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Adrianne Lenker – Songs + Instrumentals

Adrianne Lenker bleibt mit Songs + Instrumentals nach dem endgültigen Durchbruch ihrer Band Big Thief im vergangenen Jahr mit dem grandiosen Doppel aus U.F.O.F. und Two Hands auch auf Solopfaden unkonventionellen Veröffentlichungenspraktiken treu.

Wo die beiden 2019er Alben ihrer Stammband allerdings durchaus als komplementäre Prägungen einer Medaille betrachtet werden können, wachsen die nominell als separate Werke veröffentlichten Platten Songs und Instrumentals nun deutlich symbiotischer auf derselben Seite des Sommers, alleine in der Entstehung.
Nachdem die laufende Europa-Tour von Big Thief Corona-bedingt abgebrochen werden musste, wollte Lenker mit ihrer Schwester Zoë in einer kleinen Hütte in Western Massachusetts eigentlich Abstand vom seit Jahren andauernden Trott aus dem Musikeralltag sowie einer gescheiterten Beziehung finden.
Gekommen ist es freilich anders: Lenker hat zwischen Mai und April in Isolation neun Songs geschrieben und (auf der japanischen Version) zwölf + (mehr oder minder) zwei davon kurz darauf mit Engineer/Produzent Phillip Weinrobe über die Dauer von zwei Tagen auf behelfsmäßig beschaften Analog-Equipment aufgenommen.
Diese spontane und unmittelbare Geburt hört man Songs + Instrumentals nun an: Die Aufnahmequalität wandert beinahe am LoFi-Sound, immer wieder tauchen die Rückstände von Field Recording im Hintergrund auf, man hört „the rain, the wind, the fire from a wood stove, the chimes on her front porch, the birds, and the insects of the forest.

Instrumentals kann dabei gewissermaßen als Ursupppe der geformten Songs verstanden werden, auch wenn Lenker und Weinrobe hier tatsächlich Collagen aus improvisierten Acoustic-Gitarrenideen zusammenfügen, mit denen das Duo in den Tag startete und ihn auch wieder beendete – man darf insofern konzeptionell durchaus an den jüngsten Sunn O)))-Nachzügler Pyroclasts denken.
Hier aber hat man es eben mit ambientem Indie Folk-Instrumental-Geplänkel und Fingerpicking zu tun, mit von Sonnenlicht durchflutendem Trübsinn und Optimismus, nicht gleißend, sondern behutsam und weich, als wäre man mitten drinnen in der Atmosphäre von Life is Strange. Da geben sich in Music for Indigo Aufbruchstimmung und Nachdenklichkeit ohne zwingende Konturen die Hand, die (beiden rund jeweils 20 minütigen) Geflechte sind still und doch bestimmt – nie hat man auch ohne fokussiertes Ziel den Eindruck, als würde die zeitlos treibende Lenker mäandern.
In Mostly Chimes übernehmen dann dem Titel folgend die Windspiele über weite Strecken sogar die erste Reihe im luftigen Klangraum, erzeugen verträumt eine beruhigend bimmelnde Meditation.
Kurzum: Instrumentals ist ein schlichter, aber absolut angenehmer Soundtrack mit imaginativer Atmosphäre, den man in dieser Weise bisher gar nicht wissentlich vermissen musste, um ihn nun aber gar nicht mehr hergeben zu wollen, nachdem er den Hintergrund auf passive Weise umso anmutiger und bescheiden eingenommen hat.

Aus derartigen instinktiv suchenden Versuchen sind dann gefühlt die restlichen elf Nummern des ebenso pragmatisch betitelten Songs entstanden.
Meist genügt eine minimalistisch den Takt begleitendes Instrument – tatsächlich: ein alter Malerpinsel oder die Nadeln eines Kieferbaumes – als Rhythmusgerät, dazu eine behutsam gezupfte Gitarre, auf der man jeden Griff auf den Bünden hören zu können, und eben eine Stimme, die hier meist eine apathische Schönheit in der Einsamkeit zaubert.
Dabei ziehen die Kompositionen stets eine repetitive Monotonie und entwicklungsresistent dem Fokus vor, auch die Abstinenz ihrer Bandmitglieder Buck Meek, Max Oleartchik und James Krivchenia fällt gravierend auf – was im Big Thief-Kontext griffiger zum Meisterstück artikuliert wird, bleibt hier eine lose Aussicht. Etwa das herausragende Anything fühlt sich mit seinem starken Songwriting und der sofort hängen bleibenden Hook wie die Skizze eines lange vertrauten Klassikers aus dem Repertoire ihrer Stammformation an, ohne greifbar zu werden – das still erhebende Zombie Girl oder das konturlos am Ohrwurm vorbeistreifende Not a Lot, Just Forever schmiegen sich in die selbe Kerbe verhaltener Großartigkeit.
Daneben folgt Lenker den aus der Nachdenklichkeit geschüttelten Melodien stets wie zufällig und unverbindlich, agiert manchmal besonders warm und melancholisch (Ingydar), dann wieder ebenso fragil wie stark (Heavy Focus) und kanalisiert eine traurig-tröstende Anmut (Come), die sich hinten raus durchaus ein bisschen verlieren darf. Wenn My Angel als Ohrwurm mit einer subversiven Penetranz deswegen ohne Bogen kurzerhand abrupt abdreht, unterstreicht das den Charme einer Momentaufnahme, die so dezidiert keinen Anspruch auf Formvollendung stellt.

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