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Die Alben des Jahres 2019: 10 bis 01

Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

10.
James Blake

Assume Form

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There is No Limit to His Love: Die Renaissance des James Blake Litherland erstrahlt in einem kaum für möglich gehaltenen Optimismus, der dem heute 31-jährigen zu seinem bisher beschwingtesten, lockersten und auch romantischsten Werk verleitet.
Sollen es ruhig alle wissen: Der Londoner ist verliebt – in Jameela Jamil – und lässt sich von diesem Gefühl nicht nur in I’ll Come Too, einem seiner bisher schönsten Songs überhaupt, auf die andere Seite der Erdkugel tragen, um die Schmetterlinge in seinem Bauch im sonnigen Kalifornien freizulassen. Auch dank illustrer Gästen wie Travis Scott, Metro Boomin, Moses Sumney, Rosalía und André 3000 ist Blake auf Assume Form damit ohne Selbstgefälligkeit aber auch moderner am Puls der Zeit angekommen. Nachdem er mit seinem bisher uneinholbar thronenden Debüt von 2011 allen Trends vornewegproduzierte und über die (phasenweise sehr) guten, aber eben auch enttäuschenden Nachfolger Overgrown (2013) sowie The Colour in Anything (2016) am Jahrzehnt, dessen Sound er so markant mitentworfen hatte, eher versiert teilnahm, statt es abermals neuen Ambitionen auszusetzen, findet Blake zum Ende der Dekade so gewissermaßen seinen Frieden mit dem Zeigeist und geht in diesem sogar regelrecht auf. Da machen nunmehr Hip-Hop-Ideen und Trap-Muster Sinn, wenn der Elektropop den kargen Minimalismus der Melancholie wie einen längst vergessenen Geist im frisch durchgelüfteten Sonnenschein verabschiedet. Und ja auch ein bisschen mit einem alten Klischee der Popkultur aufräumt, wenn nicht mehr Herzschmerz der beste Katalysator für die Kreativität ist.

09.
LINGUA IGNOTA

CALIGULA

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Extremer Metal kennt keine Grenzen. Was nicht bedeutet, dass er sie nicht hat. Es geht natürlich immer extremer, schneller oder lauter – Intensität hat jedoch eine Obergrenze. Darum sind Künstlerinnen wie Kristin Hayter, besser bekannt als LINGUA IGNOTA, in der extremen Musik umso notwendiger. CALIGULA ist streng genommen kein Metal-Album, eher eine Art Industrial-Darkwave-Oper, und liegt näher an Pharmakon als an Bolt Thrower. Aber wahrscheinlich gab es im Jahr 2019 keine erschütterndere Hörerfahrung. Eine ausladende und anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der menschlichen Verdorbenheit, mit Missbrauch und Gewalt. CALIGULA kontrastiert seine qualvollsten Extreme mit Schönheit und Anmut und zieht dann den Teppich mit feuergeifernden Schreien und zermürbenden Momenten entstellender Verzerrung unter den Füßen weg.
Auf ihrem sintflutartigen zweiten Album kreiert Kristin Hayter ein mörderisches Amalgam aus Oper, Metal und Lärm, das ihre klassische Gesangsausbildung wie ein Trojanisches Pferd gegen Misogynie und Voyeurismus einsetzt und diese auf die Grundfeste niederbrennt. Von Anfang bis Ende fühlt sich CALIGULA wie eine freiliegende, frisch aufgezupfte und auf Band gebrachte Wunde an. Es ist ein Album von barocker Extravaganz und gotischer Intensität, anhaltend wie ein langer kathartischer Schrei; eine eindringliche Platte, die aufgrund ihrer rohen Körperlichkeit fast unerträglich ist.
So geht es auf CALIGULA nicht gerade darum, Traumata zu heilen, sondern deren dauerhafte Auswirkungen zu verbalisieren. In BUTCHER OF THE WORLD überwältigt eine Symphonie aus Industrial-Lärm – Henry Purcells Music for the Funeral of Queen Mary aufgreifend, das auch als Eröffnungsthema von Stanley Kubricks A Clockwork Orange Verwendung fand – und Hayters gespenstigsten Schreien die rezeptiven Organe. Mit verzerrtem Wehklagen wünscht sie: „May your days be few / May another steal / Steal what you stole.” Auf CALIGULAS letzten Metern zitiert Hayter den Dichter Frank O’Hara – „All I want is boundless love.” – nur um dessen Flehen durch ihr eigenes Schicksal auszuhebeln: „All I know is violence.“ Ein brutales, der Platte angemessenes Ende, das mit dem Wissen entlässt, das CALIGULA, wenn es zu anstrengend ist, ganz einfach zu realistisch ist.

08.
Jessica Pratt

Quiet Signs

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Es ist schwer zu definieren, was genau den unschuldigen, fast schon kindlich-naiven Zauber von Quiet Signs ausmacht. Einem Folkkleinod, auf dem die Stille vielleicht sogar mehr Raum einnimmt, als das zurückgenommene Gitarrenspiel und die polarisierende Heliumstimme von Jessica Pratt, die hier erstmals in einem professionellen Studio aufgenommen hat, aber noch nie derart intim und nahbar geklungen hat. Wahrscheinlich ist es auch diese Distanzlosigkeit, die Quiet Signs gerade im Kontext der heutigen, so hektischen und schnelllebigen Zeit zu einem wohltuend-entschleunigten Ruhepol werden lässt, an dem msn durchatmet und in seinem eigenen Kontinuum existierend undatierbar durch den Äther schwebt – der wie die Erinnerung einer kontemplativen Liaison mit Pink Moon-Anmutet.
Diese durch und durch angenehme Platte erblüht in ihrer unspektakulären Subtilität, als wäre sie seit jeher da, sie könnte ein Klassiker sein, von denen man sich nur hinter vorgehaltener Hand heimlich erzählt, um nur ja keine große Sache aus ihr zu machen und die Fragilität der Existenz nicht zu stören, nur um im Morgengrauen unsicher zu sein, ob nicht alles nur ein Traum war.
Nein, in dieser Verortung lässt es sich wahrlich nicht leicht definieren, was den Zauber von Quiet Signs ausmacht. Aber vielleicht ist es gerade Teil dieser seltsam verblassend-nachhallenden Faszination, dass vom ersten zarten Kontakt an klar ist, das man mit flüchtiger Beiläufigkeit alle Zeit der Welt diesem Geheimnis, dieser Liebeserklärung an die Stille und körperlose Einsamkeit, widmen wird. Obwohl – oder gerade weil –  man es wohl nie ergründen wird.

07.
Deathspell Omega

The Furnaces of Palingenesia

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Während anonym inszenierte Bands wie Mgła zu Szene-Phänomenen oder sogar Genre-Stars gewachsen sind, und die aus dem Black Metal entfliehende theatralische Mystifizierung durch Kutten, Maskierungen und Kriegsbemalung über Sleep Token zudem längst (wieder einmal) auch im mainstreamkompatiblen Pop angekommen ist, schalten auch Deathspell Omega dieser Tage gewissermaßen in den Entertainment-Modus.
Im Zuge von The Furnaces of Palingenesia erschien schließlich nicht nur das erste Musikvideo der Band überhaupt, sondern auch seit gut 15 Jahren wieder ein Interview. Darin sprechen Deathspell Omega überraschend offen über die Themen, Agenden und Motive ihres siebten Studioalbums (dessen Ziel es sei „to shatter a myth that’s so central to stability both on an individual and civilisational level: the impervious necessity to believe that what we do is just, that we are just, that good and evil in intent and deed are as distinct as night and day“), bringen The Kindly Ones und 1984 in Perspektive und verweisen auf Furtwängler, Penderecki oder Bruckner und natürlich immer wieder Nietzsche und Georges Bataille als wichtigste Impulsgeber ihres mitunter auch arg prätentiösen philosophischen Überbaues – bevor popkulturelle Reminiszenzen an Coltrane oder Cave fallen gelassen werden. „Zwei Minuten vor Mitternacht auf der Doomsday Clock“ diktieren Hasjarl und Khaos damit auch ihr Ungemach gegen linke wie rechte politische Extreme – adressieren aber (ohne abseits der Beteiligung des Mütterlein-Duos Christophe Chavanon, Marion Leclercq Namen zu nennen) auch relativ direkt, dass die Beteiligung von Mikko Aspa für Spannungen innerhalb der Zirkel der involvierten Musiker sorgt – aus denen Deathspell Omega wiederum eine radikale Vermeidung der Harmlosigkeit des Zeitgeistes provozieren wollen. Insofern wird weiterhin jeder für sich gezwungen seine Fronten zu ziehen, während man sich über all diese Konzepte und Hintergründe den Kopf zerbrechen kann.
The Furnaces of Palingenesia selbst ist derweil musikalisch die instinktive Entsprechung dieser neuen Direktheit geworden, predigt entpersonifiziert im Plural seine dissonanten Extreme griffiger, eingängiger, kompakter und zugänglicher – einen unmittelbareren Unterhaltungswert haben Deathspell Omega jedenfalls noch nicht im hirnwütigen Vermengen atonaler Rifffiguren und rhythmisch berserkernder Konstruktionen gezeigt. Dazu klingt die Band nach dem Umstieg auf eine live im Studio mit analogem Equipment eingespielten Produktion besser denn je. Näher dran an den Franzosen war man aufgrund dieser ganzheitlich-organischen Nahbarkeit noch nie – einfacher wird die Sache dadurch aber eigentlich auch nicht.

06.
Cult of Luna

A Dawn to Fear

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Post-Metal war schon immer eine der maskulinsten Musikrichtungen. Ein Genre, das sich selbst bierernst nimmt, voll von bierernsten, bärtigen Männern, die bierernst tonnenschwere Riffs und erdbebenartige Trommelschläge austeilen. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum im Jahr 2016 Mariner so auffiel. Mit Julie Christmas fügten Cult of Luna, ihres Zeichens mittlerweile einsame Platzhirsche des Genres, dem Post-Metal eine selten gehörte Weiblichkeit hinzu. Ein Karrierehöhepunkt, der einer Band, deren Formsprache durch ihre dichten, stumpfen Texturen etwas in die Breite gegangen ist, neue, scharfe Kanten verpasst hat.
Auch die (quasi Solo-)Rückkehr von Cult of Luna im Jahr 2019 streckt ihre Fühler aus, und das nicht gänzlich nur in neue Richtungen. Dabei sind beinahe 80 Minuten an neuem Material auf A Dawn to Fear ein monumentales Aufgebot, und obwohl sich oberflächlich nicht dramatisch viel verändert hat, wird dem neuen Material damit ein grenzenlos scheinender Entfaltungsraum zur Verfügung gestellt, der auch genutzt wird, um komplexere Ideen als bis dato aufzugreifen und sie in vollem Umfang erforschen. Cult of Lunas Stärken werden voll ausgespielt, Ideen werden komplett ausgearbeitet und an den hypnotische Riffs wird jede erdenkliche Variation ausgearbeitet, bis sie völlig ausgeblutet sind. So nutzt man sinnvoll Zeit und macht Mammutprojekte wie dieses nicht zur völligen Fleißaufgabe.
Und Spaß macht das Ganze auch noch: A Dawn to Fear ist eine unterhaltsame, treibende Metal-Platte, deren labyrinthische flotteren Passagen immer einen roten Ariadnefaden anbieten. Und die Platte fühlt sich edel an, ist stilvoll. Cult of Luna waren immer schon eine geschmackssicher-unberührbare Band, auf A Dawn to Fear klingen sie jedoch besonders distanziert und launisch. Die Produktion ist düster und basslastig, und gerne wird auch die Energie zugunsten erhabenen Posertums etwas zurückgedreht.
Mit ihren letzten drei Alben sind Cult of Luna vollständig aus der zweiten Post-Metal-Reihe getreten und überragen auch längst ihr amerikanisches Gegenstück Neurosis. Und A Dawn to Fear bietet alles, was man von den amtierenden Herrschern des Genres erwarten darf.

05.
Cloud Rat

Pollinator

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Nach 10 Jahren machen Cloud Rat immer noch Musik, die sofort vertraut erscheint. Stellt man ihr selbstbetiteltes Debut von 2010 ihrer wohl besten Arbeit bisher, Pollinator, gegenüber fühlt sich das nicht unähnlich an: Bis heute ist da dieser tuckernde Low-End-Gitarrenmorast, der sich gegen ein rasendes Schlagzeug stemmt und mehr denn je an die Kumpels von Thou erinnert. Oberflächlich ist das definitiv als Grindcore zu bezeichnen. Was Cloud Rat allerdings schon immer beherrscht haben, ist ihre Musik zweckdienlich auszuschmücken. Sie addieren und subtrahieren Elemente, die für ein kohärentes, aussagekräftiges Album benötigt werden. Auf dem vorangegangenen Album, Qlipoth, war da plötzlich ein viertes Mitglied, das für die elektronische Untermalung und eine weitere Dimension ihres Klangkosmos‘ gesorgt hat. Auf Pollinator nun trifft man sich wieder zu dritt in der Mitte, behält einige experimentellen Elemente bei, findet aber wieder zu aggressiveren Wurzeln zurück. (Der schräge Scheiß von anno dazumal ist übrigens immer noch vorhanden, nur eben vollends konzentriert auf der grandiosen EP Do Not Let Me Fall Off a Cliff, was unweigerlich die Frage aufwirft, wie ein komplettes Amalgam der beiden Seiten von Cloud Rat aussehen würde. Definitiv eines Spitzenplatzes würdig jedenfalls.)
Was Cloud Rat jedoch mehr als alles andere zusammenhält, ist Sängerin Madison Marshall. All diese Raserei ohne Fokus wäre sinnlose Ästhetik der Ästhetik willen. Darum bedient sich Madison der Realitäten des Alltags und verstärkt sie durch ihre heulenden Schreie, die man kaum anders als ziemlich Black Metal beschreiben kann, und durchbricht damit die Wand aus Gitarren und Schlagzeug. Vor allem durch ihre Performance befinden sich Cloud Rat quasi ständig im roten Bereich und hangeln sich mit Überschallgeschwindigkeit entlang an gerissenen Saiten und gebrochenen Sticks durch ihre wunderschönen wie bedrohlichen Hymnen, die gerade gegen Ende des Albums geradezu absurd monumental und definitiv anmuten. In Pollinator spiegelt sich ein Wirbelsturm an Einflüssen wider – die bedrohte Schönheit dieser Erde, eine ungewisse Zukunft, die überwältigende Angst vor den täglichen Nachrichten. Es ist sicher nicht einfach, all diese Facetten des Lebens zu einem stimmigen Statement zusammenzufassen – Cloud Rat haben darüber hinaus auch einen Aufruf zum Handeln und eine Blüte der Kreativität im Sumpf des extremen Metal geschaffen.

04.
Culk

Culk

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Dunkel, verführerisch, elegant, abgründig und mystisch: Das Wiener Quartett Culk hat sich bereits 2019 früh mit einem durch und durch großstädtischen Album um den Titel für die stimmungsvollste Platte des Jahres beworben. Culk spannt sich als unwirklicher Rausch mit latentem 80er-Flair über Shoegaze und Postpunk, legt Dreampop als laszives Delirium und Ethereal Wave als unwirkliche Seance aus. Ein bisschen so, als hätten Sonic Youth und Preoccupations einem Film von David Lynch eine Handvoll Ohrwürmer spendiert. Das passt als Soundtrack zum kleinkarierten Graz genauso gut wie – wenn das an dieser Stelle aus eigener Erfahrung festgehalten werden darf – zum überwältigenden Tokyo.
Culk exakt zu verorten gestaltet sich trotz markanter Referenzen letztendlich schwieriger, als es der Sound eigentlich diktieren würde. Immerhin verankert die stets so düster flanierende Platte ihre Kontraste eher subversiv in Gegensätzen. Culk agieren mit grummelnden Bässen, punktgenauem Schlagzeug, verwaschenen Gitarren und beklemmend-nebulös funkelnden Synthies, so schwermütig wie unruhig, so melancholisch wie fiebrig. Man lässt sich treiben, ohne jemals ziellos zu wirken, taucht in ein klaustrophobisches Kammerspiel aus brodelnder, befreiender Leidenschaft – bietet gewissermaßen Sünde, Beichte und Abbitte im Komplettpaket an. Zeremonienmeisterin Sofie Löw versteht man dabei nicht immer, sie nuschelt und nölt, zieht die Silben elaboriert in die Länge phrasierend, meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch, immer eigenwillig und charismatisch fesselnd – ein hypnotischer, unbequemer Sirenengesang, den man selbst unter Dutzenden an sich ähnlich klingenden Bands identifizieren könnte.
So ästhetisch das schleierhafte, niemals wirklich greifbare Wesen der Platte damit auch wächst, man in der weich-abgründigen Atmosphäre förmlich schwerelos ersäuft und getragen wird, so stark ist das Songwriting, auf das Culk all die Klangmalerei überhaupt erst bauen. Da sorgt Begierde/Scham mit seinen militärisch pulsierenden Drums zackig für Spannung und lässt sie mit scharfkantig-schimmernden Joy Division-Reverb von dystopischer Schönheit von der Leine; ein Faust bratzt munter dröhnend wie domestizierter Noiserock vor der Hütte des Schamanen. Das absolut wunderbare Chains of Sea flaniert schwermütig traurig und überwältigt spätestens, wenn das Riff bis in den wuchtigen Stoner-Keller hinabsteigt, bevor Vollendung einer elegischen Nostalgie folgt und schließlich in heulender Sehnsucht zu verglühen droht. Die entfachte Sucht nach Culk ist nach dieser zutiefst homogenen, in sich geschlossenen halben Stunde erst mal keinesfalls gestillt. Und der formvollendet zirkulierende, wie aus einem Guss fließende Mahlstrom im abschließenden Velvet Morning scheint im Rückspiegel eher wie ein Prolog zu kommenden Glanztaten (wie das eindringliche Ruinen im September eindrucksvoll bestätigt hat). Die man angesichts eines solchen Gesamtkunstwerks freilich nur zu sehnsüchtig erwarten darf.

03.
Ioanna Gika

Thalassa

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Kaum überraschend, dass Thalassa auf Griechisch „Meer“ bedeutet (nicht nur aufgrund des scheinbaren roten Fadens, der sich subtil aber doch durch diese Liste zieht). Das Meer, das die Heimat ihrer Eltern umgibt, hat Ioanna Gika nach einer schweren Trennung zu einem Wendepunkt in ihrem Leben inspiriert, was der tiefgehende, ausladende Klang von Thalassa, ihrem Debutalbum nach einigen Kollaborationen in der Vergangenheit, nicht nur textlich, sondern auch musikalisch beeindruckend zur Schau stellt. Nur: Viele Künstler bringen eine ganze Karriere hinter sich, bevor sie gezeichnet von Alter und Erschöpfung zu ihren Wurzeln zurückkehren. Im Fall von Ioanna Gika sind es ihre Wurzeln, die sie dazu gebracht haben, dieses Album als Ausgangspunkt für einen ebenso einschüchternden wie befreienden Neuanfang zu schaffen. Herausgekommen ist dabei ein Ambient-Pop-Wunder; ein Album, das sich anfühlt, als würde man in einer sternenlosen Nacht in der riesigen Dunkelheit des Ozeans schweben.
Thalassa ist ein 35-minütiger Klagegesang über Verlust und nie wiederkehrendes. Und wie das mit Klagegesängen ist, wohnt dem Ganzen eine beinahe unbeschreibliche Schönheit inne. Die Arrangements balancieren neoklassische Grandesse mit Synthie-Pop-Direktheit, haben aber vor allem keine Angst vor Eklektizismus und (relativen) Misstönen: Würden Portishead immer noch Musik machen, wäre das robuste, beinahe irritierend wirkende Ammonite vielleicht genau die Richtung, die sie eingeschlagen hätten. Harte Elektrobeats, schwerer Bass und Streicher werden mit Ioannas derartig veränderter Stimme verschmolzen, dass man es dabei eigentlich auch mit Beth Gibbons zu tun haben könnte.
Thalassa ist auf der 2019 hart umkämpften Pop-Bühne eine bahnbrechend innovative Leistung, die es verdient hätte, aus der nächtlichen Heavy Rotation überhaupt nicht mehr zu verschwinden. Ioanna Gika triumphiert über den Verlust mit einem überwältigenden und umwerfenden Debüt, das noch lange nach dem Ende dieses atemberaubenden Albums nachklingt.

02.
Esoteric

A Pyrrhic Existence

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Metal mit übermäßig ausgedehnter Spielzeit kann oft herausfordernd zu quantifizieren sein und gerade Funeral Doom, mit seiner einladenden Ästhetik und seinem abturnenden Zeitaufwand, ist da eine der abschreckendsten Bastionen des Extrem-Metals. Und selbst, wenn man sich darauf einlässt: Es ist einfach, mit langsamen Tempo und wohlklingenden Akkorden Gravitas zu implizieren, bei der Stange halten kann das aber nur in den wenigsten Fällen. Und meistens stand auf diesen „Esoteric“ geschrieben. A Pyrrhic Existence ist wieder so ein erschlagendes Erlebnis in Spielfilmlänge, dessen erster Track schon knapp achtundzwanzig Minuten einnimmt. Und Descent (nomen est omen) als Opener ist dann auch gleich sowas wie die beste eigenständige Metal-EP des Jahres und schlägt jedes Langeweile-Potenzial mit der Leichtigkeit eines Totentanzes nieder. Einen so gewichtigen Track für den Hörer zu etwas Trivialen zu machen ist keine leichte Aufgabe, und so ist von einer scheinbaren Kürze kombiniert mit eindringlicher Qualität zu sprechen sicherlich das größte Lob, das man in diesem unzugänglichen Genre aussprechen kann.
Der völlige Wahnsinn der auf A Pyrhic Existence abgeht (und der niemals in einigen wenigen Zeilen adäquat beschrieben werden könnte) erreicht in Culmination (guter Titel auch wieder) den Höhepunkt, der mit seinen markerschütternden Schreien und Marschrhythmen eine Band auf ihrem Zenit porträtiert, die anstandslos auch außerhalb ihrer Komfortzone perfekt navigieren kann. Das fiese Knurren der Nummer und weiße Rauschen, hinter dem sich die Rhythmussektion von Esoteric plötzlich in Meshuggah verwandelt, beeindruckt auch noch lange nachdem das Album den Plattenteller verlassen hat.
Die vielleicht größte Leistung dieses Opus ist, dass A Pyrrhic Existence ein fordernder Kraftakt ist, aber keine auslaugende Tortur. Jede Sekunde, die man der Platte folgt, zahlt die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, mit absoluter Hingabe zurück. Alle Elemente scheinen perfekt temperiert in der akribischen Architektur dieser sechs Mammutnummern aufzugehen, und doch werfen Esoteric stets die emotionale Leidenschaft vor jedem Kalkül in die Waagschale, wecken nach fast drei Dekaden im Business eine kaum für möglich gehaltene Euphorie, die man einfach mit einem Wort beschreiben kann: Spaß. Anders ist schwer zu umreißen, wie ökonomisch A Pyrrhic Existence mit seiner langen Laufzeit umgeht, wie kein einziger Moment der Platte verschwendet wird. Eine neuzeitliche griechische Tragödie in sechs Teilen, ein theatralisches Meisterwerk an dem sich ausnahmslos alle Genrevertreter in Zukunft messen lassen werden müssen.

01.
Lana Del Rey

Norman Fucking Rockwell!

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Wenn es dem letzten Jahr dieses Jahrzehnts an etwas nicht gemangelt hat, dann an verbindenden Konsens-Platten. An Alben, auf die sich unterschiedlichste Lager einigen können, dem der Mainstream idealerweise ebenso aus den Fingern frisst wie das Indie-Klientel. Und Bestandsaufnahmen von alten oder neuen Liebkindern der Kritiker und Käufer/Streamer gab es eben gleichermassen zuhauf, die den Gelegenheitshörer unverbindlich an die Angel kriegen und dem Feinspitz die darüber hinausgehende Substanz bieten.
Trotzdem sollte es letztendlich keine Überraschungen sein, das sich aus diesem über die vergangenen vier Quartale ziemlich reichhaltig gefüllten Pool kein anderes Album derart in die Position des herausragenden Nonplusultras begibt, wie das keineswegs auf harmloses Sicherheitsdenken fußende (offiziell) siebente Studioalbum der Lana Del Rey – immerhin muß man(n) erst einmal die Eier haben, mit einer knapp zehnminütigen Single aufmerksam zu machen, nur um den Langspieler dann erst am selben Tag zu servieren, an dem alle Welt eigentlich auf das Comeback von Tool fixiert ist.

Man kann Norman Fucking Rockwell! dabei vorwerfenden, dass andere Platten an der Pole Position der Jahrescharts den Charakter und Zeitgeist von 2019 entsprechender repräsentiert hätten. Allerdings nur, weil der hier versammelte Softrock mit seinen vornehmlich psychedelisch angehauchten Pianoballaden über die vergangenen 12 Monate hinausgeht: Man wird über die meisten der versammelten 14 Songs in 20 Jahren wohl immer noch mit einem Leuchten in den Augen sprechen, wenn ein Gutteil der Platte längst unauslöschlich im popkulturellen Unterbewusstsein verankert ist; Wie man andersrum auch vor 50 Jahren bereits über Norman Fucking Rockwell! geschwärmt hätte, sich die 68 Minuten Spielzeit ziemlich sicher in eine Riege zeitloser Klassiker eingereiht hätten, und manch einer das Werk eventuell gar im selben Atemzug mit unsterblichen Evergreens wie Rumours oder anderen freiheitssuchenden Laurel-Canyon-Visionen stellen würde.

Dass Lizzy Grant dabei hinter all den anbetungswürdigen Melodien eine überweltlich im Äther schwebende Kunstfigur bleibt, spielt keine negative Rolle. Weniger, weil die 34-jährige New Yorkerin mit der niemals hoch genug eingestuften Hilfe von Produzenten-Genie Jack Antonoff allen Ballast ihres jedes Mal neu variierten Trademark-Sounds über Bord geworfen und so nah wie nie zuvor in ihren Sepia-Melodramen an sich heranrücken lässt. Sondern weil sie in ihrer Rolle in Norman Fucking Rockwell! eine universelle Ebene bedient, ihr Charakter als Projektionsfläche in der Nostalgie, der Sehnsucht, der Melancholie und all den anderen Schlagwörtern, ohne die kein Text über Lana existieren darf, so ideal(er) funktioniert. Ein bisschen wie die pseudo-historischen Korrektur-Fantasien eines Quentin Tarantino, imaginativ und bildgewaltig, genüsslich und genugtuend.
Was hier Fiktion und was Realität ist bleibt insofern nicht nur verdientermaßen offen, sondern irrelevant, indem man sich Norman Fucking Rockwell! wie einem verführerischen Traum hingeben will, der so nahe an der Perfektion agiert, weil nahezu jede Szene, jede Einstellung, jedes Motiv emotional packt, kein Element Kalkül erzeugt, sondern sets eine detailiert konstruierte Authentizität wärmt – und dabei eine eklektische Magie beschwört, die ihren Geist aus der Vergangenheit bezieht, aber ohne jedes Verfallsdatum betört.
Norman Fucking Rockwell! kann es sich deswegen leisten nicht so fordernd zu sein wie andere Platten in dieser Liste, nicht so erschütternd oder kompliziert, generell so gar nicht schwierig. Kein anderes Werk 2019 entlohnt aber schon für ein kleines bisschen Entgegenkommen mit einem solch reichhaltigen, generationsübergreifenden Schatz an Trost und Zuneigung, ist eine so abgrundtiefe Hals-über-Kopf-Romanze, die das Momentum immer weiter ausdehnt. Das (Konsens-)Album des Jahres mag trotz alledem sicher nicht makellos sein, keinesfalls – es ist aber eines, das ein gutes Stück weit für die Ewigkeit gemacht ist.

Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

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