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2020: Honorable Mentions

Obwohl so viele Bands (wie beispielsweise Weezer, Every Time I Die oder die Fratellis) bereits in der Pipeline köchelnde und längst angekündigte Alben in eine Zukunft verschoben haben, in der wieder Konzerte möglich sein könnten, hätte Kategorie Honorable Mentions 2020 aus allen Nähten platzen können – nein eigentlich müssen.

Schuld daran wäre ein wirklich tolles Jahr für (ausgerechnet!) Soundtracks gewesen – für Filme (von Tenet bis Soul) einerseits, mehr noch aber am Games-Sektor, wo nicht nur Doom, Streets of Rage 4 oder The Last of Us II, Hades und Final Fantasy 7 Remake immensen Eindruck hinterließen.
Wie schon die vergangenen Jahre meist üblich werden all diese wunderbaren Score-Werke hier jedoch dreist übergangen – es gab eben auch so (zu) viele Studioalben, die es nicht in die reguläre Rangliste schafften, ihre Duftnoten dann aber doch zu markant über den Verlauf von 2020 verströmten, um komplett unter den Tisch zu fallen.

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

Aesop Rock – Spirit World Field Guide

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Während 2020 im Hip Hop-Bereich seine Konsens-Highlights mal wieder entlang synergetischer Kooperationen ablieferte – von Alfredo bis Miles – ist auf einen Mann im Jahr nach Malibu Ken auch im Solomodus Verlass: Ian Mathias Bavitz bleibt 23 Jahre nach seinem Debütalbum eine unfassbar konstante Bank, liefert neben Videospielsoundtracks und Tribute-Singles jedoch nicht nur zum achten Mal in Folge auf Album-Überlänge anstandslos ab, sondern hat auf Spirit World Field Guide gefühlt auch so viel Spaß wie nie an seinem jedes Wörterbuch gefressen zu haben scheinenden Brimborium.
Dass es zu dieser Sammlung voller „anecdotes, recipes, survival tips, warnings, maps, and drawings“ im Spannungsfeld aus „hallucinatory images of killer eels, magic spells, and people on the run“ überhaupt kommen konnte, musste Aesop Rock allerdings erst eine Pause vom Touralltag nehmen (so absurd derartiges aktuell auch wirken mag) und allen Ernstes über ein Karriereende nachdenken, bevor Reisen durch die Welt (so absurd derartiges aktuell auch wirken mag) das Feuer neu entfachten und eine Platte in ständiger Bewegung ermöglichten: „I don’t necessarily view it as something you need to listen to front to back in one sitting. In an actual field guide, you’d kinda flip around until you find the section that applies to your current situation. That’s how this feels to me.

Ichiko Aoba – Windswept Adan

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Wenn sich Musik nach zeitloser Klasse anfühlt, die einen mit Instant-Magie wohl noch lange, lange Zeit begleiten wird, die aber erst wenige Tage vor Alblauf der Jahresfrist erschienen ist – wie ordnet man dies adäquat in einer Rangliste wie dieser ein?
Die Antwort ist (wie schon bei vielen anderen ähnlichen Beispielen zuvor) als einzig faire Entscheidung wohl auch eine billige Ausflucht, indem Windswept Adan nun hier kurzerhand als Honorable Mention auftaucht, wo ein Platz unter den Top Ten mit einer längeren Vorlaufzeit wohl garantiert gewesen wäre. Immerhin ist diese unwirkliche Fantasie von einer körperlosen Ambient- und Folk-Platte, die einen makellosen Lauf von Ichiko Aoba keineswegs unbedingt in Form ihrer besten, aber durchaus weitläufigsten und reichhaltigsten Arbeit krönt, nicht nur ein Traum für japanophile Bewunderer der Ghibli-Welten oder Joe Hisaishis Arbeiten.
10 Jahre nach ihrem Debütalbum hat sich die in Kyoto aufgewachsene Musikerin mit Hilfe von Ume Umebayashi auf Adan no Kaze bzw. Windswept Adan, einem fiktiven Soundtrack voller Streicher, Flöten und Harfen, neu erfunden, ohne ihre Wurzeln zu verlassen; sie hat ihren Kompositionen neue Horizonte geöffnet, ohne die nahbare Intimität aufzugeben. Ob sich Aoba dabei im Entstehungsprozess tatsächlich nach Okinawa sehnt und in ihren Texten entlang eines narrativen Handlungsbogens über ein kleines Mädchen offenbar über die Lumineszenz von Lebewesen reflektiert, von Walen und driftenden Inseln halluziniert und ihre Musik auch für nichtmenschliche Perspektiven geschrieben hat, bleibt aufgrund der Sprachbarriere und kultureller Distanzen ein Mysterium – was Windswept Adan nur noch magischer erscheinen lässt.

Duma – Duma

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Nicht einmal elf Monate nach der Gründung von Duma steht bereits das Debütalbum der Zusammenarbeit von Martin Khanja (Vocals) und Sam Karugu (Guitar, Production) auf der Matte. Womit genau man es bei den knapp 40 Minuten des von Uganda nach Kenia gesiedelten Duos zu tun hat, diese Frage wird noch weitaus länger beschäftigen – wohlwissentlich, dass dieser zutiefst eigenwillige Hybrid aus Industrial, Power Electronics, digitalisiertem Hardcore und Cybergrind sich jeder exakten Kategorisierung entzieht und wie nichts anderes da draußen klingt.
Dass Duma auf ihrem vor immensen Potential und Kinderkrankheiten gleichermaßen zerschossenen Debüt als ästhetische Idee und stilistisches Konzept zumindest vorerst noch stärker überzeugen, denn als komplette Songwriter, gehört irgendwo zum absolut faszinierenden Gesamtbild dieses experimentell organisierten Chaos, das vom Initiationstraditionalismus in Lionsblood bis zum mystischen Sci-Fi-Futurismus gespannt nicht nur für die Band die gegenwärtige Frage auswirft: „What the fuck are we doing?
Was allerdings keine Fragen offen lässt: Stärkere Albumcover gab es 2020 kaum.

Electric Soft Parade – Stages

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18 Jahre und drei weitere reguläre Studio-Alben nach dem Mercury Prize-nominierten Debüt Holes in the Wall haben Electric Soft Parade mit dem wunderbar pompös schwelgenden, aber niemals selbstgefällig oder bombastisch aufgeblasen Orchestral-Pop von Stages ihre bisher vielleicht sogar beste Platte aufgenommen. So wirklich Notiz scheint von diesem charmant die ausladende Geste zelebrierenden Ereignis aber nur noch die loyalste Kernkundschaft der Brit-Brüder White genommen zu haben. Ein höchst unsteter Veröffentlichungsrhythmus von Electric Soft Parade inmitten unzähliger Nebenprojekte, experimenteller Spielwiesen und nonkonformistischer Platteformen – also bitte: Bandcamp besuchen! – haben die einst als eine der großen Nachwuchshoffnungen der Insel gefeierte Band längst (und auch: nicht zu unrecht) zu einer eher beiläufig registrierten Nischenattraktion werden lassen.
Ohne Erwartungshaltung war die Majestät von Stages dann aber nur umso überwältigender und befreiender: Hier legt sich eine Band in große Gefühle und hymnische Szenen und große Dramen wie The Bargain, die niemandem etwas beweisen müssen und deren melancholische Grandezza das Cinemascope als natürlichste Sache der Welt bedient.

Duke Garwood + Paul May – The Bliss of Myth

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Duke Garwood hat zumindest als Solomusiker seit einem halben Jahrzehnt gewissermaßen ein Abonnement für die Heavy Pop-Jahrescharts gelöst, nun taucht er auch erstmals mit einer Kooperation hier auf – sogar einer, die ohne Mark Lanegan auskommt.
Stattdessen wird der dunkle, heavy und unendlich weich aus den Boxen dröhnende Gitarrensound unter der zurückhaltenden Stimme von Paul May begleitet, einem fixen Bestandteil der Londoner Impro-Szene, der sich etwa als Schlagzeuger und Percussionist der Psych-Trance Band Woven Entity verdient, zudem in zahlreichen lokalen Credits im Hintergrund auftaucht. Außerdem verbindet ihn mit Garwood nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch Projekte wie Ladywoodsman und Little Wet Horse. Was dann vielleicht auch erklärt, wie eine derart qualitative Session wie The Bliss of Myth hier überhaupt erst in den Archiven landen konnte, bevor sie nun auf dem Weg als auch unentgeltliches zu habendes Lockdown-Album im Netz landete: Die versammelten 39 Minuten sind unspektakulär, nie ganz greifbar und mehr als alles eher absolut typisch für das subversiv trippige Schaffen von Garwood.
Also genau genommen nichts, was er so ähnlich nicht schon oft gemacht hat – oder wenig später nicht nochmal klammheimlich nachlegen würde. An der Achse aus blindem Verständnis und ungezwungenem sich-treiben-lassen, werden deswegen primär jene, die schon angefixt von der unvergleichlich mystischen, aus der Zeit gefallenen Voodoo-Blues-Americana-Atmosphäre von Garwood sind, darüber staunen, wie intuitiv und wohltemperiert die beiden Musiker miteinander in der Reduktion kommunizieren; wie unspektakulär und nebensächlich das Duo aus einem kargen Sound eine so reichhaltige Stimmung zieht, die immer wieder bis in den doomigen Jazz schielt und damit einige der stärksten Szenen seiner Karriere im beiläufigen Jam kreiert – und all das als natürlichste Sache dieser Welt wahrnehmen. Wie wohl May und Garwood selbst. Dass The Myth of Bliss vielleicht keine essentielle Erweiterung dieser eigenwilligen Diskografie, aber eine faszinierende Nischen-Expedition für Liebhaber ist, diese Erkenntnis musste erst reifen.

Internal Rot – Grieving Birth

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Dass die Australier von Internal Rot als ausgewiesene Insect Warfare-Worshiper nach einer halben Dekade Funkstille ausgerechnet im Jahr nach der perfekten Insect Warfare-Songsammlung Entomological Siege 2004/2009 den Nachfolger zum starken Mental Hygiene eingeprügelt haben, zeigt natürlich von ordentlich Chuzpe. Beinahe so gut (nur mittlerweile gefühlt viel sumpfiger im Sound) wie auf dem Debütalbum, das übrigens den eigentlichen Referenzwert für Grieving Birth kalibriert, bleiben die Drei aus Melbourne die womöglich kompetenteste Epigonen, um in den unausfüllbaren Fußspuren einer der ikonischsten Grindcore-Bands überhaupt zu wüten – wie der frech erzwungene Quasi-Direktvergleich mit der 2019er-Compilation weniger eindrucksvoll, als vielmehr so verdammt kosequenzintensiv vorführt.
Internal Rot spielen ihre aggressiven Songs nämlich sicher mehr denn je nach bewährten Formeln und sind vielmehr ein Fest für die Tugenden des Genres an sich, anstatt dessen Grenzen in irgendeiner Weise neu zu vermessen. Es ist aber einfach so enorm befriedigend wie auch – tatsächlich! – spaßig, sich in diese grobschlächtigen, rasend schnellen 20 Minuten manischer Gewalt voller angepisster Blastbeats, primitiver Vocals und dreckiger Gitarrengarstigkeiten zu stürzen, die generische Verausgabung als Tugend zu verstehen. Und für das Yorkshire Killer-Cover mit Rebecca Hall gibt es natürlich Extra-Sympathiepunkte.

King Krule – Man Alive!

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Das mittlerweile 26 Jährige Zoo Kid Archy Ivan Marshall ist erwachsen geworden, reifer und auch Vater, dazu mit seiner jungen Familie aufs Land gezogen. Er sagt: „Ich fühle keinen großen Unterschied zu den letzten drei, vier, fünf Jahren. Ich habe mich einfach nur verbessert. Auf ganz unterschiedliche Weisen. Ich sehe die Dinge klarer. Meine Einstellung hat sich geändert.“ Und er hat vor diesem Hintergrund mit Man Alive! das Album aufgenommen, das bereits – das The Ooz bereits sein wollte, aber noch nicht konnte.
Zugänglicher ist der melangeartig hypnotisierende Sound wie King Krule selbst sesshaft geworden, präziser und kompakter. Die so eigenwillige Stil-Trance hat einen geradezu optimistischen Frieden mit sich selbst und all den Reibungspunkten dieser Welt gefunden.
Was keine handzahme Gemütlichkeit oder bauchpinselnde Langeweile bedingt, sondern die Spannungen intrinsisch erzeugt, und sich auch die Egozentrik gönnt, den vielleicht besten Song der Platte – Underclass – kurzerhand bis heute als Single auszusparen. Womöglich, weil die drei aufgefahrenen Auskoppelungen allesamt ausnahmslos bereits vor der Veröffentlichung der Momentaufnahme Man Alive! vorweggeschickt  wurden – und Marshall selbst die Geschehnisse um sein drittes Studioalbum als King Krule längst als abgeschlossen betrachtet.

Nine Inch Nails – Ghosts V: Together

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Viele Werke haben sich als instrumentaler Score für das vergangene Jahr angeboten. Aber zumindest in der Populärkultur hatte keines derart das Momentum auf seiner Seite wie das Nine Inch Nails-Doppel aus den Ghosts-Teilen Fünf und Sechs – von denen das optimistischer betitelte Together dann in seiner versöhnlichen Gangart nicht nur die Nase vorne hatte, sondern in Sachen potentieller Soundtrackarbeit ohnedies einen neuen Zenit für die Kreativspitze der Industrial Rocker markierte.
Selbst wenn man jedes der unzähligen Projekte verfolgte, die Trent Reznor und Atticus Ross seit ihrem Oscar-Gewinn betreuten, und sich so durchaus gewisse Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen beim verinnerlichten MO des Duos einstellten, kam Together gewissermassen einer Formvollendung in der Komfortzone gleich, zu der man auch jenseits seines unmittelbaren Veröffentlichungsradius immer wieder gerne – und vor allem: nicht nur als Hintergrundbeschallung – zurückkehrte. Together und auch das ausbalancierende Miteinander-Gegenstück Locusts sind absolut schlüssige und durchwegs würdige Veröffentlichungen für den Jahrgang, in dem es für Nine Inch Nails endlich mit der Aufnahme in die Hall of Fame geklappt hat.

Samia – The Baby

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Es gab 2020, selbst ohne die zwei in den Indie-Folk abgewanderten Überraschungsalben der Taylor Swift zu erwähnen, sicher weitaus größerer, wichtigere oder prägendere Veröffentlichungen im Pop, als The Baby. Wohl sogar per se und weitläufig als besser wahrgenommene – egal ob auf der breiten 80er-Bühne von Jesse Ware, The Weeknd und Dua Lipa, Lokalkolorit a la Kali Uchis oder in unbeobachteteren Nischen wie bei Tennis und Feuilleton-Hypes a la Fake it Flowers.
Dass man dem Debüt von Samia Finnerty jedoch mit einer gewissen Unschuld – also einer Unkenntnis der prominenten Verwantschaftsverhältnisse und Industry Plant-Vorwürfe – begegnen musste, um die Platte tatsächlich genießen zu können, ist hingegen schlichtweg falsch: Gerade mit den Eindrücken eines zu Ende gehenden Sommers, den einen Lockdown vor Augen, die anderen kommenden noch vor sich, hatten die nicht unegozentrischen, aber mit zutiefst unspektakulärer Nonchalance entwickelten Popsongs von The Baby eine absolut entwaffnende Wirkung, derer man sich nicht entziehen konnte – und die auch jetzt, im milden Winter, noch ihre sympathische Teenage Angst-Freundlichkeit mit wärmendem Wohlwollen versprühen: Zumindest ein halbes Dutzend an subtilen Ohrwürmern rund um The Wheel verleihen dieser sympathischen Platte ungeachtet aller Umgebungsgeräusche eine geradezu subversive Nahbarkeit.

Seahaven – Halo of Hurt

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Als Seahaven Mitte 2016 zwei Jahre nach Reverie Lagoon: Music for Escapism Only mit Find a Way endlich eine neue, wenngleich auch nicht wirklich euphorisierende Single herausbrachten, konnte freilich kaum jemand ahnen, dass danach noch einmal vier weitere Jahre vergehen sollten, bis die Band aus Kalifornien endlich tatsächlich ihr drittes Studioalbum vorlegen würde.
Über eine halbe Dekade lange (unfreiwillige, aber wohl notwendige) Pause hätten vermutlich wenige andere derart junge Bands überlebt, doch Seahaven haben den Kampf mit sich selbst nicht nur angenommen, sondern steigen auch an einer wahrlich unerwarteten Stelle als Sieger daraus hervor: Mitten drinnen in den Fußstapfen von Brand New, die nichts sonst seit Science Fiction derart auszufüllen verstand, wie Halo of Hurt es mit seinem niemals den leichtesten Weg wählenden Alternative Rock tat.
Dass da noch mehr möglich gewesen wäre, wenn das Songwriting hin und wieder konventionellere Höhepunkte zugelassen, und vor allem Kyle Soto seine diesmal weinerlich balancierende, nicht immer vor dem cheesy Pathos in Sicherheit geflehten Intonation weniger leidend in den Griff bekommen hätte, würde dieser Ansatz wohl in einem potentiellen Genre-Geniestreich münden. Stattdessen ist Halo of Hurt eine Platte geworden, die in Griffweite eines potentiellen Meisterstück auch zweifelhafte  Entscheidungen trifft, dadurch den Respekt vor Seahaven aber eigentlich nur verstärkt: Man lässt sich ja nun wirklich nicht so lange Zeit für ein neues Album, um dann Konsens-Kompromisse einzugehen.

Spectral Lore & Mare Cognitum – Wanderers: Astrology of the Nine

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Dass das Äquivalent zum Planetenzyklus von Gustav Holst aus der Black Metal-Perspektive von Mare Cognitum und Spectral Lore die Weiten des Alls ergiebiger erforscht als sein Vorgänger Sol es vor sieben Jahren tat, mag musikalisch und auch spielzeittechnisch durchaus stimmen, inhaltlich kommt der Trip (wie die jeweilige Titelgebung es eigentlich eh bereits vorwegnimmt) sogar ohne direkte Nähe zum Fixstern aus.
Dass die Essenz der Platte genau genommen sogar noch näher liegt, als es die Sehnsucht nach den benachbarten Planeten suggeriert, nämlich im Hörer selbst, stellt Jacob Buczarski alias Mare Cognitum allerdings auch explizit klar: „I realized I’ve been self-describing my most recent work as the most “down to earth” of anything I have done. My themes, while always layered in esotericism, have always been representative, either literally or figuratively, of my very real views of the world, humanity’s place in it, and the substance of our lives. So while I like leaving room for a listener’s personal interpretation, the core is definitely personal to me. (…) So it’s personal thoughts illustrated through sometimes much, much grander imagery. And as I’ve said before, the cosmic elements are always intended to act as a reminder of our relative smallness and unimportance in the scheme of reality, in order to encourage introspection and reflection on what it is that is truly significant to us as sentient beings.

Stormlight – Natoma

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Eigentlich sollte alleine das wie immer herrlich unbändig wirbelnde Schlagzeugspiel von Lord Snow-Schlagwerker Erik Anderson genügen, um Natoma in keinem Jahresrückblick fehlen zu lassen. Was das Debütalbum von Stormlight, dem Zusammenschluss mit Loma Prieta-Mann Sean Leary allerdings tatsächlich aus einer Genre-Schablonenhaftigkeit (von der sich das Duo hier auch gar nicht freisprechen kann und will) herausragenden lässt, ist die über die Summe seiner Einzelteile hinausgehende Ausstrahlung der Platte: Natoma klingt in seiner mitreißenden Intensität meist absolut optimistisch und euphorisch, die Aufbruchstimmung, die diese 26 Minuten erzeugen, ist einfach erfrischend, ansteckend.
Wahrscheinlich ist es auch diese – ungeachtet mancher Textzeilen – unbekümmerte Leichtigkeit mit dem Blick nach vorne, die Stormlight aus dem lange hinausgezögerten Stand heraus in einem Jahr wie diesem dann auch dankbar vor (vielleicht grundlegende noch makellosere) Genre-Alben wie As We Suffer From Memory and Imagination geschoben hat, bleiben wird sie als Sternstunde der aktuellen Screamo- und Powerviolence-Spielwiese aber alleine wegen der ihr eigenen Zugkraft.

Tricot – 真っ黒 (Makkuro)

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Tricot haben ein paar gute Jahre hinter sich: Seit den Anfängen der (ursprünglich als Trio unterwegs gewesenen) Kyotoer als „bloß“ eine weitere Math-Rock-Band in einer Welt voller Math-Rock-Bands, haben sie längst die üblichen Barrieren, die mit der japanischen Sprache und untanzbaren Rhythmen zusammenhängen, überwunden und sich als eine feste Größe der Indie-Welt etabliert.
Mit gleich zwei Alben – Makkuro („Tiefschwarz“) und 10 – begehen tricot nicht nur ihr zehnjähriges Jubiläum als Band sondern wohl auch ihr kreatives Karrierehoch, beide Platten bis zum Bersten vollgestopft mit Paradebeispielen für ihren Signature-Sound: Funkige Prince-Einflüsse hier geben melancholischen Ruhepolen inmitten von hyperaktiven Pop-Salven dort die Klinke in die Hand, eine sinistere Schlagseite auf dem halbwegs passend (weil im Band-Kontext eher unkonventionell klingenden) Makkuro steht einer experimentell-psychedelischen, hymnischen Rückbesinnung auf 10 gegenüber – immer Sängerin Ikumi Nakajimas euphorischen Vocals die Bühne überlassend (was durchaus gelegentlich zu Flashbacks zu existenzialistischen Anime-Abspännen führen kann), stets mit einem leidenschaftlichen musikalischen Unterbau, der in den besten Momenten selige LITE-Nostalgie erweckt. Und vor allem live noch jede Hütte niedergebrannt hat.

Vennart – In the Dead, Dead Wood

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Mike Vennart hat sich mit The Demon Joke (2015) und To Cure a Blizzard Upon a Plastic Sea (2018), aber auch dem British Theatre Album Mastery, in den vergangenen Jahren einen kreative Radius erarbeitet, dessen Freiraum er auf dem weitestgehend in Heimquarantäne entstandenen In the Dead, Dead Wood nun auch dafür nutzt, Erinnerungen an seine Wurzeln aufzusprengen: Näher am Erbe von Oceansize als hier war er seit der Trennung der Band wohl nie.
Spätestens im Closer Forc in the Road, in dem Vennart eine absolut klassische, ruhige Meditation bis zur hypnotischen Reminiszenz an Kate Bush träumt und einer turbulenten, überraschend dunklen und heftig zulangenden Platte (die ja, auch wieder zumindest einen Moment parat hält, der Biffy Clyro und ihren regulären Studioalben als Korrektiv dienen sollte) einen ebenso versöhnlichen Abschied beschert, wie auch einem generell konfliktreichen Jahr – das Ventil Dick Privilege randaliert immerhin noch ambivalent im Rückspiegel.
Ohne verklärende Nostalgie steht deswegen auch nur der minimal überhastete Spannungsbogen dem potentiell am längsten nachstreuenden Solo-Album des Briten im Weg – als hätte der Brutkasten Lockdown nicht lange genug gedauert. Gut also, dass 2020 noch genug Zeit ließ, um sich auch bereits dem Nachfolger zu widmen.

Venom Prison – Primeval

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Venom Prison, vielerorts als die Band gepriesen, die den Death Metal ins 21. Jahrhundert manövriert hat, haben erstmals 2015 die Herzen und Nacken ihrer Fans erobert. Angeführt von der immer mehr zum Ikonenstatus einer Angela Gossow heranwachsenden Larissa Stupar, kehrt das anglo-russische Quintett nach dem doch recht spektakulären Samsara zu diesen noch relativ erdnahen Wurzeln zurück und bieten auf Primeval Neuaufnahmen ihrer frühen EPs Defy The Tyrant und The Primal Chaos sowie zwei neue Stücke.
Und während das Aufpolieren früherer Glanztaten für einige Bands oft als riskanter Rückschritt angesehen werden konnte, ist es für Venom Prison ein weiterer Schritt nach vorne: Das altbekannte Material wurde erheblich geschärft, gegerbt in einem halben Jahrzehnt aus Blut, Schweiß und Tränen, profitiert durch die Bank durch die neuen Aufnahme und klingt noch erdrückender. Und die bulligen neuen Stücke Defiant To The Will Of God und Slayer Of Holofernes – beide mit cleanem Gesang – führen diese Blaupausen des Hardcore-infizierten, politischen Death Metals logisch weiter und bestätigen, dass die Vergangenheit von Venom Prison zwar aufregend ist, die Zukunft aber noch um einiges ereignisreicher werden dürfte.

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