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Die Alben des Jahres 2020: 20 – 11

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

20. Culk – Zerstreuen über Euch

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Wir geben und wir vergeben/ Wir machen und wir vermachen/ Wir streben und wir verstreben/ Wir warten, wir erwarten/ …/ Wir gleichen, wir vergleichen/ Wir gleiten, wir entgleiten“. Die (ästhetisch wie haltungstechnisch, im Grunde ohnedies in jederlei Hinsicht) eindeutig positionierte Band Culk stellt eingangs, im sphärisch-sakral pulsierend den Weg vorgebenden Leuchten und Erleuchten, nur augenscheinlich kontrastierte Blickwinkel und auch irgendwo linguistisch analytisches Zwielicht gegenüber.
Tatsächlich ist schon hier alles im mutierenden Fluß, im hypnotischen und hypnotisierenden Ineinandergreifen einer unmissverständlichen Platte, der schon bald unverblümt „bösen Miene zum bösen Spiel“, die dort den Hebel ansetzt, wo man beim selbstbetitelten Debüt 2019 noch Optimierungspotential sah: Zerstreuen über Euch inszeniert den – was man so in der heutigen Zeit nach gerade einmal einem Langspieler auf dem Konto gar nicht hoch genug bewerten kann! – bereits jetzt so absolut unverwechselbaren Sound der Eklektiker um die Präsenz von Sophie Löw als absolut ganzheitliche Homogenität in einem übergeordneten, in sich geschlossenen Spannungsbogen. Was nicht erst bei Ruinen überdeutlich wird, wenn die einst auf sich gestellte Single nun voll und ganz dem Albumkontext dienend in somnambule Trance verfallen ist, ruhiger – und sicher auch unspektakulärer, weniger dringlich – geworden ist, aber eben als pures Sinnbild der Entwicklung einer vollkommen bei sich selbst angekommenden Band steht, die (wohl auch unter Mithilfe von Produzent Wolfgang Möstl) immer noch nach außen schielende Assoziationen zulässt, aber spätestens jetzt unbedingten Referenzwert besitzt.

19. Primitive Man – Immersion

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Dass Primitive Man auf ihrem dritten Studioalbum so kompakt wie nie zuvor agieren, hat nichts damit zu tun, dass die Bandmitglieder mit ihren Nebenprojekten Many Blessings und natürlich viel mehr noch dem Allstar-Hype Black Curse beschäftigt waren. Oder damit, dass nicht genug Material verfügbar gewesen wäre – der Compilation-Beitrag Tired hätte subjektiv sogar einen idealen Opener für Immersion abgegeben, ohne die grundlegende Intention der Platte zu sabotieren.
Viel mehr sind die nur 36 Minuten der Platte eine offensichtliche Reaktion auf den überlangen, unerbittlich auslaufenden Vorgänger Caustic von 2017 – und wohl auch ein Statement jenen Stimmen gegenüber, die Primitive Man anhand dieses Zweitwerks vorwarfen, ihre plättende Wirkung primär aus der Masse ihrer nihilistischen Songmonolithen zu ziehen. All jenen beweist Immersion, dass das Trio kein ganzes Meer benötigt, sondern fähig ist, seine Hörer auch in relativ geschehen Regenpfützen zu ersäufen. Denn nicht Quantität, sondern alleine Qualität ist der Maßstab des Trios.
Oder wie Thou-Gitarrist Andy Gibbs mit dem angebrachten Understatement nicht ganz unrichtig feststellt: „The arms race is over. Primitive Man has won. They’re heavier than your band. I don’t care how much money you spend on amps this year, you won’t be heavier. Yes I’ve heard that Burning Witch record or whatever other record you’re thinking of right now. We all had a good time competing but it’s over now.

18. Doves – The Universal Want

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Vor dem Hintergrund, dass ein Album wie The Last Broadcast wohl nur einmal im Leben gelingen kann; dass die tollen Alben Some Cities und Kingdom of Rust die Briten auch ein wenig in eine Sackgasse manövriert hatten; und das sich seitdem über die Reunion 2018 stilistisch wenig bei den Briten geändert hat; ja vor diesem Hintergrund legt The Universal Want zu knapp zwei Drittel seiner Spielzeit ein nahezu perfektes Comeback hin.
Auch nach dem Sting-beschwingten Mother Silver Lake leisten sich Jimi Goodwin und die Williams-Brüder keine Ausfälle, vor allem nicht in der formvollendeten Architektur ihrer Soundästhetik. Aber wer eine Platte mit einem der erhabensten Songs des Jahres beginnt – wie unfassbar gut ist Carousels bite? Immer wieder! – und das Level danach konstant hält, der legt sich eben auch selbst die Latte hoch.
Wenn man so will ist das dann auch die Crux der ersten Doves-Platte seit elf Jahren: Diese drei Geistesverwandten aus Manchester waren in dieser Konstellation in ihren überragendsten Momenten immer schon magisch – und The Universal Want hat praktisch keine Probleme, sich quasi aus dem Stand heraus wieder an dieser Erwartungshaltung zu messen.

17. Algiers – There is No Year

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Nicht zu jeder Band passt die Produktion und Soundvision von Randall Dunn und Ben Greenberg. Doch für das Drittwerk von Franklin Fisher und seiner Band sind gerade sie der Katalysator, der den Stärken von Algiers den postindustriellen, dunklen Kick gibt, um das politische Postulat der Amerikaner erstmals gemäß des vorhandenen Potentials zu übersetzen.
Das stilistische Amalgam widersteht – mitunter im Gegensatz zu dem selbstbetitelten Debüt (2015) und The Underside of Power (2017) – dem Drang, einem bisher oft zu einfach gestalteten Entertainment-Faktor transportieren zu müssen. Oft wird die generelle Gangart markant gedrosselt und die Eingängigkeit dunkel zum Industrial-Soul brodelnd subversiver gestaltet. Postapokalyptisch pulsierend wird There Is No Year vor allem aber auch so ganzheitlich geformt, dass selbst eine Aushängesingle wie Dispossession mehr als alles andere ein Mosaikteil des übergeordnete Konzeptwerks darstellt.
Das bedeutet, dass Algiers sicher schon größere Einzel-Hits hatten – nie aber bessere Songs, nie eine eindringlichste Stimmung am Stück, nie ein nachhaltigeres, mehr als die Summe seiner Teile ergebendes Ganzes.

16. Fiona Apple – Fetch the Bolt Cutters

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Viel digitale Tinte wurde verschüttet, die Fiona Apples fünftes Album als perfekt getimte „Lockdown-LP“ bezeichnete. Und natürlich liegt die Parallele nahe, wenn eine Künstlerin, die sich fast völlig vor jeder Öffentlichkeit zurückgezogen hat, ins Rampenlicht tritt, um ihr erstes Album seit acht Jahren abzuliefern, vollgestopft mit frenetischen Energieausbrüchen, jedes Arrangement wie ein zu hart geworfener Tennisball von einer Wand zur anderen hüpfend. Aber ebenso oberflächlich ist diese Betrachtung auch.
Apples Fetch the Bolt Cutters ist mehr als nur Hintergrundmusik für den persönlichen Quarantäne-Blues; es ist ein bissiges und unnachgiebiges Jüngstes Gericht für die heuchlerisch unzulängliche Welt um uns, der Klang eines Befreiungsversuchs aus dem mentalen Gefängnis des Opferdaseins und eine Hausgeburt drängender, unkonventioneller Klänge in einem. Mit klappernden Töpfen, klatschenden Händen und bellenden Hunden kehrt Fiona Apple mit ihrem bisher herausforderndsten, rohesten und intimsten Hörerlebnis zurück. Die Songs sind häufig zusammengestückelt aus Ideen von Jazz, Blues, Hip Hop und einem Dutzend anderer Quellen, passend dazu zwitschert, brüllt und schwätzt Apple je nach Stimmungslage. Manchmal ist der Ritt anstrengender, aber immer ist Fetch The Bolt Cutters – zumindest auf der Metaebene – eine Platte, die anders ist als alle anderen, die dieses Jahr geprägt haben. Und nicht umgekehrt.

15. Oranssi Pazuzu – Mestarin kynsi

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Während die Waste of Space Orchestra-Kumpanen Dark Buddha Rising trotz einer aktuell ebenfalls bestechenden Form etwas undankbar aus dem allgemeinen Interesse der Roadburn-Kundschaft verschwunden sind, haben Oranssi Pazuzu derweil mit Luxusproblemen zu kämpfen: Das vielleicht größte Problem von Mestarin kynsi ist doch tatsächlich, dass das Livestream-Event zur Platte und einhergehend ausgefallenen Tour wahrhaftig noch besser ist, als das Album selbst schon.
Sicherlich tut die trippige Optik der Show in ihrer hypnotischen Bannkraft das ihre, um die kosmischen Eindrücke dieser Ausnahmeband zu verstärken, doch wenn die Finnen ihre Black Metal-Wurzeln kantiger, rauer und aggressiver in den Songs positionieren, aber gleichzeitig die psychedelisch weit, weit hinausreichende Imaginationskraft einer stilistisch unbändigen Reise noch gelöster und ganzheitlicher umsetzen, dann ist das nichts anderes als Optimierungsarbeit nahe der Perfektion.
Oder anders: Unter all den verzweifelten bis gelungenen Streaming-Events, die sich relativ reizlos als Alternative zu einem nahezu konzertfreien Jahr etabliert haben, ist jenes von Oranssi Pazuzu das mutmaßlich essentiellste. Dagegen ist Mestarin kynsi, das Album, eben nur eine Sammlung von acht herausragenden Expeditionen über die Grenzen dessen hinaus, was im Metal möglich scheint – beeindruckend, beispiellos und bewusstseinserweiternd.

14. Atramentus – Stygian

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Eine Herbst- und eine Winterseite, dazwischen eine atmosphärische Ambient-Brücke. Der Untergang des Wächters von Atros Kairn, auf seiner zweijährigen Reise hinauf auf den Berg Atra Eas, um ein Schwert zu finden, das ihm Unsterblichkeit verleiht. Die Katastrophen, deren Zeuge er im ersten Teil der Erzählung wird und deren Folgen er zu ertragen versucht, indem er sich im zweiten Teil in Jahrhunderte dauernde Albträume rettet, bevor er im zweiten Teil hoffnungslos und in völliger Einsamkeit durch eine untergegangene, gestorbene Welt wandert.
Das ist im wesentlichen die konzeptuelle Geschichte, auf der Stygian begründet ist, in die man durch Artwork und Text der physischen Tonträger noch weiter eintauchen kann.
In Unkenntnis dieser narrativen Ebene funktioniert das 2012 geschriebene, aber erst 2018 aufgenommene – und in der Zwischenzeit seine Bandmitglieder aufsammelnde – Erstlingswerk von Atramentus jedoch mindestens ebenso fesselnd und anziehend. Die Sogwirkung und Stimmung dieser 45 Minütigen Odyssee sind schließlich auch für sich selbst stehend absolut überwältigend; die Gesangsleistung von Mastermind Phil Tougas außermenschlich; der instrumentale Detailreichtum und das klanglich vielschichtige Spektrum eines niemals nach einem Debüt klingenden, fantastisch ausproduzierten Werkes beeindruckend; vor allem aber auch das so befriedigende Finale so derart berauschend, dass man sich Stygian als Klassenbesten seiner Funeral Doom-Art in diesem Jahr auch ohne Vorwissen blind vertrauend und folgend hingeben will.

13. Protomartyr – Ultimate Success Today

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Das zehnjährige Jubiläum des Protomartyr-Debüts hat Sänger Joe Casey in einen Midlife-Crisis gestürzt, die ihn schon vor COVID-19 mit einer kranken Welt hadern ließ: „Listening to No Passion All Technique again, I could hear myself hoping for an introduction and a long future, but also being cognizant that it could be ‚one and done‘ for us. So, when it came time to write Ultimate Success Today, I was reminded of that first urgency and how it was an inverse of my current grapple with how terribly ill I’ve been feeling lately. Was that sick feeling colouring how I felt about the state of the world or was it the other way around?
Im Wissen, dass ihr Frontmann hier nicht notwendigerweise eine Entweder-Oder-Frage stellt, hat das Trio hinter Casey seine Sturm-und-Drang-Charakteristiken gedrosselt, aufgeräumt, eingeladen. Man zog vor den Sessions als Gruppe zusammen und kurierte sich im Verbund mit Diäten aus. Greg Ahee schmiss dem gegenüber jedoch auch seine Effektpedale und Keyboarde aus dem Raum, trieb den kooperativen Aspekt im Songwriting dafür voran und holte neben Produzent David Tolomei auch Nandi Rose Plunkett als Gastsängerin, Alto-Saxophonist Jemeel Moondoc, Cellist Fred Lonberg-Holm sowie den allgegenwärtigen Klarinettenspieler Izaak Mills an Bord, um das bisher ruhigste, subversivste und jazzigste Album der Band aufzunehmen. Vom Post Punk der Frühphase blieb da nur noch wenig, aber sollen sich andere darum (mal besser, mal schlechter) kümmern – Protomartyr sind über sich selbst hinausgewachsen, vielleicht sogar geheilt. Zwar ist ohnedies nicht davon auszugehen, dass es wahrhaftig dazu kommt, doch sollte Ultimate Success Today also wirklich das Final Statement der Detroiter geworden, es wäre eines mit Ansage.

12. O’Brother – You and I

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O’Brother haben mit dem weitestgehend ruhigen und entschleunigten, elektronisch unterspülten und ambient-sphärisch aufgewogenen, letztendlich Assoziationen von Radiohead bis A Whisper in the Noise zulassenden You and I mit ihren Manchester Orchestra-Kumpels nicht das Album aufgenommen, mit dem man insgeheim gerechnet hatte – aber definitiv exakt jenes, das seit der plötzlich geschehenden (via Bandcamp wahlweise auch verschenkten) Veröffentlichung am 1. Mai nicht mehr wegzudenken war.
Sei es, wegen des so ergreifend-erhebenden Hymnen-Refrains in Soma; dem Hit-Potential der nicht und nicht mehr loslassen wollenden Single Halogen Eye, die Simon Neil in einem besseren Licht ausleuchtet, als die letzten beiden regulären Studioplatten von Biffy Clyro es tun; oder dem überragenden Geniestreich Killing Spree, dessen Hingabe so körperlos gehaucht wie eine gespenstisch über dem linearen Zeitfluss liegende Liebeserklärung verhallt. Mag You and I so auch viele Highlights haben, ist das vierte Album von O’Brother – übrigens das zweitbeste nach Garden Window – jedoch vor allem auch mehr als die Summe seiner Teile, ein das Unterbewusstsein umarmendes, die Nebensächlichkeit mit Ecken und Kanten umgehendes Ganzes, in dem man sich im Wahnsinn des Wohlklangs verlieren kann: „Drink my madness if you want to drown/ Swallowed by fury and sound“ heißt es einmal – und selten (gerade heuer) klang Wut so dermaßen wie das versöhnlichste Trostpflaster der Welt.

11. Ulcerate – Stare Into Death And Be Still

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Macht es Sinn, bei einem (seinem perfekt gewählten Titel folgend eigentlich) sprachlos machenden Monolithen wie Stare Into Death And Be Still darauf zu beharren, dass es sich hierbei um das bisher zugänglichste Werk einer seit über einem Jahrzehnt die Standards im technischen Death mitbestimmenden Band handelt, wenn das Endergebnis auch nach Monaten immer noch einem enigmatischen Labyrinth gleicht, aus dem es kein Entkommen gibt – weil man einfach gar nicht daraus entkommen will.
Die Wirkung des sechsten Studioalbums der Neuseeländer ist jedenfalls eine interessante: Wo die sechs Songs alleine deswegen so typisch Ulcerate sind, weil vieles vom jenseits des verinnerlichten Gorguts-Vermächtnis operierenden Materials hier unmittelbar wieder synonym mit weiten Teilen des geprägten Genre-Tons ist, wirft Stare Into Death And Be Still so viele sich paradox catchy aus den Gehörgängen windende Hooks und Riffs, ja gar Melodien und produktionstechnische Einladungen, aus, deren Unerreichbarkeit eine süchtig machende Sogwirkung entfaltet – die sich, sollte man bisher nicht von diesem Ausnahme-Trio angefixt gewesen sein, rückwirkend sogar über die gesamte Diskografie ausbreitet. Also ja: Dieses hochkomplexe, vertrackte und überforderte schwarze Loch mag den Rezipienten zum Sisyphos machen, ist aber tatsächlich ein so auslaufendes wie unersättlich machendes Gateway-Album.

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