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Die Alben des Jahres 2020: 40 – 31

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

40. Sightless Pit – Grave of a Dog

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All den Schmankerl, die LINGUA IGNOTA  im Laufe der vergangenen Monate via Bandcamp losgelassen hat, war – von der Archivsichtung zu Coveraufnahmen alter Klassiker – gemein, dass sie der Karriere der Kristin Hayter mittels einer rückwärts gerichteten Perspektive eine Momentaufnahme bescherten.
Den Blick nach vorne hatte die unorthodoxe Musikerin aber eben auch schon davor erledigt – im Kontext der Szene-Supergroup Sightless Pit mit Dylan Walker von Full Of Hell (der ja 2020 abseits diverser Nebenbaustellen seiner Stammband auf ein knappes halbes Dutzend an Feature-Auftritten kam) und Lee Buford (für den es bei The Body abseits einer Liveplatte, einer Split sowie einer EP ja relativ ruhig war) als kongeniale Partner.
Dass sich die Parteien des Trios weniger als kreative Reibungspunkte, denn als Einheit mit einer dunklen Death Industrial-Synergie präsentierten, das mit neoklassizistischen Zügen und elektronischen Ambient hantierte, sorgte für ein Debüt, dessen einzige Schwäche – es klingt genau so, wie es zu erwarten war – auch seine große Stärke ist: Wenn die Vorzüge aller Beteiligten hier wie unter einer Brennlinse positioniert gegenseitig potenzierend ineinandergreifen, kennt die Eindringlichkeit von Sighless Pit kaum Grenzen, kaum mehr Raum zum Atmen, kaum mehr Luft nach oben. Tun sie das nicht, ist das Konglomerat nur die Visitenkarte eines Triumvirates, die der Reputation seiner Protagonisten mit einer homogenen Rahmenhandlung alle Ehre macht.

39. MSW – Obliviosus

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Nachdem der Opener O Brother sich noch etwas unrund aus den Fängen von Hell abnabelt (und als rein instrumental gehaltener Song eventuell besser funktioniert hätte), gelingt Oblivious stilistisch schon auch, wo Stygian Bought zwischen Bell Witch‘scher Grandiosität und Aerial Ruin‘esk mäandernden Leerlauf scheiterte – mindestens. Immerhin ist die Symbiose von Folk und Doom nur eine der vielen Facetten von MSWs offiziellen Solodebüt, das sich in seinem Verlauf neoklassizistische Schönheit im Klavier- und Violinen-Traum ebenso einverleibt wie die Majestät des Postrock, Sludge-Elemente und die Geduld des Drone Metal, um all dies in einem bedrückenden Schlund der rohen Melancholie zu verschließen.
Mehr noch als die inhaltlich zutiefst persönliche Ebene der Platte ist es dann auch die dabei freigesetzte Kraft des Songwritings, die den Eindruck, dass Oblivious eine homogene Tetralogie darstellen würde, zu einer ganzheitlichen Katharsis verschmilzt und trotz all der naheliegenden Assoziationen ähnlich arbeitender Bands nicht über seine Referenzen definiert.

38. Las Historias – Las Historias

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Das Sex – oder vielmehr die primitiv-sleazy Artwork-Ergüsse eines Gabriel Ravera – sellt, davon weiß man hier ein Klagelied auf die Geldbörse zu singen. Nicht selten steckt hinter der vergilbt schillernden Fassade auch nur nicht mehr als grundsolide ranziger Stoner-Doom, gelegentlich stößt man aber bei den Entdeckungsreisen in den (meist) südamerikanischen Raum doch noch auf ein Meth-Juwel.
Und neben den altbekannten Wiederveröffentlichungen von Mephistofeles strahlte das 2020 tatsächlich hinter dem wohl oder übel aufsehenerregendsten Cover des Jahres: Las Historias aus Córdoba orientieren sich auf ihrem selbstbetiteltem Album hauptsächlich an vertrauten Klängen der Psychedelic-Rock-Welle der späten 60er Jahre und lassen im Verlauf ihres Debuts mehr und mehr Einflüsse der zeitgenössischen Retro-Rock-/Heavy-Psych-Szenen (Überraschung!) einfließen – es führen am Ende halt doch alle Wege zu Dopethrone, nur dieses Jahr eben kaum geiler als über Mayhem and Sex. Bis dorthin ist Las Historias ein unheimlich selbstbewusst klingendes Debut, das den notwendigen Sound für das Genre aus dem Stand punktgenau auf den Kopf getroffen hat und beinahe schon als Schaustück was smoothe Abgeklärtheit betrifft herhalten kann.

37. Colter Wall – Western Swing & Waltzes and Other Punchy Songs

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Je älter der mittlerweile auch schon seinen 25. Geburtstag hinter sich habende Colter Wall wird, desto höher singt er und desto mehr Coversongs bringt er auf seinen Studioalben unter.
Was einerseits absolut verschmerzbar ist, weil der Mann aus Saskatchewan bekanntermaßen weiterhin eine solche Ausnahmestimme hat, dass er auch das Telefonbuch mit inbrünstigem Gefühl intonieren könnte, seine Interpretationen von Big Iron oder dem herausragenden Cowpoke zudem in ihrer beseelten Frische zum besten gehören, was dem Katalog an unsterblichen Country-Evergreens passieren konnte.
Andererseits ist das natürlich auch schade, weil die tonalen Untiefen von etwa Codeine Dream unvergleichlich in die Magengegend gehen – und mehr noch, weil die Originale von Western Swing & Waltzes and Other Punchy Songs, wie der Quasi-Titelsong, Henry and Sam oder Houlihans at the Holiday Inn doch ziemlich mühelos neben all den Klassikern bestehen und zu einem runden Ganzen aufwerten.
Einigen wir uns also einfach darauf, dass Colter Wall mit seinem magischen Organ und unendlich viel Fingerspitzengefühl weiterhin soviel mehr Authentizität und Können in der Hutkrempe trägt, als andere in ihrem ganzen Körper – und mit seinem dritten Album auf dem besten Weg ist, irgendwann in die traditionsbewussten Annalen des Genres einzutreten.

36. Pallbearer – Forgotten Days

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Vor einer Dekade tauchten Pallbearer aus Arkansas als vielversprechende Apostel des Dooms und Verfechter dessen sperriger Schönheit auf der Bildfläche auf. Auf ihren ersten beiden LPs, insbesondere auf dem meisterhaften Foundations of Burden von 2014, zelebrierten sie die Art von obligatorischen Hooks, die Black Sabbath zu Stars machten, und erweckten den Anschein, dass jeder ihrer Zehnminüter das Ende der Welt einläuten könnte, und man einfach zu hypnotisiert wäre, dies zu bedauern. Ja, für ein paar Jahre mochte man Pallbearer Unfehlbarkeit nachsagen. Und während die progressiv in die Länge gezogenen Arrangements auf Heartless erst schwierig zu verdauen waren, verlor die Diskographie auch dadurch nur wenig an Glanz.
Forgotten Days ist über weite Strecken ein Kopfsprung zurück in die dunklen Tiefen des ursprünglichen Pallbearer-Sounds, der die drückende Stimmung des Debüts aufgreift und gleichzeitig große Teile der Prog-Schlagseite von Heartless abstreift. Recht offensichtlich dreht sich alles um Silver Wings, das 12-minütige zentrale Epos des Albums, interessanter ist jedoch fast, wovon dieser klassische Monoloith eingeklammert wird: Abgesehen von Ashes auf Foundations of Burden sind Stasis und The Quicksand of Existence mit jeweils knapp vier Minuten die kürzesten Songs in Pallbearers Diskographie, und es funktioniert – Pallbearer packen in jeden Song ein magnetisches Riff, eine zwingende Hook und mindestens einen spannenden Instrumentalteil (und schließlich auch den arschcoolen Übergang zu Vengeance & Ruination), was natürlich das Fantasy-Booking beflügelt und Wünsche nach einem ebenso prägnanten (und vielleicht wieder etwas spannender gemixten) 5. Album aufkommen lässt.

35. Pyrrhon – Abscess Time

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Bevor noch einmal im angemessenen Ausmaß gewürdigt wird, was Abscess Time ist – eines der besten progressiven Death-Alben, die in diesem Abszess von einem Jahrgang erschienen sind – soll noch einmal darüber fantasiert werden, wofür Pyrrhon sich mit weiten Teilen ihrer vier Studioplatte zumindest bewerben: Die New Yorker hätten nämlich, Metz hin und Wailin Storms her, auch eines der besten progressiven Noiserock-Alben eines egal wie unwirtlichen Jahrganges aufgenommen haben können.
Abscess Time ist aber keine verpasste Chance, die den Schritt zu neuen Ufern nicht wagt, absolut nicht. Pyrrhon treiben viel mehr ihren Sound so weit hinaus und entwickeln ihre Kernkompetenzen bis in neue potentiell einnehmbare Hoheitsgebiete. Dass das stilistische Spektrum des Quartetts derart geöffnet wird, und Pyrrhon auf einer beeindruckend breiten Basis nie zuvor derart zugänglich waren, steht der Band also in vielerlei Hinsicht einfach ausgezeichnet, ohne faule Kompromisse eingehen zu müssen.
Dass Doug Moore und Co. in diesem Evolutionsschub zudem auch noch die Zeit für neue kreative Schmelztiegel wie Glorious Depravity und wegbegleitende Institutionen wie Imperial Triumphant hatten, ohne auch nur ansatzweise ins qualitative Schwanken zu geraten, spricht zusätzlich Bände: Aus Brooklyn kam zuletzt verdammt viel großartiges – und Pyrrhon scheinen permanent an der Quelle zu sitzen.

34. The Strokes – The New Abnormal

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Es ist ein Irrtum, dass The Strokes bereits schwache Alben aufgenommen hätten; es ist allerdings korrekt, dass The New Abnormal (übrigens mit im Rennen um den Plattentitel des Jahres) die stärkste Platte der New Yorker seit fast eineinhalb Jahrzehnten darstellt.
Ausgerechnet mit Rick Rubin beweist die bandgewordene Initialzündung des 00er-Rocks, dass das Quintett einfach die bestmögliche Version seiner selbst ist, wenn es als verträgliche Korrektiv der primären Vision von Julian Casablancas fungiert – und dabei diesmal im Verlauf nicht nur Referenzen an Dancing With Myself und The Ghost in You mitnimmt, sondern auch, als wären die Strokes irgendwo zwischen einem gedrosselten Room on Fire und einem collagenartigeren First Impressions of Earth in eine alternative Realität der 80er abgebogen, um im Tranquility Base Hotel + Casino Alben von Bilderbuch zu hören.
Es ist dennoch ein Irrtum, das Ergebnis trotz unverkennbarer Handschrift konkret im schlendernden Pop, im typischen, aber ohne Dringlichkeit auskommenden Indierock, im dösenden Disco-Synth oder stoischen Kraut verorten zu wollen; es ist allerdings korrekt, dass das in seiner Neugier so reif und abgeklärt voranschreitende Sammelsurium zumindest acht Hits in Griffweite bekommt.

33. Fuck the Facts – Pleine Noirceur

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Grindcore ist ein Genre, in dem es nur selten nicht nach vorne geht. Obwohl die meisten etablierten Bands dabei mit technischer Virtuosität an ihr Material gehen, tritt dies zugunsten der klanglichen Aggression häufig in den Hintergrund. Darum hat Fuck The Facts‘ verspieltere Auffassung von Grind schon immer einen etwas weniger fauligen Wind verbreitet, als die der Konsorten.
Seit ihrem selbstbetitelten Debütalbum von 1999 war die kanadische Gruppe Vorreiter einer eklektischeren Variante des Grindcores. Zwischen tuckernden Gitarren und Blastbeats verwebt die Band sanfte Stimmungen und stilisiert ihre chaotischen Kompositionen einnehmend – und nie ist vollkommener geschehen, als auf dem 11. Studioalbum der Band, Pleine Noirceur. Der ausschweifende Opener Doubt, Fear, Neglect – wie auch der schizophrene hymnische Titeltrack ein Diskographie-Highlight – gibt den Ton an, mit krachend-hyperaktivem Schlagzeug und verzweifelten Shouts, geschultert von einem Hauch von Melodie inmitten des Chaos. Die emotionale Präsenz klingt ähnlich vielleicht nur bei den Geschwistern im Geiste von Cloud Rat nach, wenn sich Fuck The Facts von hier an mit purer, wohl kalkulierter Brutalität weiterkämpfen. Das vielleicht beste Album einer der interessantesten Bands des Genres.

32. Lianne La Havas – Lianne La Havas

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Selbstbetitelte Alben ins Rennen zu schicken, hat immer Symbolcharakter. Auch bei Lianne La Havas, selbst wenn Lianne Charlotte Barnes genau genommen nur ihren Künstlernamen als Titelspender herangezogen hat.
In Interviews erklärt die 31 Jährige jedenfalls ungeachtet eines quiekenden Phrasenschwein, dass sie sich noch nie so dermaßen bei sich selbst gefühlt habe wie auf den hier eingefangenen 52 Minuten purer Neo Soul-Zauberei, und ihr drittes Studioalbum nach einer zerbrochenen Beziehung auch inspiriert vom „life cycle of nature and its ability to thrive, go away, and come back stronger“ sei. Beide Punkte sind übrigens sofort instinktiv nachvollziehbar, weil sie authentisch von dieser absolut gefühlvollen Musik reibungslos transportiert werden, wobei zweiterem noch hinzugefügt werden kann, dass La Havas diese besagte stärkere Rückkehr auch auf ihre eigene Karriere beziehen hätte können – nach dem subjektiv enttäuschenden Vorgänger Blood ist ihr Drittwerk exakt betrachtet sogar ihr eindeutig stärkstes Output bisher.
Und obwohl die Britin bis hin zu weiten Teilen der Produktion diesmal unter so viele Aspekte des Entstehungsprozesses ihre Unterschrift setzen kann, ist Lianne La Havas kein Alleingang geworden. Diese Erkenntnis beginnt bei den spontanen Sessions mit ihrer begnadeten Band, die rund um das Radiohead-Cover Weird Fishes nach dem Glastonbury 2019 die Initialzündung für den Entstehungsprozess des Albums waren, und endet nicht mit dem Isaac Hayes-Sample im Opener und Closer Bitter Sweet – sondern damit, dass diese warme, so sparsam inszenierte Platte seine Hörer zärtlich in die Arme nimmt.

31. Fleet Foxes – Shore

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Zu der Zeit, als das dritte Album der Fleet Foxes, Crack Up, 2017 veröffentlicht wurde, schien Frontmann Robin Pecknold in einer Art existenzieller Krise zu stecken: Unter Schock vom Ergebnis der US-Wahl 2016 stopfte er seine Songs mit Allegorien auf ein anderes Amerika voll, eines Amerikas des Protests und der Unzugehörigkeit. Ein Manifest gegen das, worin viele den abrupten Stopp des sozialen Zusammenhalts und Fortschritts sahen.
Shore nun schlug überraschend inmitten einer Pandemie und von Zeiten ein, in der sich die Allgemeinsituation eher verschlechtert denn verbessert hat. Aber statt sich in rührseliges Selbstmitleid zurückzuziehen, hat Pecknold zu neuem Elan gefunden und verleiht seinem neuen Material wieder einen attraktiveren, zugänglichen Schliff. Der warme, anmutige Folk auf Shore scheint sich aus einer Paralleldimension von Crack-Up zu materialisieren, in dem es kein Leid, keine schwarzen Wolken oder auch keine Republikaner gibt. Laut Pecknold soll das vierte Album der Fleet Foxes die Botschaft eines „vollen und kräftigen“ Lebens in die Welt tragen, verlorene Helden wie John Prine feiern – ein lebensbejahendes Kleinod in den grauen Stunden der Gegenwart. Shore beschwört eine Aura üppiger Fülle inmitten der Einsamkeit und kratzt dabei meist haarscharf am Post-Bauernmalerei-Kitsch: Die ersten Momente der Platte werden der 21-jährigen Uwade Akhere überlassen, die vom Sommer erzählt, der in den Herbst übergeht, und über eine leidenschafliche Liebe. Später sollen über 400 via Instagram empfangene Stimmen „Can I Believe You“ anstimmen und mit enthusiastischen Zitaten der Beach Boys findet Pecknold endgültig zu einer neuen, vielleicht etwas altersweisen musikalischen Bestimmung.

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