeit, wenn man so will.

Man kann eine grundsätzliche Diskrepanz hinsichtlich der konsequenten inhaltlichen Ausrichtung vielleicht erahnen: Ogilala ist in der wohlig einladenden Atmosphäre voll tröstender Grandezza an sich absolut zauberhaft, betörend und anmutig. Andererseits neigt Ogilala auf die so kohärente Einheitlichkeit der 39 Minuten Gesamtspielzeit doch dazu, ein bisweilen dezent ermüdender Seelenbalsam sein zu können. Wenn all die sanften Melodien (obwohl gar nicht so gleichförmig arrangiert, wie man es befürchten könnte) irgendwann doch ein wenig zu unverbindlich zu plätschern beginnen und sich ohne die wirklich großen Hooks durch gefühlvoll gekleisterten Kitsch sentimentaler Nachdenklichkeiten schmachten.
Die nostalgische Anmut von Processional repetiert ihren ordentlichen Refrain am Lagerfeuer dann doch zu oft (aber gut, vielleicht ist Corgan hier auch einfach nur zu dankbar dafür, den ausgesöhnten James Iha wieder an seiner Seite zu haben), während der vollkommen spannungslos dümpelne Wohlklang von Antietam nur als enervierendes Sedativum der Beliebigkeit funktioniert oder das eindruckslos bleibende Amarinthe in einen etwas ruppiger zwingenden Bandkontext wohl deutlicher aufzeigen hätte können.

Nichtsdestotrotz schärft der stilistische Fokus von Ogilala merklich die Qualität des Songwritings von Corgan und ringt ihm neben viel solider Mittelstandsware im durchaus konsistent runden Ganzen ein paar der besten Kompositionen jüngerer Vergangenheit ab. Der starke Opener Zowie fließt insofern als melancholisch treibende Klavierschönheit in das Unterbewusstsein, während The Spaniards gedankenverloren ins All driftet. Aeronaut blüht erhaben und majestätisch zur Anmut auf, ist orchestral verzierte Grandezza ohne Bombast. Half-Life of an Autodidact gibt sich als folkiger Akustik-Rock beschwingt und flott über seinen Billo-Synthies sowie  den Streichern aus der Steckdose – beinahe vermisst man die Optionen nicht, die eine zusätzliche Rhythmussektion und markantere Gitarrensaiten der Komposition ermöglicht hätten.
Dafür wächst das entspannte Kleinod Archer gerade durch seine verletzliche Tiefenwirkung als triumphaler Closer, nachdem Mandarynne eine ruhige Emotionalität entwickelt, die einem ergreifend unter die Haut kriecht. Näher dran an alten Geniestreichen war Corgan schon seit, tja, Jahrzehnten nicht. Im unspektakulär netten, angenehm demütigen Charakter der Platte macht das Ogilala dann auch endgültig weniger zu einem Album, an das man Hals über Kopf sein Herz verliert, als vielmehr zu einem, das einem heimlich, still und leise die Zuversicht für Corgans musikalische Zukunft zurückgibt.

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