Website-Icon HeavyPop.at

2019: Honorable Mentions

Honorable Mentions

Entweder am Konsens vorbei oder nach zumindest halbwegs objektiven Gesichtspunkten doch von anderen Platten überholt: Wieder haben es zahlreiche Alben nicht in die regulären Top 50 der Jahrescharts geschafft, aber grundsätzlich doch ordentlich Eindruck hinterlassen. Zumindest 15 Vertreter aus dieser undankbar abgespeisten Riege verdienen sich nichtsdestotrotz eine Erwähnung – unsere Honorable Mentions 2019.

Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

65daysofstatic – Replicr. 2019

Review | Facebook | Spotify |

Dass 65daysofstatic nach ihren Reisen durch die Weiten den Weltalls bei ihrer Rückkehr nicht mehr die selben sein würden, war eigentlich klar. Und dass das Jahr 2019 als vollkommen irrelevant in die Geschichtsbücher des Postrock eingehen wird, hat auch genau damit zu tun – dass die mitunter spannendste Band der vermeintlichen Szene nämlich längst nichts mehr mit dem Genre zu tun hat.
Spätestens das durch elektronische IDM-Felder und Ambient-Shredder forschende sechste reguläre Studioalbum der Sheffielder lässt kein anderes Urteil zu, wenn Klangbastler wie Autechre, Aphex Twin oder Ben Frost
als sinnvollste Referenzen die Assoziationen bestimmen. Experimentelle Synth-Anordnungen und zerschossene Beat-Versuchsreihen bestimmen die Soundkulisse, die ihre relevante Transformation zwar auch über die angestammte Herangehensweise und Sozialisation der Band bezieht, sich aber doch vor allem  durch den herausfordernd designten Forscherdrang von 65daysofstatic artikuliert. Gitarren oder konventionelle Spannungsbögen werden da zur digitalen Ahnung in einem vor Details strotzenden Klang-Prisma, das auch von zahlreichen EP-Trabanten begleitet, seine Verortung im Momentum zwar im Titel tragen mag, aber eigentlich nur eine These anbietet: 65daysofstatic sind hier nach ihrem Space-Trip ein gutes Stück weit in die Zukunft zurückgekehrt.

The Appleseed Cast – The Fleeting Light of Impermanence

Review | Facebook | Spotify |

Die vergangenen zwölf Monate waren eine gute Zeit für die altgedienten Helden der 90er Emo-Heydays, um ihre Kunst nahe alter Stärken zu reanimieren.
Die ewige Nischensensation The Appleseed Cast fällt bei dieser Feststellung alleine deswegen aus dem Rahmen, weil sich Bandkopf Christopher Crisci und seine personell so unbeständige Mannschaft über die Jahre und die sporadischer werdenden Veröffentlichungen einerseits ohnedies längst von ihren Wurzeln entfernt hat, und man dem seit 2014 in der Mache befindlichen, neunten Studioalbum The Fleeting Light of Impermanence auch seine immer wieder neu positionierte, längst außerhalb der Norm motivierte Entstehungsgeschichte anhört. Crisci im ausführlichen Rückblick: „We didn’t practice that often. I was super busy with family and work. I was still trying to figure out what I wanted the new record to be like. First, I wanted tons of different instrumentation: strings and horns, and whatever. Then I wanted a pure synth record, just to have every one of our fans hate us! And then at some point I realized that we’re really a guitar band at heart. I had gone through enough of a period of time just playing other instruments that I started to miss guitar again. Everything I started writing started making sense, and once I had enough good demos, I called the guys and we started practicing.
Ein restlos rund in sich geschlossenes Werk ist The Fleeting Light of Impermanence vor diesem Hintergrund dann auch natürlich nicht geworden. Aber eine achtmal hier kohärenter, dort loser miteinander verbundene Erinnerung daran, warum jede Rückkehr von The Appleseed Cast die langen Wartezeiten in Ungewissheit wert sind.

Cave In – Final Transmission

Review | Facebook | Spotify |

Es mag angesichts der Entstehungsgeschichte von Final Transmission durchaus ambivalent erscheinen, aber der primäre Effekt der letzten Veröffentlichung, auf der der 2017 verstorbene Caleb Scofield zu hören ist, ist weniger der, dass man als Fan seinen Frieden damit finden könnte, wenn das sechste Studioalbum der Band ihr endgültiger Schwanengesang wäre – sondern viel eher, dass man, so pietätlos sich dies auch ein bisschen anfühlen mag, jetzt erst recht eine Fortsetzung der Geschichte von Cave In erleben will.
Das wird einerseits verstärkt durch den Fakt, das die Sammlung immer noch unfertig wirkender Demos, die Final Transmission ja auch ist, einfach keinen restlos schlüssigen Spannungsbogen bietet – die Geschichte ist mit keinem runde Ende auserwählt. Anderseits potenziert sich dieser Hunger auf Mehr durch die schiere Brillanz der anschließenden Tour, die Cave In mit (ihrem erst Interimsmäßig einspringenden, nun als vollwertigen Neo-Basser gelisteten) Nate Newton auch endlich wieder nach Europa führte – das Feuer brennt hier einfach wieder, vielleicht sogar stärker als nach White Silence.
Vor allem aber ist es die musikalische Genialität, die das unausgegorene Final Transmission immer wieder aufblitzen lässt und damit als bisweilen brillante Übergangsplatte fungiert. Niemand wird das Gewicht, das Caleb Scofield in diese Band gebracht hat, kompensieren können. Auch das machen die 35 Minuten überdeutlich. Doch ist der Weg frei, um sein Fehlen in anderer Form aufwiegen zu können – eben auch mit einem neuen kreativen Reibungspunkte wie Newton. Und irgendwie könnte dieser Wille weiterzumachen, ein Kollektiv auch durch personelle Wechsel am Leben zu halten, ja durchaus im Sinne des selbst nie um Kooperationen und Freundschaftsdienste verlegenen Scofield sein.

Idle Hands – Mana

Review | Facebook | Spotify |

Idle Hands are the devil’s playthings“. Also hält sich Gabriel Franco nach dem Ende von Spellcaster schnell mit einer neuen Band beschäftigt, die es dann auch schon vor dem Release des Debütalbums bereits zwei Mal nach Europa schafft, um spätestens im Vorprogramm von Gaahls Wyrd und Tribulation viele Fans der Hauptbands zu irritieren wie noch viel mehr neue für sich zu gewinnen.
Was nicht verwundert. Denn auch wenn Francos eigentlicher Plan, in Idle Hands eine Plattform für Black Metal mit cleanem Gesang zu schaffen als grandios gescheitert gewertet werden darf, macht es Mana gerade wegen seiner doch durchwegs anderen Verortung eigentlich ziemlich (und ja, eigentlich auch zu) einfach: NWOBHM-Wurzeln und okkult rockende In Solidtude-Ansätze treffen da auf den Pathos von AFI, das sentimentale Gewicht der 80er-New-Romantic und den unfassbar griffigen Pop von Grave Pleasures. Soll heißen: Diese elf Hits und Ohrwürmer (über Liebe, Herzschmerz und Drachen) könnten daran scheitern, Idle Hands wie von der Band angedacht bald wieder als Support Act zurück nach Europa zu holen – und sie über ihre konsenstaugliche Eingängigkeit stattdessen gleich als Hauptact installieren. Was wohl okay für Franco sein wird – es würde ihn sicher gebührend beschäftigt halten.

Durand Jones & The Indications – American Love Call

Review | Facebook | Spotify |

American Love Call ist natürlich rund um die Installation des grandiosen Doppelgesangs von Frontmann, Bandvorstand sowie Leithammel Durand Jones und Schlagzeuger Alvin Frazer alleine im hauseigenen Kontext betrachtet ein immenser Entwicklungsschritt.
In einem breiteren Spektrum betrachtet lässt sich aber auch festhalten, dass das Konsens-Soul-Album des Jahres wohl das poppige Danger Mouse-Werk geworden sein mag, auf dem Kiwanuka singt. Authentischer als American Love Call hat dann aber wohl niemand sonst die Vintage-Schiene des Genres aufgefrischt: Beide Beine in der Vergangenheit, aber den Blick mit viel Sinn für den Augenblick nach vorne gerichtet. Auch wenn das Zweitwerk der Kombo aus Chicago hinten raus ein ein klein wenig nachlässt ist die Selbstverständlichkeit und lockere Ungezwungenheit, mit der Durand Jones und seine Männer hier die stilechten Retro-Geschmeidigkeiten aus dem Handgelenk-Windschatten der Dap Kings schütteln absolut beeindruckend, weswegen American Love Call in seinen besten Momenten gar die Vermutung unterstreicht, es bei dem Quintett mit einem zukünftigen Klassiker zu tun zu haben.

Kayo Dot – Blasphemy

Review | Facebook | Spotify |

Mit irgendeinem seiner Vielzahl an Projekten hat Toby Driver hier eigentlich seit jeher eine Plazierung gepachtet – ob mit quergedachten, inzwischen zu Darkwave mutierten, Metal-Ausflügen wie Vaura, zurückgelehnten Introspektiven wie seinen erfreulichen Solo-Projekten oder natürlich den letzthin angekommen gewirkt habenden und zumindest immer interessanten Kayo Dot.
Und auch, wenn es gerade bei letzteren am Ende immer um den Weg und weniger um das Ziel geht, und die Reise im Falle von Blasphemy vielleicht etwas weniger erfüllend ist als zuletzt, scheinen sich Toby und seine Erfüllungsgehilfen zumindest an dieses Sprichwort zu halten. Blasphemy ist ein wie gehabt einzigartiges und bewegendes Erlebnis, das den Hörer mit seinen mysteriös-nautischen Konzept-Fängen eng umschließt, ihm bei jedem Durchgang neue betörende Details offenbart und erfolgreich einzulullen vermag. Und trotz des effektiven Wechsels von durch schweres Schlagzeugspiel geprägten Heavyness-Fluten und subtil rauschenden Atmosphäre-Ebben bleit letztendlich nur der bleibende Eindruck der nebelverhangenen Weiten des Ozeans.

Knocked Loose – A Different Shade of Blue

Review | Facebook | Spotify |

Kann das Keith Buckley-Feature in Forget Your Name darüber hinwegtrösten, dass Every Time I Die aktuell die längste Plattenpause ihrer Karriere eingeschoben haben und erst 2020 mit einem neuen Langspieler um die Ecke biegen werden? (Zwar mehr als es High Crimes tut, aber) Eher nicht. Aber trotzdem lenkt das an sich ziemlich prollige Slam-Karussell A Different Shade of Blue im Speziellen wie Allgemeinen mit seinen permanent in nackenbrechenden Pit-Eskalation vom Stapel gelassener Breakdown-Salven zumindest muskulös davon ab.
Was man so beim Erscheinen der Platte nicht unbedingt für möglich gehalten hätte, denn offenkundig gibt es hier hinter der massiven Brutalität wenig zu entdecken, es fällt sogar weiterhin schwer, viele Szenen inmitten der Death-Affinität auseinanderzudividieren. Allerdings macht A Different Shade of Blue durch sein verworrenes Songwriting dann auch irgendwo mit einer so schier unerschöpflich intensiven Ausdauer so nachhaltig-aggressiven Spaß, dass das Zweitwerk selbst objektiv stärkere Platten in ähnlicher Hardcore-Auslage (wie ansatzweise die jüngste Defeater-Reanimation) mit Schaum vorm Mund und bulliger Tough-Guy-samt-emotionalem-Kern-Manier abgehängt hat. Knocked Loose liefern hier das vor Adrenalin pumpende Steroid-Methadon für die Zeit, in denen man eine Verschnaufpause von unerreichten Helden wie Ion Dissonance oder Misery Signals braucht, während man Hatebreed oder Madball nur noch bedingt auf der Rechnung hat.

Lord Snow – Shadowmarks

Review | Facebook | Spotify |

Verdammt ungerecht, aber: Wäre Shadowmarks mit 14 Minuten nicht so verdammt knapp ausgefallen und würde über seinen einfach nicht restlos erschöpfenden Spannungsbogen sowie viele angeheftet-ruhige Ambientpassagen eher den Eindruck einer furiosen Interims-EP erzeugen, hätte sich das je nach Zählweise eventuell zweite offizielle Studioalbum der Band aus Chicago in den regulären Jahrescharts verdammt weit oben platziert.
Schließlich toppen die Skyrim-Fanatiker Lord Snow ihre eigenen Emoviolence und Screamo-Standards hier an so vielen Mikro-Fronten: Der Mix ist so kaputt neben der Spur, dass selbst eingefleischte Fans den hyperventilierwnden Sound erst argwöhnisch zu schätzen lernen mussten – und den Bass etwa hinter den Lo-Fi-Vocals trotzdem noch immer nicht finden können. Die jazzig angehauchten Drums gehören spätestens jetzt zum ikonischsten, was das Genre zu bieten hat – egal ob im Kontext des aktuellen Revivals betrachtet oder auf die Klassiker der Szene bezogen. Und das Songwriting an sich ist ein einziger herzzerreißender Wirbelsturm aus purer Intensität und emotionaler Panik. Lord Snow wachsen so in den besten Phasen der Platte endgültig über sich hinaus, zeigen einmal mehr den Mut zur unorthodox polarisierenden Unkonventionalität – entlassen aus dem gefühlt zwei Songs zu knappen Shadowmarks aber dann doch auch vor allem mit einem latent frustrierenden Gefühl, hier ungerechterweise ein Meisterwerk verpasst zu haben.

Takafumi Matsubara – Strange, Beautiful and Fast

Review | Spotify |

Kurz nachdem Takafumi Matsubara mit Longhena seiner beeindruckenden Kartiere ein weiteres Grind-Meisterwerk hinzugefügt hatte, sollte sich die ungesunde Lebensweise des Japaners rächen: Ein Hirninfarkt hinterließ massive Lähmungserscheinungen in seiner linken Hand, drei Finger wurden praktisch unbenutzbar. Das Gefühl in seinem Mittelfinger ist zwar bis heute nicht wieder zurückgekehrt, doch harte Selbstdisziplin, viel Übung und Karate – davon zeugen vor allem Matsurabas Instagram-Postings, die ihn beim Workout in kargen Lagerhallen während seiner Dienstpausen zeigen – haben eine halbwegs Genesung möglich gemacht, sogar eine Rückkehr ins Musikgeschäft.
Die behandelnden Ärzte sprechen von einem Wunder, die Grind-Gefolgschaft ebenfalls. Immerhin hat Matsubara seinen Stil erfolgreich an die Umstände angepasst (er spielt nun die meisten Riffs nur noch mit zwei Fingern) und explodiert förmlich vor Tatendrang. Retortion Terror machen sich nach einer ersten Platte 2018 etwa für eine ganze Stafette an Splits im kommenden Jahr bereit, Formless Master haben ihre Vorstellungsrunde hinter sich. Am deutlichsten destilliert sich der Leidensweg und die Wiederauferstehung Matsubaras aber anhand seines ersten Soloalbums – das so nie geplant war: “When I was in Mortalized and joined Gridlink, only a few musicians focused the possibilities and technique of grindcore in Japan. Unholy Grave-Drummer Hee Chung agreed with me. So we had a plan to form a band to catch up with American and European high level bands. We promised to practice hard and form the strongest band. I wrote two songs for a demo. But when I retired, he was hospitalized, too. We encouraged each other.” 2015 starb Chung an Krebs, ein Jahr später wurde einer der beiden Demosongs – Selfish Vow – ausgearbeitet im Nachlass des Schlagzeugers gefunden.
Er bildet nun die Grundlage von Strange, Beautiful and Fast, das mit einer erstaunlichen Reihe an Szene-Ikonen über die Jahre zu einer beeindruckenden Genre-Compilation vervollständigt wurde und Matsubara den Willen gab (bescheiden) weiterzumachen: „I’m just a salary man who likes tortoiseshell cats and karate. The great musicians gave me special presents. I’m the happiest guitarist in the world“. Der Rest ist Geschichte – deren Ausgang nun eben auf nicht absehbare Zeit in die Zukunft verlagert wurde.

Ian Noe – Between the Country

Review | Facebook | Spotify |

Lange hat es so gewirkt, als hätte Kevin Morby das Dylan‚eskeste Album der vergangenen 12 Monate aufgenommen und Joseph Huber in Teilen die bessere, weil weniger sentimentale Springsteen-isierung. Letztendlich hat sich Ian Noe mit seinem als Debütalbum vermarkteten Zweitwerk Between the Country jedoch zwischen diesen beiden Polen ideal positioniert und damit 2019 erstaunlicherweise nicht nur größeren Namen wie Cody Jinks oder Whiskey Meyers subjektiv den Rang abgelaufen. Was insofern überraschend ist, weil die 38 Minuten dieser Platte weder sonderlich spektakulär noch egozentrisch veranlagt sind – viel eher sind sie in ihrem geradezu traditionellen Eklektizismus sogar ziemlich konservativ in ihren Assoziationen veranlagt.
Doch steht dieser Ansatz Between the Country deswegen niemals im Weg, weil Noe hier zehn schnörkellose Nummern geschrieben hat, die sich im besten Fall wie lange vermisste Freunde anfühlen, die nun wohlig und zeitlos in den Arm nehmen: Diese Platte lebt von einem zeitlos guten Songwriting, das sich mit einer nebenbei laufenden Gefälligkeit über die Monate zu einem nicht totzuspielenden Begleiter gemausert hat, dessen Halbwertszeit ebenso grenzenlos scheint wie das Talent und Potenzial von Ian Noe.

Paint Thinner – The Sea of Pulp

Review | Facebook | Spotify |

Dass Paint Thinner kaum ein halbes Jahr nach ihrem Debüt bereits mit dem Nachfolger Hagioscope to the Heart um die Ecke gebogen sind, erweist sich wenige Wochen später im Rückspiegel betrachtet als vielleicht keine so gute Idee. Denn dass das Zweitwerk tatsächlich „the sound of a band becoming, however unwillingly, comfortable with themselves“ zeigt, spielt den Detroitern auf die Langzeitwirkung betrachtet trotz aller behaltener (und darüber hinaus neu gewachsener) Qualitäten eher nicht in die Karten.
Schwer zu sagen, ob das lange hinausgezögerte Erstlingswerk unter diesen Eindrücken allerdings noch einmal gewachsen ist und sich noch markanter als ziemlich idealer Start aufgerieben hat. Auf The Sea of Pulp klingt das mittlerweile umbesetzte Quartett jedenfalls noch mit deutlich ungeschliffenerer und impulsiverer Energie ein bisschen so, als hätte Syd Barrett eine von den Stooges angetriebene Version von Parquet Courts dazu angestiftet, das Werk von Fugazi als Psychedelic-Postpunk zu interpretieren, der zum Shoegaze und Noiserock ausbrechen will. Dass sich dabei zwischen der überragenden Klammer aus Opener und Closer auch einige Beinahe-Hits verstecken, tut sein übrigens. Ob Paint Thinner deswegen allerdings gleich einen falschen Kurs eingeschlagen haben, darf man trotzdem bezweifeln und eher von Wachstumsschmerzen fabulieren

Purple Mountains – Purple Mountains

Review | Facebook | Spotify |

Purple Mountains ist ein Album, auf das man fast ein Jahrzehnt gewartet hat, ohne es eigentlich zu wissen: Wie sehr man David Berman nach dem Ende der Silver Jews 2009 tatsächlich vermissen musste, wurde jedenfalls erst im Juli 2019 klar, als der 52 Jährige nach knapp fünf Jahren (und fruchtlosen Anläufen mit Dan Bejar, Dan Auerbach oder Jeff Tweedy am Produzentenstuhl nebst unveröffentlichten Projekten mit Stephen Malkmus oder Black Mountain) unter Mithilfe der Woods-Jungs Jeremy Earl und Jarvis Taveniere endlich das Debüt seiner neuen Band fertiggestellt hatte.
So unspektakulär die zehn kleinen und charmanten Ohrwürmer der Platte auch sein mögen, so sehr gewannen sie durch die wie immer fabelhaften Texte Bermans sofort an der Tiefe, die die 44 Minuten der Platte zu einer herausragenden Abbitte werden ließen, und all die persönlichen Sorgen (den Tod der Mutter, die Trennung von der Ehefrau nach knapp 20 Jahren Ehe oder horrende Schuldenberge) auf einer universell-klugen Ebene bereitlegten – während Berman in Interviews schonungslos ehrliche Zeilen wiedergab: „There probably were a hundred nights over the last ten years where I was sure I wouldn’t make it to the morning. Yeah, I’m a very depressed person. And I felt even worse about myself as time went on and I wasn’t doing anything. So I do feel better now having completed this project.
Dass der vermeintliche Neustart Purple Mountains sich bereits rund einen Monat nach dem Release als erschütternder Epitaph demaskierte, als Berman seinem Leben ein Ende setzte, scheint aus der Distanz rückblickend selbst mit schonungslosen Textzeilen wie „All My Happiness is Gone“ kaum absehbar. Wie sehr man den Musiker und Poeten Berman vermissen wird allerdings schon.

Spotlights – Love & Decay

Review | Facebook | Spotify |

Auch wenn eine handvoll Schweden standhaft Anderes behaupten: Es ist mittlerweile offenbar verdammt schwer geworden, eine wirklich essentielle Post-Metal-Platte aufzunehmen – man frage kurz vor dem anstehenden Jubiläum des Isis-Splits nur Pelican oder Russian Circles.
Spotlights – mittlerweile relativ konstant das Ehepaar Quintero an Gesang, Gitarre und Bass neben Schlagwerker Chris Enriquez – aus Brooklyn umgehen diese Problematik, indem sie die Stilmittel des kaskadenhaften in die majestätische Größe geschleppten Metal-Subgenres nutzen, um im Grunde ihres Herzens ein Shoegaze und Dreampop-Album aufgenommen haben, das über all der Heavyness bittersüß schmelzende Melodien drapiert. Wenn Love & Decay dabei bis in den Sludge und Doom blickt, verführen Spotlights dennoch mit einer anmutig träumenden Schönheit, die sich direkt (und ja, auch phasenweise immer noch zu generisch) bei My Bloody Valentine oder Slowdive bedient. Weswegen man sich wohl auch Ipecac Records gedacht hat, dass es manchmal schon genügt Altbekanntes mit einem interessanten Twist zu vermengen, um vermeintlichen Standards eine durchaus essentielle Perspektive zu verpassen.

The St. Pierre Snake Invasion – Caprice Enchanté

Review | Facebook | Spotify |

Knapp zwei Jahre hat sich die Veröffentlichung des eigentlich bereits mehr oder minder fertiggestellten Caprice Enchanté verzögert. Was gerade bei einer derart vor Dringlichkeit und Sturm und Drang und Impulsivität berstenden Platte durchaus ironisch wirken mag.
Die aufgefahrenen 13 Songs sind derweil trotz abstrakter Instinkte frei von rhetorischen Figuren, die die rohe Direktheit des zweiten The St. Pierre Snake Invasion-Albums weniger ins Gesicht springend tarnen könnten. Caprice Enchanté klingt, als hätte ein junger Greg Puciato einen hysterischen Schub irgendwo dort im Posthardcore aufgenommen, wo es dem Grunge von Nirvana auf In Utero nicht ungemütlich genug, und dem Noiserock von mclusky zu schmissig war. Caprice Enchanté ist unberechenbar, garstig und dreckig, verschwitzt und räudig und bisweilen auch herrlich sexy groovend, wenn die Band aus Bristol nur ausnahmsweise straight rockend zupackt, und den kantigen Punk mit harschen Gitarren attackiert.
Selbst Szenen wie der Chorgesang aus der Garage (Caroll A. Deering), Jamie Lenman auf der Gästeliste (Omens), ein Call-and-Response-Gospel (It Gave a Lovely Light) oder ein halbwegs versöhnlich im Midtempo die melodische Hand reichende Geste zügeln da kaum die Schroffheit: Caprice Enchanté hätte seine Energie wohl auch dann gut bis heute konserviert, wenn das Album bereits wie anvisiert 2017 erschienen wäre.

White Ward – Love Exchange Failure

Review | Facebook | Spotify |

Ein kompakter Analyseversuch von Mastermind Andrii Pechatkin: „Die eingehende Untersuchung des Bösen, das nicht mehr Hörner und Hufe hat, sondern die schmerzhaft vertrauten Züge eines jeden von uns aufweist.
Oder vom teuflischen Wald-Zirkel zur distanzierten Metropole. Das zweite Album von White Ward legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass den personell stark umbesetzten Ukrainern selbst wohl bewusst geworden ist, dass jener Part ihres Spektrums, der sich auf den reinen Blackgaze konzentriert, trotz aller Griffigkeit zu schablonenhaft ausgelegt und eben keineswegs die eigentliche Stärke ihrer grenzüberschreitenden Genre-Zusammenführung ist. Deswegen erhöht das die urbane Vereinsamung reflektierende Love Exchange Failure nicht nur jenen Anteil der nebulös zu Bohren & der Club of Gore wehenden Noir-Darkjazz-Passagen, in denen Piano und Saxofon das Geschehen bestimmen, sondern öffnet hinten raus sowieso gleich einer noch elaborierteren Fülle an Möglichkeiten den Zugang zu einsamen Straßenzügen in kalter Tristesse – bindet Elemente aus dem Ambient, dem Postrock oder Alternative ein und deutet damit Perspektiven und Potential an, dass den Black Metal nur noch vage in der DNA trägt, auch unschlüssig bleibt. Love Exchange Failure macht den Entwicklungsprozess von White Ward als formwandelde Momentaufnahme insofern greifbar, lässt aber in finaler Konsequenz offen, wohin der Weg trotz klarer Kontraste führen wird. Was die Sache nur noch interessanter macht.

Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

Die mobile Version verlassen