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מזמור (Mizmor) & Andrew Black – Dialetheia

Dialetheia

Dark Ambient mit doomigen Auswüchsen und Luft nach oben: Mizmor alias A.L.N. schließt sich für das Kooperations-Projekt Dialetheia hinter einem Emma Ruth Rundle-Artwork mit Andrew Black zusammen.

Ein Unterfangen, dass im Pandemiejahr 2020 nur auf digitalem Weg realisierbar war: „We made this album remotely, sending audio files back and forth over the internet, piecing them together like a collage, expanding on each others work, and producing modulations and modifications using tape and outboard gear to strike upon a certain sound. It was a somewhat inconvenient and novel approach to an album’s creation that accounts for a lot of beautiful quirks and otherwise-not-tried ideas.
Dieses Hintergrundwissen hilft beim „Verständnis“ der Platte ebenso, wie die Information, dass sich das Duo vorgestellt habe „through a museum of our nostalgia and past times“ zu wandern, gleichermaßen Beobachter und beobachtet zu sein, denn so wirken einige grundlegende Entscheidungen der Platte nachvollziehbarer.

Dennoch (oder hinsichtlich der dualen konzeptionellen Perspektive eventuell ja sogar logischerweise?) wird es das Manko von Dialetheia bleiben, dass Black und Mizmor nicht über die volle Distanz entschieden schlüssig agieren, ob sich die Platte den Gegebenheiten und Regeln, den Vorzügen und Schwächen, des Ambient hingeben, und eine rein auf Stimmung und Atmosphäre ausgelegte Platte erschaffen wollen; oder aber doch eine, die in ihrer Entwicklung einen Weg beschreiten, der letztendlich mit kompositorischen Mitteln für die erbrachte Geduld des Hörers entlohnt.
Ohne Percussion auskommend und selbst die Gast-Vocals von Jesse Thom im ätherischen, sakral-choral schraffierten Opener kaum aus dem Hintergrund ausmachen könnend, ist Dialetheia in diesem Verlauf eine phasenweise fesselnd-faszinierende, phasenwerise aber auch unausgegorene Angelegenheit geworden, weil die Platte auch nicht wie eine restlos verwobene Symbiose auftritt, sondern gerade im zweiten Teil nur ein abwechselndes Zusammenfügen von starken Segmenten geworden ist, dessen Passagen zu vage interagieren.

In der Detailbetrachtung bedeutet dies: Looking At | Looking Through wandert in der Finsternis eines Drone mit rückwärts geloopten Soundschleifen, erzeugt eine anmutige, sogar optimistisch strahlende Landschaft, aus deren Tiefennebel eine bedächtige Akustikgitarre in den Schattierungen des Darkfolk emporsteigt. Das Szenario forscht ohne Druck, Ziel oder genau genommen auch individuell gefärbte Handschrift, ist aber ein einnehmender Score, der – wie hinten raus – gerade in seiner wärmenden Melancholie absolut überzeugt. Kompetent, ästhetisch und assoziativ, gefühlvoll und von verträumter Schönheit – ein absolut tolles Genre-Stück aus dem astralen Baukasten von William Basinski.
Weniger stringent gerät allerdings Nostalgic Dystopian, das dagegen die Gitarren aus dem Doom meditativ nachhallen lässt, eine dieser großartig ewigen A.L.N.-Melodien besitzt, mächtiger wird, und nach drei Minuten Laufzeit auf Temperatur für einen klassischen Klimax in der Tradition eines Cairn gekommen zu sein scheint – was sich allerdings als Finte erweist, wenn Nostalgic Dystopian kurzerhand wieder abtaucht, in der Stimmung badet und funkelt und schimmert, so aber eben auch wie ein Coitus Interruptus anmutet, der sich für das Mäandern entschließt.
Plötzlich holt das Duo jedoch wieder die Gitarren hervor, zelebriert eine dröhnende Sunn O)))’sche Machtdemonstrationen und zeigt endlich, wozu diese Kooperation im Idealfall fähig ist: Wenn verträumte Texturen und epische Physis einen vielschichtigen Kosmos mit griffigem Muster erschaffen, sich nicht zwischen den „Extremen“ entscheidet, sondenr der die Stärken des Ambient und Doom gleichermaßen nutzt, versöhnlich bimmelnd in einen sphärischen Schlaf entweicht.

Wo auf der zweiten Seite also ein monolithisches Schmankerl stehen hätte können, wirken die Elemente hier auch etwas zu überhastet und nicht erschöpfend genug erforscht durchgewunken, die dezidierter in die Hohheitsgebiete von Mizmor schielenden Schattierungen dagegen nicht zu Ende gedacht, fahrig und in der Luft hängend eingefügt, nachdem der Einstieg praktisch alles richtig, nur nicht restlos individuell und originär macht.
Das ist in Summe nicht frustrierend, aber ein bisschen ernüchtern (und mit sehr viel Wohlwoolen zwischen den Punkten letztendlich aufwertend zu betrachten). Auch schade, weil zu jeder Sekunde durchscheint, wieviel Potential das gemeinsame Projekt noch hat – dieses aber womöglich ja erst dann ergiebig genug nutzen können wird, wenn es in der Zukunft eventuell wieder die Möglichkeit für reelle Schulterschlüsse und nicht nur den Datenaustausch gibt.

 

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