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Batushka – Panihida / Hospodi

2015 haben Batushka mit ihrem vor finsteren Blastbeats, griffiger Rock-Breitbeinigkeit und erhebenden Chören jubilierenden (subjektiv auch allgemein dezent überschätzten) Debüt Litourgiya dem orthodoxen Black Metal eine durchaus imposante Würdigung erwiesen, die schließlich sogar bis auf die großen Bühnen vor Behemoth und Bölzer führte.

Vier Jahre später sind die Polen aber aus anderen Gründen auch über Szene-Kreise hinaus bekannt. Was , um es gleich eingangs vorwegzunehmen, weder wirklich mit der musikalischen Qualität und kreativen Substanz von Hospodi, noch mit dessen Konterpart Panihida zu tun hat, da beide Werke (teilweise auf Litourgiya folgend betrachtet, teilweise aber auch rein für sich genommen) eine (mal mehr, mal weniger) enttäuschende Angelegenheit geworden sind – sondern nahezu ausnahmslos mit dem unwürdigen Drama, mit dem so nach dem aus dem Nichts kommenden Senkrechtstart von Batushka wohl kaum jemand rechnen konnte.
Aus der einst durchaus mystisch-undurchsichtig unrankten, entpersonifiziert auftretenden Band sind mittlerweile nämlich zwei gleichnamige Kombos geworden, die sich vor allem durch öffentliches Gezanke und armselige Gerichtsposen ihrer Unantastbarkeit entledigten.
In der Kurzversion haben sich die beiden Bandköpfe Христофор (Krzysztof “Derph” Drabikowski) und Варфоломей (Bartłomiej „Bart“ Krysiuk) nach einem Disput 2018 kurzerhand gegenseitig aus der Band geworfen, veröffentlichen nun aber beide mit ihren Folgeprojekten weiterhin unter dem Batushka-Banner – die ausführlichere Chronologie der lächerlichen Gossip-Ereignisse lässt sich etwa auf Wikipedia nachlesen.
Überall anders dagegen, dass Krysiuks Version von Batushka zwar den Deal mit Metal Blade behalten hat, aber Drabikowskis Inkarnation die absolute Gunst der Fans und Kritiker abonniert zu haben scheint. Warum dem so ist wird bei genauerer Betrachtung aber nur teilweise nachvollziehbar.

Batushka – Panihida

Drabikowski hat via Bandcamp in der kyrillischen Schreibweise zusammen mit den beiden Sängern Черный Монах und Лех sein Панихида – also Panihida – vorgelegt und zeichnet nunmehr bei Батюшка für praktisch alles (vocals, guitar, bass, drums, composer, producer, recording engineer, mastering) im Alleingang verantwortlich
Er bringt sich dabei stilistisch und ästhetisch unmittelbar in die Position, das Erbe seiner ehemaligen Band nahtlos übernehmen zu können, führt die Tradition der durchnummerierten Trackliste und der Artwork-Gestaltung fort, setzt auch inhaltlich auf die Symbiose aus finsteren Black Metal und den sakralen Beschwörungen gestenreicher Lithurgien. Womit er sich vielleicht (auch) vorwerfen lassen muss, entwicklungtechnisch eine gewisse Art von Stillstand hinter einer durchaus willkommen ungeschliffeneren Schmutzigkeit walten zu lassen. (Schon hier stellt sich die Frage: Haben sich die beiden Parteien womöglich ohnedies am gegenteiligen Spektrum aus Politur und Verrohung auseinanderdividiert?)
Im Umkerschluss fühlt sich die Platte aber jedenfalls auch wirklich wie die natürlichere Fortsetzung zu Litourgiya an. Was gar nicht an der „Authentizität“ des fehlenden Plattenvertrages liegt.
Panihida hat im direkten Vergleich zu Hospodi einfach das geschlossenere, bessere Songwriting, die stärkeren Riffs und die überzeugendere Produktion mit seinem rauheren Sound und den schmutzigen Drums, ist über kompaktere 43 Minuten eine nahezu stets fesselnde transzendentale Meditation rasender Härte mit klareren Highlights.

Gleich der lauernde Epilog Песнь 1 hat nämlich diese episch ausholende Hymnik, eine elegant-harmonische Melodieführung im Wechselspiel der Dynamik aus erhebenden und keifenden Attacken, bevor Песнь 2 den Agressivitätslevel nach oben ballert und auf die Dualität aus pressenden Riffs und jubilierenden Tremolos setzt, bevor sich der starke Song für ein rockiges Zeitlupenstakkato ausbremst, in den nachdenklichen Ambient einkehrt, durchatmet, bevor die catchy brütenden Gitarren zurückdrängen.
Песнь 4 ändert permanent das Tempi und Drangsalierungstaktik, während Песнь 5 seine Schönheit in über den Reißwolf schleift, Песнь 7 das potentiell schmissigste Aushängeschild darstellt oder  Песнь 6 mit seiner Unberechenbarkeit packt und danach zwischen Größe und Dringlichkeit rezitierend growlt, auch wenn die Chants wie so oft eine generische Austauschbatkeit an den Tag legen – im Cinemascope von Песнь 8 wird die relative Charakterlosigkeit dieses Elements aber nahezu egal.
Zudem steht die latent weniger zugängliche, rohere Ausrichtung Drabikowskis Songwriting an sich exzellent. Gefühltermaßen wäre es insofern das Beste gewesen, wenn er sich nach all dem Brimborium vollends vom leidigen Batushka-Stempel losgesagt und diese hier zumindest im Ansatz dezent variierte Aufarbeitung noch kompromissloser und konsequenter verfolgt hätte. So aber scheint ihm im Blickfeld zu stehen, dass er nicht von Litourgiya als Anker lassen kann, seiner kreativen Freiheit sozusagen Altlasten in den Weg legt. Panihida ist diesbezüglich also auch eine verpasste Chance, die aber für die Zukunft des Projektes durchaus optimistisch stimmt.

Batushka – Hospodi

Krysiuks Hospodi, der wahrhaftig offizielle Nachfolger zu Litourgiya, ist derweil übrigens nicht so fassungslos schlecht geraten, wie er überall gemacht wird. Die etwas zu langen 52 Minuten stellen eher die andere, weniger trve Seite der selben Medaille dar.
Immerhin hat Hospodi vor Paweł Jaroszewicz (Drums) und Artur Rumiński (Guitar) – dies sich hiernach nicht hoffentlich abspalten, um neue Batushka-Bands zu gründen! – die bessere, weil zähnefletschendere Stimme zu bieten, sondern bemüht ebenfalls angestammte Signaturen, übersetzt diese jedoch in einen deutlich glatteren, bombastischeren und wohl auch massentauglicheren Kontext. Ein Wachstumsschub, der ambivalent ist, gerade wenn all die orthodoxen Gesänge mittlerweile eher wie autark hinzugefügte Gimmick-Teppiche wirken, aber letztendlich doch überzeugen kann – selbst wenn im an sich starken Quasi-Opener Dziewiatyj Czas alles eine Spur zu sauber und ungefährlich, brav und viel zu domestiziert klingt, um wirklich ekstatisch mitreißen zu können.
Wo auf Panihida jedoch das große Ganze im Blick bleibt, stehen für Krysiuk wohl eher einzelne Songs als Leistungsträger im Fokus, was immer mal wieder, gerade eingangs, durchaus stark funktioniert: Besagtes Dziewiatyj Czas hat ein Händchen für den eingängigen Black Metal-Konsens, Wieczernia will gleich ins Stadion, bevor das Inferno locker bügelt, massiv stampft und schlichtweg spaßig in epochale Gesten wuchtet und das theatralische Szestoj Czas macht es sowieso nicht unter dem Blockbuster-Abspann für Wikinger-Besäufnisse.

Danach hat die Platte mit Nummern wie dem skurrilerweise fast schon schlagerhaft-folkloristischen Polunosznica, dem puren Mainstream-Anheizer Utrenia oder dem Und-Jetzt-Alle-Randalierer Pierwyj Czas immer noch stellenweise aufzeigendes Material zu bieten, doch wird die Messe gewöhnlicher, besitzt zu wenig Biss, hat kaum Agressivität. Hospodi zeigt Variationen, aber im Grunde kaum Kontraste. Viele leere Meter wirken substanzlos, sind eher Form als Inhalt, weswegen die Atmosphäre nicht mehr derart überwältigend intensiv gerät. Es schleicht sich durch die Souveränität der immer gleichen Strukturen im handzahm inszenierten Material zudem eine gewisse Langeweile ein, die das Endergebnis eher wie eine überhastete Reaktion auf Panihida anmuten lässt.
Dennoch ist die Erwartungshaltung der größte Feind der Platte. Songs wie Powieczerje scheitern nämlich nicht per se an ihrer Schwerfälligkeit, aber daran, dass hinten raus keine Impulse mehr kommen, die Kompositionen zu oft vorhersehbar exerziert werden, während Tretij Czas etwa der Wahnsinn fehlt, um ein wirklich eindringlicher Psychopath zu sein. Trotzdem ist der unverfängliche Unterhaltungsfaktor gegeben.
Zumal sich Hospodi umgekehrt proportionale Vorwürfe gefallen lassen muss, wie sein verhasster Stiefbruder: Auch Krysiuks hätte ohne seineninvolvierten Gegenpol Drabikowski als Reibungspunkt gut daran getan, Litourgiya weniger sklavisch im Rückspiegel zu behalten. Anstelle der Abzweigung in die härteren Katakomben hätte Hospodi allerdings der endgültige Zug in die Arenen dieser Welt gut getan, quasi ungeniert den Black Metal-Alternativ-Baukasten zur später stattfindenden Slipknot-Show anbieten müssen, der hier nur zaghaft skizziert wird – und wenig erinnerungswürdiges zurücklässt.

 

Was beide Alben abseits ähnlicher Motive und unterschiedlich (unerreichter) Ziele dabei eint, ist ein grundlegendes Können, mehr noch aber die fehlende Sogwirkung, die Litourgiya  in seinen überragendsten Momenten erzeugen könnte, natürlich auch das vollkommene Abhandenkommen der Faszination jeglichen Mysteriums.
Eine Lektion, die sich von Oasis über The Libertines schon unzählige Male gezeigt hat, wiederholt sich hier, wenn auch um den irritierenden Faktor den doppelten Namensexistenz erweitert: Drabikowski und Krysiuk gelingt getrennt voneinander ein sehr okayes bzw. mindestens gutes Album – im Verbund (oder mit gelöster Versorger-Nabelschnur) hätte ihnen aber ein herausragendes gelingen können.
Aber was soll’s. Letztendlich ist keine der Platten die Aufregung wirklich wert. Und dass man als Fan weitestgehend jeglichen Respekt vor den beiden Drama-Boys verloren hat, bedeutet ja auch nicht zwangsläufig, sich exklusiv für eine der beiden Platten entscheiden zu müssen.

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