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Die Alben des Jahres 2021: 30 – 21

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

30. Turnstile – Glow On

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Seit einem halben Jahr gibt es praktisch kein Vorbeikommen an Turnstile. Mit Turnstile Love Connection als Herold war Glow On praktisch unmittelbar omnipräsent – ob nun in hyperventilierenden Szene-Kreisen oder im Hype-Feuilleton, später im Jahr auch wegen grandios gefilmter Live-Sets oder eben mittels jenseits des angestammten Marktes aufmerksamkeitsgenerierender Late Night-Performances. An sich wohl nicht das idealste was passieren kann, wenn man subjektiv angesichts des dezenten Qualitätsabstieges nach dem in jeder Hinsicht besseren Time & Space (2018) eine gewisse Instant-Übersättigung am dritten Studioalbum der den Pop immer mehr vor den Hardcore stellenden Gruppe aus Baltimore empfand.
Tatsächlich mag die Allgegenwärtigkeit von Turnstile aber im negativen höchstens dazu beigetragen haben, dass man das ähnlich spaßig-kurzweilige, ähnlich mosaikförmig zusammengetragenen (aber eben doch auch merklich weniger zwingenden) Sammelsurium YAK: A Collection Of Truck Songs der Schwesterband Angel Du$t letztlich ein bisschen übersehen konnte oder das tolle Fiddlehead-Zweitwerk ins Abseits gedrängt wurde – eine (oder richtiger: die) Konsens-Antwort auf die Frage nach einem verdammt unterhaltsamen Ohrwurm-Happen für Zwischendurch war dafür zu jedem Zeitpunkt greifbar.

29. Eyehategod – A History of Nomadic Behavior

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Am (vielleicht ja wirklich vom Umzug zu ihrem neuen Label Century Media beeinflussten, sicher aber schon durch die Umstände der Entstehungsgeschichte ein neues Kapitel aufschlagenden) Sound von A History of Nomadic Behavior (der die Vocals etwa erstaunlich clean ins Spotlight holt, die Rhythmusgruppe seltsam unwuchtig, asketisch groovend inszeniert) haben sich unzählige Langzeitfans die Zähne frustriert ausgebissen – an den daraus resultierenden 42 Minuten Musik (und gerade der bärenstarken Schlussphase vor dem ikonischen Closer Everything, Everyday) aber eben auch der Großteil der restlichen Sludge-Konkurrenz.
Eyehategod agieren jenseits ihrer Trademark-Umgebung gemein und provokant, köcheln ihr eigenes Vomelette in sperrigen, verquer zerschossenen Songs, die es niemandem – weder sich selbst noch anderen! – leicht machen. Eyehategod waren aber schon immer mehr Kampf als Komfort, mehr Ekel als Wohlfühlzone – eine Herausforderung. Nicht umsonst heißt es irgendwann: „I rather be a corpse/ Than a coward“.

28. Charley Crockett – Music City USA

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Justin Vernon listet Welcome to Hard Times unter seinen Lieblingsalben des Jahres auf. Eventuell eh im Wissen, dass Charley Crockett seit dieser auf 2020 datierten Platte heuer schon wieder zwei weitere Langspieler vom Stapel gelassen hat, hat das durchaus Symbolcharakter: So pausenlos der seine Fans weit über die traditionellen Countrygrenzen abholende Crockett das Momentum für seine Veröffentlichungswut nutzt, zehrt seine Musik dabei jedoch von einer Instant-Zeitlosigkeit, die durch die Epochen und Stile des Genres mit einer bisher ausfallfreien Sicherheit flaniert.
Dass Music City USA nach besagtem Welcome to Hard Times und auch dem tollen Tribute-Werk 10 for Slim erst nicht die erwartete Euphorie auslösen wollte, war mit langem Atem und unausweichlicher Heavy Rotation also nur ein kurzer Irrtum, der schnell für Klarheit sorgte: Crockett hat schon wieder so ein Werk nahe am extrem unterhaltsamen Makellosigkeits-Anspruch aufgenommen, das die Vermutung nährt, hier die Karriere eines modernen Klassikers immer weiter und weiter wachsen zu sehen.

27. Knoll – Interstice

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In einem gefühlt doch etwas stagnierenden Genre waren es die vergangenen Jahre über doch vor allem etablierte Kombos und Musiker (wie Cloud Rat, Full of Hell, Napalm Death, Jon Chang samt etwaigen Bekanntschaften oder gleich die japanische Szene um Palm und Co.), die dem Grindcore trotz allem, immer noch und immer wieder vitale Highlights verpassten.
Umso frischer wirkt der Wind, mit dem die Newcomer Knoll die Tür vernichtend ins Haus stürmen, das Momentum auch gleich noch für ein knackiges Livealbum samt Split-EP nutzen, primär aber mit dem Flaggschiff Interstice im Sturm nehmen. Dabei setzt das Septett weniger auf originäre Originalität, als vielmehr einen extrem dichten Sound, eine intensive Atmosphäre, die durch die Ethan Lee McCarthy-Ästhetik zusätzlich verstärkt wird, und erinnerungswürdig-individuell aus dem tollen Gesamtfluss aufzeigende Szenen, die ebenso damit zu tun haben, dass die übergeordnete Dynamik der Platte mit imposanten Gewichtungen in den Death und Sludge absolut grossartig gelingt. Vielleicht liegt es als spezielle Geheimzutat aber auch einfach an der exotischen Sonderstellung, die die in Nashville stationierte Band in der Country-Hochburg genießt?

26. Mastodon – Hushed and Grim

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Dass Hush and Grim vielerorts als zu lang und auslaugend wahrgenommen wird ist schon nachvollziehbar: Beinahe jeder der 15 Songs fühlt sich an, als würden Mastodon dem großen Finale der Platte zusteuern, nur um doch nicht anzukommen – das achte Studio- und erste Doppelabum der Bandgeschichte reiht gewissermaßen zahlreiche potentielle riesige Closer über die Dauer von eineinhalb Stunden aneinander.
Die Wahrheit ist aber: Das passt einerseits zur trauernden Stimmung und Geschichte der Platte, und führt andererseits dazu, dass Mastodon sich selbst eine Last von der Schulter nehmen und damit zu einem Album finden, dass endlich wieder auf Augenhöhe mit ihren ersten vier Langspiel-Geniestreichen agiert: (Höchstens mit Ausnahme von Gobblers of Dregs) ringt sich das Quartett hier eine ausfallfreie Stafette aus episch-eingängigen Progmetal-Hymnen ab, die auf Sicht wohl nicht das Alterswerk (und schon gar nicht das Ende) der Band einleiten (obwohl beides tatsächlich kaum würdiger passieren könnte als mit Hush and Grim), sondern wie eine Frischzellenkur als ehrwürdiges Farewell an Nick John für die Zukunft wirken könnten. Majestätisch!

25. Converge & Chelsea Wolfe – Bloodmoon: I

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Nach 60 Minuten bleiben einige Fragen offen. Etwa, warum Neurosis-Mann Steve von Till keinen Bock mehr auf Bloodmoon hatte, nachdem er bei den ursprünglichen vier Konzerten 2016 noch mit an Bord war. Oder warum Ben Chisholm und vor allem Steve Brodsky, dem im Verlauf der Platte so viele der stärksten Szenen gehören, keine Erwähnung im Titel finden, obwohl Jake Bannon explizit klarstellt, dass es sich bei den elf Songs um eine Gemeinschaftsarbeit von ihm, seinen Converge-Kumpels Ben Koller, Nate Newton und Kurt Ballou sowie Chelsea Wolfe und eben den beiden erwähnten Quasi-Underdogs handelt: „These songs were written by seven people. Not only shaped by the seven, but we’re all in that mix together.“ und „With Bloodmoon, those doors are blown totally open. So everybody’s writing lyrics; everybody’s writing music; everybody’s playing music.“
Sowie natürlich – obwohl all die so abnutzungsresistenten Highlights einer kontinuierlich wachsenden Platte auf geduldiger Heavy Rotation laufen – die Frage danach, wann das illustre Gespann wohl endlich den Nachfolger zu diesem süchtig machenden Einstand liefert, der weitere Kooperationen einer sich bisweilen atemberaubend ergänzenden Konstellation aufgrund der vorsorglichen Nummerierung praktisch garantiert.

24. Panopticon – .​.​.​And Again Into The Light

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…and Again Into the Light is not a political album or social critique in the way that previous albums I have done are. (…) Lyrically the concept of the album is kind of related to the song “The Pit” from my split with Aerial Ruin… it was written in the pit. Written in dark places and trying to get out. Trying like hell to do what’s right but not being sure what right IS and how to get there. Like being so deep underwater and disoriented that you don’t know which way to swim to get to the surface. So I used the album to write my way out of it… to find my way back to the light again after being lost in the dark and disoriented for a few years.“ erklärt Austin Lunn den Hintergrund des komplettesten Panopticon-Albums, das seine stilistisch diametralen, aber so naturalistisch interagierenden Pole (Atmospheric Black Metal und Americana, Folk und Post Rock) wieder eindrucksvoll zusammenführt und sogar an der internen Messlatte Autumn Eternal vorbeiziehenden.
Richtig viel Eindruck schindet das auch deswegen, weil …and Again Into the Light zwar gut beginnt (soll heißen: The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness unmittelbar ausmerzend), sich im Verlauf jedoch immer weiter steigert und letztendlich mit den hinteren zwei Dritteln seiner Spielzeit in bestechender Form auftrumpft. Was man dann wohl auch als erlösenden Symbolcharakter für den Weg deuten kann, den Lunn mit dieser erhebenden Platte gehen will.

23. BRUIT ≤ – The Machine is burning and now everyone knows it could happen again

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Wenn am oft prolongierten Urteil, dass Postrock längstens tot sei, tatsächlich jemals etwas Wahres war (und das war es, bei aller Liebe ja durchaus), dann sollte 2021 – als zwölfmonatiger Brennpunkt, an dem von Mogwai und Godspeed über Mono bis Explosions in the Sky alle Schwergewichte der Szene aktiv wurden, während mit Kauan, Wings of Isang, Shy, Low, God is an Astronaut, Maybeshewill, Glasgow Coma Scale oder Lite beinahe auch alles einen Eintrag im Releasekalender reklamierte, was einen kleineren oder größeren Namen im Szene-Rolodex hat – aber die Renaissance des Genres eingeleitet haben.
Einen Großteil dieses Ereignisses schulterten BRUIT ≤ aus Toulouse mit ihrem (zugegebenermaßen klischeehaft betitelten) Zweitwerk The Machine is burning and now everyone knows it could happen again, das instrumentalen Rock mit neoklassizistischer Orchestrierung auf einer majestätischen Ebene zelebriert und sich damit sogar ein gutes Stück weit wie ein neu entdeckter Klassiker anfühlt. Dass die Band mittlerweile bei Pelagic angekommen ist, ist daneben ein zusätzlich adelnder Lohn.

22. Lana Del Rey – Blue Bannisters

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Während die Fronten von Chemtrails Over the Country Club im Schatten von Norman Fucking Rockwell! schnell geklärt waren, brauchte die delikate Trotzreaktion Blue Bannisters zwei Dinge: Nachträgliche Eingriffe in die Trackliste (weil das komplett deplatzierte Interlude – The Trio sowie eliminiert werden muss, wahlweise sogar auch der aufzeigende Instant-Ohrwurm/Hingucker Dealer,  der zu griffig und konturiert für den Kontext der Platte produziert ist) sowie vor allem Zeit – was natürlich symptomatisch für eine Platte ist, die kurz vor dem Release noch einmal um 180 Grad gedreht wurde und über weite Strecken praktisch eine Outtake-Sammlung alter Songs darstellt.
Mit nur wenig Abstand ist das achte Studioalbum von Lana Del Rey nach einer anfänglichen Enttäuschung jedoch längst über seinen nachhallenden Vorgänger hinweggewachsen und spielt seine Vorzüge verführerisch aus, indem es die romantische Sehnsucht der klischeehaften Lana-Formel diesmal mit soviel Understatement und inszenatorischer Zurückhaltung interpretiert, dass nicht wenige von Langeweile reden werden, wenn mit ein bisschen Geduld doch eigentlich die Rede von einem mit anmutiger Eleganz ins vorderste Diskografie-Drittel der Chanteuse schlendernden Grower sein sollte.

21. Kaatayra – Inpariquipê

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Da sieht es lange Zeit so aus, als würden sich Manso Queimor Dacordado und Sem Propósito ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, was die beste Platte von Dauerveröffentlicher Caia Lemos 2021 angeht – und werden auf die letzten Meter kurzerhand von seinem Flaggschiff Kaatayra überholt, dem der Brasilianer hier einen Zenit spendiert, auf den er über zwei Jahre und vier Alben hingearbeitet zu haben scheint: Die Verortung im Atmospheric Black Metal scheint für Inpariquipê ebenso zulässig zu sein, wie sie nach konservativen Parametern viel zu kurz und vielleicht sowieso daneben greift.
Mit dem tropikalen, folkloristische Flair der luftig eilenden Platte entwirft Lemos jedenfalls endgültig seinen eigenen, gänzlich unverwechselbaren exotischen Kosmos. Dass er dabei nicht mehr nur seinem Instinkt gefolgt ist, sondern erstmals einem übergeordneten Plan gefolgt ist, macht freilich Hoffnung, dass auch Lemos‘ Bauchgefühl, es hierbei mit einer Farewell-Platte für das Projekt Kaatayra zu tun zu haben, noch überdacht werden könnte. Selbst wenn nicht bleibt zumindest eine makellos auf den womöglich ohnedies idealen Klimax zulaufende Diskografie, deren Ende dann auch noch mehr Zeit für all die anderen grandiosen Projekte des Südamerikaners lässt.

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